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Bild: Lilly Panholzer | Addendum
Welche Kommentare von Politiker-Seiten verschwinden
23. Januar 2018 Niederösterreich Lesezeit 10 min
Etwa einer von zwanzig Kommentaren auf den Facebook-Seiten der Spitzenkandidaten und Parteien für die niederösterreichische Landtagswahl wird entfernt. Darunter finden sich unliebsame Kritik und Beiträge politisch Andersdenkender. Beschimpfungen nur selten.
5,5 Prozent

aller Kommentare werden von den Facebook-Seiten der Landesparteien und zugehörigen Spitzenkandidaten entfernt.

„Nie und nimmer! Ich erinnere mich an Ihre Zeit als Innenministerin. das hat mir gereicht.“
„Hoffentlich fällt ihm da mehr ein als wie auf seinen Kasperltheater – Plakaten bisher“
„Und was ist mit euren Kriminellen Politiker? Werden die auch abgeschoben ?“ 
„De Grünen gehöhren auch weg.“

Kommentare wie diese sind auf den Facebook-Seiten der Parteien und Spitzenkandidaten für die niederösterreichische Landtagswahl Einzelfälle. Die oben angeführten Beiträge sind Beispiele dafür, welche Form von Kommentaren sich Volkspartei, Sozialdemokraten, Freiheitliche und Grüne auf ihrer Seite nicht wünschen – sie wurden entfernt. Addendum hat die Facebook-Seiten von Mitte Dezember 2017 bis Mitte Jänner 2018 beobachtet. In diesen fünf Wochen sind 268 von 4.893 neuen Kommentaren von den Facebook-Seiten verschwunden.

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Große Unterschiede zwischen den Parteien gibt es nicht. Der Anteil bewegt sich jeweils in einem ähnlichen Rahmen. Nur bei der gesamten Zahl erhaltener Kommentare gibt es klare Unterschiede: Die Volkspartei und Johanna Mikl-Leitner sowie die FPÖ und Udo Landbauer liegen klar vor der SPÖ mit Franz Schnabl und den Grünen mit Helga Krismer.

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Kaum Hasspostings

Der Anteil entfernter Beiträge reicht demnach von 5 Prozent bei der Volkspartei und Johanna Mikl-Leitner bis zu 6,2 Prozent bei den Freiheitlichen und Udo Landbauer, wie die Datenrecherche von Addendum zeigt (mehr zur Methodik).

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Addendum hat die Facebook-Seiten von Volkspartei, Sozialdemokraten, FreiheitlichenGrünen und NEOS für Niederösterreich sowie deren Spitzenkandidaten im Zeitraum 12. Dezember bis 17. Jänner, 18 Uhr etwa fünf Wochen lang computergestützt im Zehn-Minuten-Takt überprüft und alle neu hinzugekommenen Kommentare in einer Datenbank gespeichert. Fehlte beim nächsten Besuch des Programms ein Kommentar, der vorher in der Datenbank war, wurde er als entfernt erkannt. Hinter diesem Verschwinden können drei Ursachen stehen: Der Nutzer hat den Kommentar selbst entfernt, Facebook hat den Kommentar entfernt, oder die Moderatoren der Seite haben den Kommentar verborgen. Der letztere Fall ist der wahrscheinlichste, wenn die Art der Kommentare berücksichtigt wird: Es handelt sich in den meisten Fällen um Kritik an Partei und Person. Sogenannte Hasspostings sind die Ausnahme. Dieses Muster haben auch Recherchen des Standard gezeigt. Facebook-Nutzer, die gefragt wurden, ob sie ihren Kommentar selbst entfernt hatten, verneinten dies. Diese Nutzer für die Daten zur niederösterreichischen Wahl zu kontaktieren, ist nicht mehr möglich, denn Facebook hat seine Programmier-Schnittstelle verändert. Informationen über einzelne Nutzer können nicht mehr automatisiert ausgelesen werden. Ein Kontaktieren wird dadurch verhindert.

Addendum:

Der Begriff „Hassposting” wurde redaktionsintern ausgiebig diskutiert. Er wird von uns im Kontext dieses Artikel auch ohne Vorliegen einer präzisen Definition verwendet, weil er in der öffentlichen Debatte jedenfalls ein Phänomen beschreibt, das außer Streit gestellt werden kann. Eine weitere Annäherung zur genauen Begriffsbestimmung wird in einem zukünftigen Projekt geschehen.

Dabei wären die wenigsten der entfernten Kommentare strafrechtlich relevant, sie enthalten auch kaum Beschimpfungen, Diffamierungen oder haltlose Vorwürfe. Das geht aus einer weiteren Kategorisierung der verschwundenen Beiträge hervor. Der Großteil sind kritische Kommentare oder Ausdruck politischer Auffassungsunterschiede. Manche davon sind inhaltlich nicht argumentiert oder rau im Umgangston, also unsachlich. Unterhalb der Gürtellinie sind die wenigsten.

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Auf den Seiten der Sozialdemokraten und der Grünen wird im Vergleich zu den Seiten der Volkspartei und den Freiheitlichen mehr unliebsame Kritik entfernt. Auf den Seiten der Grünen, wo insgesamt 5,6 Prozent aller Kommentare entfernt wurden, war vor allem das Video zur Vorstellung der Kandidaten im Star-Wars-Stil Anlass für Nutzerkritik.

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Das Video zur Vorstellung der Kandidaten der Grünen zog auf Facebook viel Nutzerkritik an – manche Beiträge verschwanden bald wieder.

Die gelöschten oder verborgenen Kommentare – etwa „Das ist der Beweis: peinlicher geht es IMMER 😂“ – sind nach Auffassung der Grünen Niederösterreich „keine sachliche oder inhaltliche Kritik und tragen nicht zu einem sachlichen, respektvollen Diskurs bei“, wie Sprecher Michael Pinnow sagte. Das Gleiche gelte für Kommentare, die der Partei das Ausscheiden aus dem Landtag wie der Bundespartei aus dem Parlament wünschen – etwa: „Wir brauchen Euch nicht habt ihr denn das noch nicht kapiert. Das habt ihr doch schon bei der Wahl gesehen.“

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Wohlfühlblase

Aber: Alle kritischen Kommentare hat das Social-Media-Team nicht entfernt. Weder bei den Grünen noch bei allen anderen Parteien und Spitzenkandidaten. Vielmehr wird das Meinungsklima für die jeweilige Partei in eine positive Richtung beeinflusst. Gegen ein zu harsches Vorgehen spricht etwa, dass Facebook das Video durch mehr Nutzerinteraktion in die Timeline von mehr Menschen spült. Helga Krismer hat beispielsweise zwar die wenigsten „Gefällt mir“-Klicks auf ihrer Seite (2.700), pflegt aber einen intensiveren Austausch mit den Nutzern als ihre Kontrahenten. Bei SPÖ-Spitzenkandidat Franz Schnabl ist das seltener. Von seiner Seite verschwinden vor allem kritische Kommentare zu seiner Plakatkampagne.

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„Eine zweite Meinung schadet nie“, plakatiert die SPÖ Niederösterreich. Für ihren Facebook-Auftritt stimmt das nur eingeschränkt.

Kommentare wie

  • „Und das soll lustig sein ? Mir kommt das eher nach verarsche vor!“
  • „Also in Niederösterreich macht sich die spö wirklich lächerlich mit diesen plakaten und dem werbespot […]“
  • Kasperlspiele bitte mit Kindern oder Enkerln, ist vor der Wahl nicht passend mit ParteikollegInnen“

wurden entfernt. Gabriele Strahberger, Sprecherin der niederösterreichischen Sozialdemokraten, sagt dazu: „Medien wie z.B. Zeitungen, Foren oder Fernsehkanäle wählen gezielt aus, welche Bilder, Texte, LeserInnenbriefe usw. veröffentlicht und abgedruckt/gesendet werden – das hat nichts mit Zensur zu tun, sondern geht einher mit dem eigenen Selbstverständnis und Ziel des jeweiligen Mediums. In diesem Sinne führen wir auch unseren Facebook-Auftritt.“ Man behalte sich außerdem vor, gegen „Trolle, die viel Zeit dafür aufwenden, Diskussionen gezielt zu stören“ sowie „beim Verdacht eines Fake-Profiles“ einzugreifen und die Kommentare zu verbergen.

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„Inhalte selbst aussuchen“

Der schärfste Mitbewerber um den zweiten Platz der Sozialdemokraten hat den höchsten Anteil entfernter Kommentare: die FPÖ. Von der Seite verschwinden Kommentare verschiedenen Typs. An einer Stelle wird etwa Kritik daran entfernt, dass die FPÖ NÖ die ÖVP NÖ attackiert, während es auf Bundesebene eine Koalition gibt. Außerdem verschwinden Kommentare dazu, dass die FPÖ NÖ mit ihren Plakaten eine Atmosphäre der Angst (Stichwort: Kriminalität) fördere sowie teilweise Kritik an der Politik der FPÖ als neuer Regierungspartner. Alexander Murlasits, Pressesprecher der FPÖ Niederösterreich, sagt dazu: „So wie es richtig und wichtig ist, dass strafrechtlich relevante Inhalte entfernt werden, muss es dem Seitenbetreiber auch erlaubt sein, sich die Inhalte auf seiner Seite selbst aussuchen zu können. Im Zuge der manuellen Kontrolle wird auch abgewogen, ob Kommentare Potenzial in sich tragen, das sich negativ auf die Diskussionskultur im oben angeführten Sinne auswirken kann.“

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Zweiterfolgreichster NÖ-Spitzenkandidat auf Facebook: Udo Landbauer. Er kümmert sich gemeinsam mit zwei Mitarbeitern um die Betreuung der Seite. Indra Collini (NEOS) hat selbst keine offizielle Fanseite. Auf der Seite der NEOS Niederösterreich gab es zu wenige Kommentare für eine Analyse.

Gemessen an Likes ist Udo Landbauer (27.548 Gefällt-mir-Angaben) zweitbeliebtester Spitzenkandidat. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (34.000 Gefällt-mir-Angaben) hat mehr und im Kontrast zur FPÖ den niedrigsten Anteil gelöschter Kommentare. Es sind in erster Linie Kommentare, die Mikl-Leitner als „nicht wählbar“ bezeichnen oder persönliche Antipathie für die ehemalige Innenministerin ausdrücken. Teilweise verschwinden auch inhaltliche Beiträge, etwa ein „Nein zur 3. Piste“ auf dem Flughafen Schwechat oder zur Schuldenlast des Landes. Auch die Kommentare einer Bürgerbewegung aus Langenzersdorf gegen ein Postverteilerzentrum verschwinden von der Seite.

„Breiter Austausch“

„Höflich formuliert, wurden wir massiv kontaktiert. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, das zu verbergen“, sagt Günther Haslauer, Sprecher der Volkspartei NÖ. Für das Entfernen anderer Kommentare entschuldigte er sich stellvertretend für das fünfköpfige Social-Media-Team: „Das sollte nicht passieren. Wir wollen den Austausch so breit wie möglich gestalten. Auch wenn es um Kritik geht.“

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Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner führt das Facebook-Ranking im niederösterreichischen Wahlkampf an.

Methodik

Wie funktioniert diese computergestützte Analyse?
Über eine Schnittstelle von Facebook fragen wir alle zehn Minuten ab, welche Kommentare auf der Facebook-Fanpage vorhanden sind. Verschwindet ein Kommentar, wird dieser als entfernt markiert. Das passiert für alle Kommentare, die vier Tage auf der Facebook-Seite sichtbar sind. Nach diesem Zeitablauf gehen wir davon aus, dass das Posting dauerhaft auf der Seite bleibt.

Was sind die Schwächen der automatisierten Erfassung der Kommentare?
Kommentare auf bestehende Kommentare werden nicht in die Datenbank aufgenommen. Nicht enthalten sind zudem Postings, die Sticker enthalten. Löscht Facebook, der User oder das Administratoren-Team der Seite den Kommentar innerhalb von maximal zehn Minuten, erkennt das Programm den Kommentar nicht – insofern fließt er nicht in die Analyse mit ein.

Kategorisierung der entfernten Kommentare
Kritik:

  • Jemand sagt, dass er nicht den Kandidaten oder die Partei wählen wird
  • Unterschiedliche Auffassungen zu einer politischen Position, Beispiel dritte Piste für den Flughafen
  • Links zu kritischen Artikeln
  • Der Kommentar enthält keine Beleidigungen
  • Kritik an der Art des Wahlkampfs
  • Kritik an Positionen der zugehörigen Bundespartei
  • Infragestellen von politischen Positionen
  • Einfordern von Antworten auf politische Positionen
  • Enthält ein erkennbares inhaltliches Argument
  • Fürsprache für andere Partei

Unsachliche Kritik

  • Zynismus und beleidigende Kritik, die sich Politiker „gefallen lassen“ müssten
  • Verunglimpfungen der Person
  • Enthält kein inhaltliches Argument

Beleidigungen/Hasspostings

  • Kritik, die mit Schimpfwörtern geäußert wird
  • Beleidigung und Beschimpfung überwiegt ein etwaiges, vages Argument
  • Haltlose, diffamierende Vorwürfe

Allgemeines

  • Keine erkennbare Kritik an Person/Partei selbst
  • Kann Schimpfwörter enthalten
  • Kein Zusammenhang zu Wahlkampf, Partei oder Kandidat
  • Völlig Themenfremdes

Höchste Kommentarzahl bei Johanna Mikl-Leitner

Die Facebook-Seite der Amtsinhaberin ist für alle drei Ausreißer bei der Zahl erhaltener Kommentare verantwortlich. Statusmeldungen zu Weihnachten, Neujahr und zum Wahlkampfauftakt waren die erfolgreichsten.

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Mit 4.893 Kommentaren auf den Seiten aller Spitzenkandidaten und Landesparteien in fünf Wochen kann der Facebook-Wahlkampf in Niederösterreich mit Wahlen auf Bundesebene nicht mithalten: Im Bundespräsidentschaftswahlkampf gab es allein in drei Wochen auf den Seiten von Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen 24.700 Kommentare (davon wurden 3.400 entfernt). Gleiches gilt für die Nationalratswahl im Oktober 2017: In zwei Monaten gab es 230.000 Kommentare auf den Seiten der Spitzenkandidaten (davon wurden 15.000 entfernt). Das zeigten Erhebungen des Standard. Im Vergleich zu Wahlen auf Bundesebene ist der Wahlkampf auf Facebook für die niederösterreichische Landtagswahl damit vor allem eins: überschaubar. Der gemeinsame Nenner sind unliebsame Kommentare. 

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