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Nord Stream 2 – Russlands Werk und Österreichs Beitrag

Der Arbeitsbesuch von Wladimir Putin in Wien steht offiziell im Zeichen der Feier zu 50 Jahre Gaslieferungen von Russland nach Österreich. Hinter den Kulissen wird jedoch intensiv über ein Thema gesprochen: Nord Stream 2. Warum ist Österreich von der Erweiterung der Ostseepipeline, die direkt von Russland nach Deutschland führen soll, derart angetan? Dafür gibt es mehrere Gründe.

Die Pipeline Nord Stream 2 soll direkt von Russland nach Deutschland führen und noch mehr russisches Gas nach Europa bringen. Derzeitige Transitländer wie Weißrussland, Polen und die Ukraine könnten so umgangen werden. Es ist ein hochpolitisches, brisantes Projekt, das einen Keil zwischen Russland und seine unmittelbare Nachbarschaft treibt. Nicht nur die baltischen Länder, auch Polen und die Ukraine sehen sich durch Nord Stream 2 in ihrer nationalen Sicherheit gefährdet, Russland wiederum will Gas direkt, ohne Umweg, nach Deutschland transportieren. Ein langfristiger Nutzen für Österreich und die OMV scheint derzeit noch schwer auszumachen, sollte aber vorhanden sein, zählt doch Bundeskanzler Sebastian Kurz zu den größten Befürwortern. Zumindest hat er das bei seinem letzten Besuch bei Wladimir Putin im Februar 2018 kundgetan.

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Bundeskanzler Sebastian Kurz zu Gast bei Wladimir Putin in Moskau, Februar 2018

Ähnlich wie der österreichische Bundeskanzler denkt wohl auch OMV-Boss Rainer Seele über das Projekt. Aus seiner Sicht kann Österreich nur gewinnen. Diese Euphorie erstaunt angesichts der Tatsache, dass derzeit ein Drittel aller Gasexporte Russlands über die strategisch wichtige Erdgasdrehscheibe in Baumgarten, Niederösterreich, nach Westeuropa läuft. Und das könnte sich durch Nord Stream 2 bald ändern. Die OMV argumentiert auf Anfrage jedenfalls damit, dass „Nord Stream 2 kosteneffizient die Gasversorgung Europas sichern“ werde. 

Aus österreichischer Sicht gab es bisher keinen Grund zur Klage. Das russische Gas strömte in den vergangenen Jahrzehnten sicher, pünktlich und in der bestellten Menge von den reichhaltigen Lagerstätten im Norden Sibiriens über die Jamal- sowie die Freundschaftspipeline „Drushba“ nach Westeuropa. Die OMV sieht einen weiteren Vorteil im Ausbau des Ostseepipelineprojekts darin, dass „die Transportdistanz von künftigen Gasfeldern über Nord Stream 2 wesentlich kürzer als über bestehende Routen“ sei.

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Historischer Rückblick: Der Gashahn als Machtmittel

Warum ist Nord Stream 2 nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein hochpolitisches Projekt? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick zurück.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion im Dezember 1991 lagen Abschnitte der strategisch wichtigen Rohre plötzlich in unabhängigen Staaten, die langsam, aber sicher politische und wirtschaftliche Eigeninteressen entwickelten. Das stellte für den Kreml eine Bedrohung dar. Also wurde der wertvolle Rohstoff immer wieder als politisches Druckmittel eingesetzt. Im Streit um Lieferpreise und die für Russland strategisch wichtige Beteiligung am weißrussischen Erdgasnetz durch die russische Gazprom kam es 2002 zu ersten Spannungen mit der Regierung in Minsk. In weiterer Folge reduzierte Gazprom ihre Gaslieferungen und stellte sie im Februar 2004 auf null. Der Gashahn wurde zwar bereits wenige Stunden später wieder aufgedreht, doch es wurde offensichtlich, wie weit Russland bereit ist, im Gasstreit zu gehen.

Ein zweites Beispiel: Im kalten Winter 2009/2010 wollte die Ukraine die Preiserhöhungen für russisches Gas nicht mehr akzeptieren. Erneut drosselte Gazprom die Lieferungen. Erstmals kam es auch zu Lieferengpässen in Staaten der Europäischen Union.

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Gas für Europa

Um künftig Gaslieferungen an die Euro-Zahler in Zentral- und Westeuropa sicherzustellen, begann Moskau bereits 2005 mit der Umsetzung des Pipeline-Projekts Nord Stream 1.

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Die Nord Stream AG

Die Nord Stream AG hat, so wie die Projektgesellschaft Nord Stream 2 AG, ihren Firmenhauptsitz in Zug in der Schweiz. Die Gesellschaft wurde 2005 zur Planung, zum Bau und zum Betrieb der durch die Ostsee führenden Gas-Pipeline Nord Stream gegründet. Mit einer 51-Prozent-Beteiligung ist die russische OAO Gazprom Hauptaktionär des Pipeline-Projekts. Die deutschen Energieunternehmen Wintershall Holding GmbH und PEGI/E.ON sind mit jeweils 15,5 Prozent beteiligt, die niederländische N.V. Nederlandse Gasunie und der französische Energieversorger Engie mit jeweils 9 Prozent. Vorsitzender des Gesellschafterausschusses ist Gerhard Schröder, ehemaliger Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Der erste Schritt zur Umgehung von Weißrussland, Polen und der Ukraine über die Ostsee bis ins deutsche Lubmin war 2012 abgeschlossen. Die offizielle Begründung für den Bau der Pipeline durch Gazprom und seine Partner war die Diversifizierung und somit vordergründige Verbesserung der Liefersicherheit. Höhere Pipelinekapazitäten sollten auch dem unterstellten Bedarfsanstieg in der EU gerecht werden. Diese Argumentation findet sich beim Erweiterungsprojekt Nord Stream 2 wieder. 

Das europäische Gegenmodell zu Nord Stream war das Pipelineprojekt Nabucco.

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Pipeline Nabucco

Das Projekt, das ohne die Beteiligung von Gazprom geplant war, scheiterte im Jahr 2013 an fehlenden Gaslieferverträgen. Hintergrund des Projekts war der politische Wunsch der EU nach einer echten Diversifizierung der Erdgasquellen, um die Vormachtstellung des Hauptlieferanten Gazprom zu begrenzen. Über Nabucco sollte Gas aus Aserbaidschan und später aus dem Iran und aus Turkmenistan nach Europa fließen. Einer der wichtigsten Unterstützer des Projekts Nabucco, der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer, hielt damals sinngemäß fest: „Mehrere Pipelines vom gleichen Produzenten bedeuten keine Diversifizierung.“

Bis 2019 soll nun – wenn es nach den Plänen von Gazprom geht – die bestehende Kapazität der Nord-Stream-1-Pipeline von 55 Milliarden Jahreskubikmeter Erdgas durch eine zweite Röhre verdoppelt werden.

Aber warum haben diese Pipelineprojekte einen derart hohen wirtschaftspolitischen Stellenwert?

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Der große Zwerg

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die ökonomische Lage Russlands. Wirtschaftspolitisch ist Russland ein großer Zwerg. Das russische BIP in der Höhe von 1.469 Milliarden US-Dollar (Jahr 2017) liegt etwa bei jenem von Spanien, hinter Südkorea (1.500 Milliarden US-Dollar) und Italien (1.900 Milliarden US-Dollar).

Der lange Aderlass der russischen Wirtschaft durch massive Kapitalflucht seit den 1990er Jahren, die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise, der damit einhergehende Ölpreis- und Gaspreisverfall sowie der Absturz des Rubels sind die makroökonomischen Sorgenkinder Putins.   

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Die mit Völkerrechtsverletzungen begründeten EU- und US-Sanktionen trugen weiter zur Isolierung Russlands von westlichen Kapitalgebern bei. Die – laut Internationaler Energieagentur unzureichenden – Investitionen in die Entwicklung neuer Öl- und Gaslagerstätten und  der unterlassene Aufbau wettbewerbsfähiger, umweltfreundlicherer und damit effizienterer Schwerindustrie, rächen sich.

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Die Internationale Energieagentur (IAE) mit Sitz in Paris, versucht verlässliche, leistbare und saubere Energieversorgung für ihre 30 Mitgliedstaaten sicherzustellen.

Alte Riesen

Also muss Russland seinen Staatshaushalt weiterhin zu einem wesentlichen Anteil mit dem Verkauf von Gas an seine europäischen Kunden finanzieren. Dazu gibt es bis auf weiteres – geografisch bedingt – keine realistische Alternative.
Das Problem ist nur: Die größten russischen Gasfelder Urengoi und Jamburg sind alte Riesen aus der Zeit von Chruschtschow und Breschnew und hängen damit seit rund fünfzig Jahren am Netz. Sie haben ihre beste Zeit hinter sich. Die jungen Riesen wie Shtokman und Jamal brauchen laut Experten wiederum sehr viel Kapital, um erschlossen zu werden und den Produktionsrückgang in den ausgebeuteten Gebieten zu kompensieren.

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Erdbeerzucht auf dem Mond?

Darüber hinaus verlaufen die alten Pipelinesysteme alle aus der Region der reichen Gasfelder in Westsibirien Richtung Moskau und von dort dann weiter nach Westeuropa. Beharrlich versichert Gazprom, dass russisches Gas bald auch nach China strömen werde. Damit möchte Russland den Wachstumsmarkt China als alternativen Abnehmer aufbauen und den Gaspreis maximieren.

Der Flüssiggas-Lobbyist Rudolf Huber (Verein LNG-Austria) vergleicht jedoch die russische Idee, sibirisches Erdgas über Pipelines nach China zu exportieren, mit einer Erdbeerzucht auf dem Mond. „Technisch können wir natürlich Erdbeeren auf dem Mond züchten, nur wirtschaftlich ist das nicht.“ Diese Theorie wird durch zwei Ereignisse gestützt:

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  1. Im Jahr 2014 begannen die Arbeiten an der längsten Gaspipeline der Welt namens „Die Kraft Sibiriens“, jener Ost-West-Pipeline, die am geografischen Hindernis des Himalaya-Hochlands nördlich vorbei verlaufen soll und an dessen anderen Ende China stehen sollte. Alleine auf russischer Seite dürfte das Projekt bis zur Fertigstellung rund 45 Milliarden Euro kosten. Die Fertigstellung sollte ursprünglich 2019 erfolgen, verzögert sich aber voraussichtlich um Jahre. Durch die hohen Investitionskosten soll der Verkauf russischen Gases nach China nur für einen höheren als den europäischen Preis profitabel sein.
  2. Vergangenes Jahr startete Russlands zweitgrößter Gaskonzern Nowatek mit dem Export von  Flüssiggas von der Halbinsel Jamal. Bis zum Endausbau sollen über 25 Milliarden Euro in den Bau des größten Flüssiggas-Terminals der Welt fließen. Ein solches Terminal steht in direkter Konkurrenz mit Pipeline-Gaslieferungen nach China.
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Somit dürfte dem russischen Staatschef Putin – aufgrund der Lage der Ressourcen, aber auch der vorhandenen Infrastruktur – gar nichts anders übrig bleiben, als den Gaskonsumenten Europa möglichst lange und möglichst exklusiv zu bedienen. Konkurrenz aus anderen Quellen – sei es Flüssiggas oder Pipelines aus anderen Regionen – steht dabei im Weg. Womit wir wieder bei Nord Stream 2 wären.

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Die kommerzielle Ratio

Die Gesamtkosten des Projekts Nord Stream 2 wurden mit rund 9,5 Milliarden Euro veranschlagt. Bei einer Länge von 1.224 Kilometern kommt der Laufmeter der Röhre mit 120 Zentimeter Durchmesser somit auf 7.700 Euro. Die erste Röhre Nord Stream 1, welche die gleiche Strecke nimmt, wurde ursprünglich mit vier Milliarden veranschlagt und kostete am Ende 7,5 Milliarden Euro: rund 21 Prozent weniger als die geplanten Kosten für Nord Stream 2, obwohl die Machbarkeitsstudien, geophysikalischen Untersuchungen des Meeresgrundes, die Umweltstudien und die Entfernung von Munitionsaltlasten darin enthalten waren.

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Die OMV als Geldgeber

An den Baukosten für die zweite Röhre durch die Ostsee beteiligt sich die OMV mit zehn Prozent. Weitere Partner der 100-prozentigen Gazprom-Tochter Nord Stream 2 AG mit Sitz in der Schweiz sind Wintershall, ehemaliger Brötchengeber des nunmehrigen OMV-Generaldirektors Rainer Seele, sowie Engie, Uniper und Royal Dutch Shell.

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Die Nord Stream 2 AG unterzeichnete am 24.04.2017 die Finanzierungsvereinbarungen zum Projekt der Pipeline Nord Stream 2. Bild: Gazprom

Ursprünglich war für den finanziellen Beitrag eine direkte Beteiligung der OMV an der Schweizer Nord Stream 2 AG vorbereitet. Dieser Plan scheiterte jedoch am Widerstand der polnischen Kartellbehörden. In Folge zogen sich neben der OMV auch die anderen geplanten Aktionäre auf die Rolle von Kapitalgebern zurück. Nunmehr agiert die OMV in diesem Projekt als Bank, die das Projekt mitfinanziert. Die OMV erklärt dazu, sie erhalte dafür „attraktive Zinsen“, muss aber zugestehen, dass sie keine Mitsprache bei der Gestaltung der künftigen Tarifkonditionen bzw. Nutzungsberechtigungen hat.

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Das polnische Kartellverfahren zu Nord Stream 2

„New European Pipeline AG“ war jenes Projektunternehmen, das 2015 den Bau von Nord Stream 2 übernehmen sollte. Daran war Gazprom zunächst mit 50 Prozent und BASF/Wintershall, Engie, Uniper, OMV und Royal Dutch Shell waren mit je 10 Prozent beteiligt. Ende 2015 stellten Gazprom & Co. bei der polnischen Wettbewerbsbehörde UOKiK einen Antrag auf Genehmigung zum Bau und Betrieb der Nord Stream 2 Gaspipeline.

Im Juli 2016 legte die UOKiK in einem Kartellverfahren Einspruch gegen den Zusammenschluss mehrerer europäischer Unternehmen zu einem Joint Venture mit Gazprom ein. Die Behörde sah eine Verletzung von polnischem und EU-Recht und argumentierte, dies würde zu einer Einschränkung des Wettbewerbs führen und die Verhandlungsposition von Gazprom weiter stärken.

Gazprom & Co. beeinspruchten das Verfahren jedoch nicht, sondern zogen ihren Antrag zurück. In der Folge schieden die Gazprom-Partner Wintershall, Engie, Uniper, OMV und Royal Dutch Shell als Aktionäre aus, und eine Tochtergesellschaft der Gazprom übernahm alle Anteile an der neuen Projektgesellschaft Nord Stream 2 AG.

Als dieselben ehemaligen Joint-Venture-Partner statt einer direkten Beteiligung Kapitalzusagen proportional zu den ursprünglichen Aktienanteilen einräumten, wurde die polnische Wettbewerbsbehörde erneut aktiv. UOKiK interpretiert das neue Vorgehen von Gazprom & Co. als Umgehung des Verbots und somit als Rechtsverletzung.

Die Frist, welche UOKiK allen sechs Unternehmen zur Stellungnahme eingeräumt hat, endete im Mai 2018. Mit einer Entscheidung zur weiteren Vorgangsweise wird nicht vor Juni gerechnet.

Die polnische Behörde könnte Strafzahlungen, aber auch das Verbot zur Finanzierung von Gazprom durch die Partnerfirmen verhängen. Gazprom & Co. könnten dagegen erstinstanzlich vor einem Gericht in Polen berufen.

All dies würde viel Zeit in Anspruch nehmen, aber den Bau nicht stoppen. 

Gazprom erwartet Milliardengewinne

Gazprom erwartet sich durch den Ausbau des Gasnetzes zusätzliche Einnahmen in Milliardenhöhe. Der Vorstandsvorsitzende Alexei Miller bezifferte den zusätzlichen Gewinn für Gazprom durch die Nutzung von Nord Stream 2 mit 45 bis 78 Milliarden US-Dollar innerhalb von 25 Jahren. Interessant bleibt die Frage, welchen wirtschaftlichen Vorteil die OMV und ihre österreichischen Gaskunden aus Nord Stream 2 ziehen.

Theoretisch könnte die OMV und somit ihre Kunden in Österreich beim Transit durch die Ostsee und Deutschland günstigere Leitungsgebühren als bei aktuellem Gastransit durch die Ukraine erhalten. Praktisch scheint dies bei einer teuren Neuanschaffung im Vergleich zu einer seit Jahren amortisierten Pipeline jedoch unwahrscheinlich.

Dazu kommt, dass Gazprom den Transitvertrag durch die Ukraine mit Naftogaz nicht verlängern will. Welche Konsequenzen hätte der Ausfall dieses Transitgeschäfts und die Umleitung von russischem Gas über Deutschland für die Gasdrehscheibe Baumgarten und die OMV-Tochterunternehmen Gas Storage GmbH bzw. die Gas Connect Austria GmbH? Dazu erklärt der OMV auf Anfrage: „Gas aus Nord Stream 2 wird über bestehende und in Errichtung befindliche Gasleitungen in Deutschland und Tschechien weiter nach Slowakei und Österreich transportiert werden.“ 

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Der Ex-Finanzminister als Berater

Dafür zelebrierten am Montagabend, dem 4. Juni 2018, rund 800 hochrangige Gäste aus Russland und Österreich die erfolgreiche Zusammenarbeit der OMV mit Gazprom in der Hofburg. Neben den Größen aus Wirtschaft und Politik (Gerhard Schröder, Alexander Medwedew, Alexei Miller, HC Strache, Norbert Hofer, Johann Gudenus, Karin Kneissl, Christoph Leitl, Ewald Nowotny, Siegfried Wolf, Wolfgang Fellner, Rainer Nowak) war wohl auch der ehemalige Finanzminister Hans Jörg Schelling geladen. Bis vor kurzem als Finanzminister noch oberster offizieller Vertreter des staatlichen Kernaktionärs ÖBIB, wechselte Schelling kurzerhand und ohne die international übliche Abkühlphase im Mai die Seiten. Als Berater der Schweizer Nord Stream 2 AG wird er sich intensiv für den Bau der russischen Gasleitung nach Deutschland starkmachen.

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Cooling Down Phase

Als Cooling-down-Phase (oder Cooling-off-Phase) wird eine bestimmte zeitliche Periode nach Verlassen eines politischen Amtes oder eines Amtes in der Verwaltung bezeichnet, in der der ehemalige Amtsträger keine berufliche Aufgabe in der Privatwirtschaft übernehmen darf, die direkt mit der bisherigen Tätigkeit auf staatlicher Seite im Zusammenhang steht. Dadurch soll verhindert werden, dass Wissen und Kontakte aus der Verwaltung für besondere Vorteile von Einzelpersonen oder Unternehmen verwendet werden, insbesondere im Zusammenhang mit Lobbying. Für die Korruptionsprävention hat dieser Mechanismus ebenso große Bedeutung, da allzu enge Verflechtungen von ehemaligen Amtsträgern und privatwirtschaftlichen Unternehmen vermieden und so korruptionsgefährdete Konstellationen oder Situationen verringert werden.

Beispielsweise kann ein Minister nach dem Abgang aus seinem Regierungsamt nicht Vorstand, Aufsichtsrat oder Berater eines Unternehmens werden, das im öffentlichen Eigentum steht und in den bisherigen Tätigkeitsbereich des Ministers fiel. Eine ähnliche Regelung ist eine Cooling-down-Phase für scheidende Vorstandsmitglieder einer börsennotierten Aktiengesellschaft, die gem. § 86 Abs 4 Z 2 AktG während der Dauer von zwei Jahren nicht in den Aufsichtsrat desselben Unternehmens wechseln dürfen.

Quelle: http://www.compliance-praxis.at

Apropos Lobbying.

OMV-Lobbying in Washington

Auch wenn die US-Führung unter Präsident Trump den Eindruck eines unberechenbaren Akteurs auf internationalem Parkett erweckt, so gibt es doch eine politische Konstante: die Ablehnung der russischen Pipelines nach Europa. Von Bush bis Obama sprachen sich alle Amtsvorgänger Trumps durchwegs gegen die russischen Energieprojekte aus. Auch unter Trump wird vor einer drohenden Unterwanderung der europäischen Energiesicherheit durch Russland gewarnt und durch die gegenwärtige amerikanische Sanktionspolitik verstärkt ins Visier genommen. Als uneigennützig dürfen die US-Bestrebungen unter Donald Trump jedenfalls nicht gesehen werden. Den USA geht es vorrangig um die Steigerung ihrer eigenen Gas-Exportzahlen. Amerikanisches Flüssiggas soll künftig russische Erdgaslieferungen vom europäischen Markt zurückdrängen.

Im März 2018 haben 39 US-Senatoren ein Schreiben an US-Vize-Außenminister John Sullivan und Finanzminister Steve Mnuchin gerichtet. Unter den Unterzeichnern sollen überwiegend Republikaner gewesen sein, einige aus sogenannten „Fracking-Bundesstaaten“, die in den russischen Aktivitäten rund um Nord Stream 2 eine wirtschaftliche Bedrohung sehen und Präsident Donald Trump aufforderten, „alle Mittel einzusetzen“, um den Bau der Pipeline zu verhindern. Vor diesem Hintergrund sind die Gegenmaßnahmen von Gazprom und seinen Partnern in Washington zu sehen.

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Hydraulic Fracturing oder kurz Fracking (Aufbrechen) ist eine Methode zur Erzeugung von Rissen im Gestein einer Lagerstätte im tiefen Untergrund. Beim Fracking wird durch eine Bohrung unter hohem Druck eine Flüssigkeit in den geologischen Horizont, aus dem gefördert werden soll, gepresst. Ziel ist es, die Durchlässigkeit der Lagerstättengesteine zu erhöhen. Dadurch können darin befindliche Gase oder Flüssigkeiten leichter und beständiger zur Förderbohrung fließen und gewonnen werden.

Interessant ist nun, welche Maßnahmen die in der Schweiz ansässige Nord Stream 2 AG setzt. 2017 überwies die Firma, die von der OMV mitfinanziert wird, 1,45 Millionen US-Dollar an die folgenden vier PR- und Lobbyagenturen in Washington: Roberti Global, Hawksbill Group, Capitol Counsel und SMW Partners.

Abgesehen von den umfangreichen Zahlungen der Nord Stream 2 AG investierte auch die OMV selbst Geld für Stimmungsmache in der US-Hauptstadt.

So zahlte die OMV von Oktober 2017 bis April 2018 weitere 80.000 Dollar an McLarty Inbound LLC.

Diese Agentur tauchte bereits im April 2016 als Empfänger von weiteren 230.000 Dollar im Washingtoner Lobbying-Report auf. Damals erhielt McLarty die Summe von einem Klienten namens „New European Pipeline AG“, also der Vorgängergesellschaft der Nord Stream 2 AG. In Summe erhielt die Agentur um den ehemaligen US-Botschafter in Deutschland, Richard Burt, bis heute 690.000 Dollar von der Pipelinegesellschaft.

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Meinungsbildung

Dem Republikaner Burt wird Einfluss auf Donald Trumps erste außenpolitische Rede vom 27. April 2016 nachgesagt. In jener Rede sprach Trump von einer Verbesserung der Beziehungen zu Russland.

Laut dem Washingtoner Lobby-Register haben die beiden Projektgesellschaften Nord Stream 2 AG (1,830 Millionen Dollar), New European Pipeline AG (690.000 Dollar) sowie die OMV AG (80.000 Dollar) seit 2016 insgesamt 2,6 Millionen Dollar für Meinungsbildung in Washington bezahlt.

Die Frage, warum und wofür ein teilstaatlicher österreichischer Ölkonzern direkt und indirekt Lobbyisten in Washington bezahlt, beantwortet die OMV folgendermaßen: „Anlassbezogen beauftragt OMV externe Berater, das ist eine in der Wirtschaftswelt gängige Praxis.“ Das bedeutet: Der österreichische Konzern bezahlt Lobbyisten in Washington für ein reines Gazprom-Projekt, für das er eigentlich nur Geldgeber ist.

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Fazit: Kein rein wirtschaftliches Projekt

Der Treiber des Projekts Nord Stream 2 ist die teilstaatliche Gazprom, als langer Arm des Kremls. Gazprom möchte ihr Gas auch dann verkaufen können, wenn die bestehenden Pipelines in der Ukraine, in Polen oder Weißrussland nicht verwendet werden können oder sollen.

Das Projekt Nord Stream 2 könnte dazu dienen, die ukrainischen Transitleitungen auszutrocknen und Kiew die Transitgebühren von bis zu zwei Milliarden Euro pro Jahr abzugraben. Die Ursachen für so ein Szenario könnten militärische Auseinandersetzungen oder ökonomische Druckmittel sein. Somit ist Nord Stream 2 wohl kaum mehr als „rein wirtschaftliches Projekt“ zu betrachten, wie Russlands Präsident Wladimir Putin stets beteuert.

Die Länder Westeuropas werden russisches Gas trotz wiederkehrender Menschen- und Völkerrechtsverletzungen weiter abnehmen. Das liegt weniger an moralischer Kurzsichtigkeit oder vermeintlich mangelnden Energieversorgungsalternativen, es ist einfach eine Preisfrage.

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Rainer Seele, der seit 2015 dem Vorstand der OMV vorsitzt, argumentiert im Interview mit Addendum das rund eine Milliarde Euro schwere Engagement der OMV im Projekt Nord Stream 2 mit einer Erhöhung der Transitsicherheit für Österreich. Die physische Liefersicherheit war jedoch in der Geschichte bis heute alleine durch den Lieferanten Gazprom selbst gefährdet. Eine tatsächliche Diversifizierung von Gasquellen wird auch durch den Bau einer weiteren Pipeline nicht erreicht, wenn der Lieferant derselbe bleibt. 

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Das Rechercheteam

Christoph Hanslik
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Christoph Hanslik war in den vergangenen 17 Jahren als Unternehmer am internationalen Finanzmarkt tätig. Seine Erfahrungen stellte er drei Jahre im Parlament als Fachreferent für die Bereiche Budgetausschuss, Finanzausschuss, ESM-Ausschuss sowie als Teamleiter des HYPO-Untersuchungsausschuss zur Verfügung. Jetzt berät er das investigative Rechercheteam von Addendum.

Johannes Kaiser
Team Investigative Recherche

Johannes Kaiser studiert Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Neben dem Studium war er in einer Wiener Bankenrechtskanzlei tätig, bevor er ins Parlament wechselte. Dort arbeitete er als Analyst im HYPO-Untersuchungsausschuss und später im Finanz- und Budgetbereich. Addendum ist seine erste Station in der Medienbranche.

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