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Wer am häufigsten im ORF auftritt

Vor allem vor den Nationalratswahlen wird darauf geachtet, welche Partei wie oft und wo zu Wort kommt. Wie häufig Vertreter der ÖVP, SPÖ und FPÖ in den wichtigsten politischen Sendungen des ORF zu Gast sind: eine Analyse.

Daten
14.10.2019

Der ORF hat für eine „objektive Auswahl und Vermittlung von Informationen in Form von Nachrichten und Reportagen“ zu sorgen. Das ist im ORF-Gesetz festgehalten. Wie diese Ausgewogenheit in der Praxis ausgelegt wird, hängt von den jeweiligen Redaktionen ab. Von politischen Akteuren, vor allem von FPÖÖVP und Peter Pilz, gab es dafür regelmäßig Kritik. Während der inhaltliche Ton des ORF gegenüber einer Partei nicht messbar ist, kann erfasst werden, wer als Studiogast in den Sendungen auftritt. Addendum hat daher die Studiogäste vier wichtiger Sendungen umfangreich ausgewertet: zwei TV-Formate von ORF 2, nämlich die „Zeit im Bild 2“ und „Im Zentrum“ sowie zwei Ö1-Radiosendungen, das „Morgenjournal“ und  das „Journal zu Gast“, jeweils im Jahr vor der Nationalratswahl 2017 und 2019. Die Ergebnisse bilden eine gute Basis für eine Debatte über die politische Ausgewogenheit des ORF.

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Der Einladungsprozess

ZIB-2-Anchorman Armin Wolf sagte in einem Interview dazu: „Wir kriegen sehr viele Absagen. Es ist nicht so, dass wir jeden Tag den einen Gast anrufen und der sofort ‚Ja‘ sagt. Oft erst der Fünfte und manchmal auch erst der Fünfzehnte.“ Ein Grund für die ungleiche Verteilung könnte also die Tatsache sein, dass der Eingeladene nicht kommen wollte, sei es wegen der unvorteilhaften Thematik oder der ungeeigneten Zielgruppe der Sendung. Dass etwa freiheitliche Politiker im Ö1-Morgenjournal selten zu hören sind, liegt laut ORF daran, dass Einladungen häufig ausgeschlagen werden. Ob dies allein die geringe Anzahl an FPÖ-Auftritten erklärt, bleibt unklar.

Zudem spiele die Themenlage des politischen Diskurses eine Rolle. So sei es abhängig von der öffentlichen Debatte, welches Bundesland, Ressort oder welche Partei thematisch relevanter und aus Sicht der Redaktion für ein Interview geeigneter erscheint. Beispielsweise ist es beim Thema Umweltschutz naheliegender, die Ministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus einzuladen, und nicht den Innenminister. Dementsprechend hat der redaktionelle Fokus großen Einfluss darauf, wer letztlich im Studio sitzt. Der vormalige Bundeskanzler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz war im vergangenen Jahr am häufigsten im Blickpunkt – was dem oft zitierten Bild eines Schweigekanzlers widerspricht.

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Die FPÖ am häufigsten bei Armin Wolf

Schlüsselt man die Parteizugehörigkeit der Gäste nach dem jeweiligen Moderator auf, so kamen über 73 Prozent der FPÖ-Studiogäste zu Armin Wolf. Das ist insofern überraschend, als die Partei ein angespanntes Verhältnis zum ZIB-2-Anchorman hat. So bezichtigte ihn Heinz-Christian Strache auf seiner Facebook-Seite indirekt als „Lügner“, wofür er sich später in der Krone und auf Facebook entschuldigte und 10.000 Euro Entschädigung zahlte, um eine juristische Auseinandersetzung zu vermeiden. Auf Martin Thür, der zumeist die „ZIB 2 am Sonntag“ moderierte, entfielen nur 5 Prozent, und auf Lou Lorenz-Dittlbacher 21 Prozent der freiheitlichen Gäste. Dazu ist anzumerken, dass ZIB-2-Anchorman Wolf 2019 auch insgesamt die meisten Sendungen moderiert hat.

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Interviews sind eine Männerdomäne

In allen politischen Sendungen haben Frauen einen sehr kleinen Anteil an den Studiogästen, obwohl der ORF nach Eigenaussage „sehr auf die Ausgewogenheit der Geschlechter achtet“. Am ausgeglichensten ist noch die Sendung „Im Zentrum“ mit einem Frauenanteil von rund 37 Prozent im Jahr 2019. Deutlich dahinter liegen „Morgenjournal“, „ZIB 2“ und „Journal zu Gast“. Dort liegt der Anteil zwischen 20 und 25 Prozent.

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Der Grund dafür liege, so der ORF, an der Männerdominanz in der Politik. Betrachtet man nur die Experten in allen Sendungen, ist das Ergebnis aber nicht anders. Der Frauenanteil liegt hier bei etwa 23 Prozent. Der häufigste Gast in der ZIB 2 war Peter Filzmaier: Er kam 20-mal vor der Wahl 2019 ins ZIB-2-Studio.

Auch bei den Moderatoren der ZIB 2 gibt es Auffälligkeiten. Während bei Armin Wolf und Martin Thür 21 und 22 Prozent der Gäste weiblich sind, sind es bei Lou Lorenz-Dittlbacher 28 Prozent. Der ORF teilte uns mit, dass nicht die Moderatoren allein entscheiden, wer an diesem Tag zu Gast im Studio sein wird, sondern die Entscheidung in einem Diskussionsprozess zwischen Fachressort, Sendungsverantwortlichen und Chefredaktion getroffen werde.

Grundsätzlich kommt jede Parlamentspartei in Studioauftritten zu Wort, wenn auch nicht in gleichem Ausmaß. Dass in Nachrichtensendungen politische Entscheidungsträger und damit Regierungsmitglieder häufiger zu Gast sind, entspricht dem ORF-Gesetz. Damit ist üblicherweise aber auch ein Wahlkampfvorteil für Regierungsparteien verbunden. Praktisch gab es ihn durch die Übergangsregierung nicht. Letztlicht liegt es aber an den Politikern und ihren Auftritten, ob die Auftritte auch zum Vorteil genutzt werden. 

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Methodik

Im Zuge der Recherche wurden die Gäste zum einen aus Presseaussendungen auf www.ots.at und zum anderen von den ORF-Transkripten, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Austria Presse Agentur zugänglich macht, automatisiert extrahiert und bei Fehlern händisch korrigiert. Im Anschluss erfolgte die Typisierung des Gastes nach Funktion (Politiker, Ex-Politiker, Experte, Sonstiges). Falls der Gast im jeweiligen Zeitraum aktiver Politiker war, wurde ihm eine Partei zugeordnet. Außerdem erhoben wir das Geschlecht des Studiogastes. Beim Morgenjournal um 7 und 8 Uhr war eine Person häufig in beide Sendungen eingeladen war. In diesem Fall wurde sie nur einmal gezählt. Auch live zugeschaltete Personen wurden als Studiogäste betrachtet.

Bei der Auswertung des Frauenanteils sind Schaltungen zu Korrespondenten nicht enthalten. Das trifft auf 20 Prozent der Auftritte zu.

Das Rechercheteam

Peter Walchhofer
Gerald Gartner

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Markus „Fin“ Hametner

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

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14.10.2019

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Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Markus „Fin“ Hametner

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

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