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Pestizid­verbrauch: Medien vermitteln falsches Bild
22. Juni 2020 Pestizide Lesezeit 8 min
Addendum hat bislang unveröffentlichte Zahlen zum Verkauf von Pflanzenschutzmitteln ausgewertet. Sie zeigen: Berichte über einen angeblich stark gestiegenen Pestizidverbrauch sind grob irreführend. Ein Zuwachs ist vor allem bei bio-konformen Pestiziden zu beobachten. Die Verkaufsmengen synthetischer Mittel sinken seit Jahren.
Dieser Artikel gehört zum Projekt Pestizide und ist Teil 9 einer 9-teiligen Recherche.
Bild: Christian Beutler  | picturedesk.com

Am 3. Juni veröffentlichte die europäische Statistikbehörde Eurostat Verkaufszahlen von Pestiziden. In Österreich, so heißt es in der Meldung der Behörde, wurden 2018 um 53 Prozent mehr Pflanzenschutzmittel abgesetzt als noch 2011. Nur in Zypern sei der Anstieg mit plus 94 Prozent noch stärker. Am selben Tag titelte ORF.at: „Starker Anstieg bei Pestizidverbrauch“. Ähnliche Schlagzeilen produzierten die Kronen Zeitung und die Kleine Zeitung. Und die SPÖ-Landwirtschaftssprecherin Cornelia Ecker kommentierte per Aussendung: „Das ist ein Skandal.“

Aber warum sollte ausgerechnet im „Bioweltmeister-Land“ Österreich der Einsatz von Pestiziden innerhalb weniger Jahre derart in die Höhe schnellen?

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Addendum liegen die neuesten, bis 2019 reichenden Pestizidverkaufszahlen der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) vor, die auch in dem im kommenden September vom Landwirtschaftsministerium herausgegebenen Grünen Bericht 2020 enthalten sein werden. Die von Eurostat verwendeten Zahlen beruhen grundsätzlich auf derselben Datengrundlage.

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Natürliches Gas verändert die Statistik

Um zu verstehen, was sich hinter den Zahlen verbirgt, muss man wissen: Im Jahr 2016 wurden erstmals die sogenannten inerten Gase zugelassen, die somit auch erstmals in der Statistik für das Jahr 2016 auftauchen. Das Gas wird zwar in der Statistik gemäß seiner Wirkung als Insektizid geführt, ist aber gleichzeitig ein natürlicher Bestandteil der Luft und zeigt als solcher keinerlei chemische Wirksamkeit im Sinne eines Umweltgifts. Zumal es in geschlossenen Räumen und nicht im Freien angewendet wird. Seine umweltphysikalische Wirksamkeit als Treibhausgas hat in diesem Zusammenhang ebenfalls keinerlei Bedeutung.

Gravierend wirkt sich das Gas allerdings auf die Statistik aus: Rechnet man es dazu – wie es formal richtig ist – liegen die Verkaufszahlen von Pestiziden für das Jahr 2019 bei knapp 5.000 Tonnen. Lässt man es außer Acht, liegt die Zahl bei rund 3.500 Tonnen.

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Pestizide lautet der Überbegriff. Wichtigste Unterkategorien sind Herbizide, Fungizide und Insektizide.

Bedeutet: reaktionsträge.

Es handelt sich dabei ausschließlich um Kohlendioxid-Gas, mit dem Vorratslager begast werden, um durch den resultierenden Sauerstoffentzug Erntegut vor Schädlingen zu schützen. Das passiert sowohl mit biologisch als auch mit konventionell angebauten Lebensmitteln.

Warum schwanken die Zahlen?

Es handelt sich um Verkaufszahlen und nicht um Zahlen zur tatsächlichen Verwendung. Mittel können durchaus in einem Jahr gekauft und erst in einem der Folgejahre verwendet werden. Vor allem aber zeigen sich in den Verkaufszahlen immer schon jährliche, wetterbedingte Schwankungen: Manche Pflanzenkrankheiten oder -schädlinge verbreiten sich eher in trockenen, andere eher in regenreicheren Jahren. Und schließlich schwanken auch die Anteile der angebauten Feldkulturen von Jahr zu Jahr und mit ihnen die jeweils speziell dafür eingesetzten Pflanzenschutzmittel.

Die in der Grafik dargestellte und bis ins Jahr 1991 zurückreichende Zeitreihe der Verkaufszahlen macht deutlich: Die Entwicklung der Gesamt-Verkaufszahlen zeigt ohne das (inerte) Kohlendioxid-Gas keinen belastbaren Trend. Über den betrachteten Zeitraum sind die Verkäufe weder eindeutig gestiegen noch zurückgegangen. Die Schwankungen spiegeln vor allem erklärbare Ursachen wider, wie etwa wetterbedingten Schädlingsdruck.

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Leichter Rückgang bei chemisch-synthetischen Mitteln

Zum anderen ist bei der Gruppe der chemisch-synthetischen Wirkstoffe eher ein rückläufiger Trend erkennbar. 2019 wurde mit 2.137 Tonnen zum vierten Mal in Folge eine geringere Menge davon abgesetzt als jeweils im Jahr davor.

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Unbeliebtes Thema „Bio-Pestizide“

Welche Rolle spielt die Biolandwirtschaft? Es ist nicht gerade ein Lieblingsthema ihrer Verbandsvertreter, dass sich hinter der Gesamtzahl verkaufter Pestizide selbst bei Nicht-Berücksichtigung von Kohlendioxid-Gas ein erheblicher Anteil an Wirkstoffen verbirgt, die auch Ökobauern regelmäßig einsetzen. Bio Austria führt in seinen aktuellen Produktionsrichtlinien rund 30 entsprechende Stoffe oder Stoffgruppen auf. Darunter „Bio-Mittel“ wie Kupfer, Schwefel, Pyrethrine oder das von Bakterien produzierte Spinosad. Diese Substanzen gelten zwar als natürlich, aber auch sie können durchaus etwa Regenwürmer oder Bienen schädigen. Dennoch sind sie laut EU-Bioverordnung zugelassen.

Wenn in öffentlichen Debatten von Pestiziden und ihren Umwelt- und Gesundheitsrisiken die Rede ist, dann sind meist ausschließlich jene synthetischen Wirkstoffe gemeint, die in der Biolandwirtschaft verboten sind. Auch wenn das Gefahrenpotenzial eines Stoffes, rein wissenschaftlich betrachtet, kaum etwas mit der Frage zu tun hat, ob dieser Stoff natürlichen Ursprungs ist oder aus der Chemiefabrik kommt. Neutral formuliert könnte man daher auch von chemisch-synthetischen und chemisch-natürlichen Mitteln sprechen.

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Bio-konforme Pestizide laut Bio Austria

Substanzen pflanzlichen und tierischen Ursprungs

  • Allium sativum (Knoblauchextrakt)
  • Azadirachtin aus Azadirachta indica (Neembaum)
  • Grundstoffe (einschließlich Lecithine, Saccharose, Fructose, Essig, Molke, Chitosanhydrochlorid* und Equisetum arvense usw.) (*aus nachhaltiger Fischerei oder biologischer Aquakultur)
  • Bienenwachs
  • COS OGA
  • Hydrolisiertes Eiweiß, ausgenommen Gelatine
  • Laminarin
  • Maltodextrin
  • Pheromone
  • Pflanzenöle (z.B. Minzöl, Kienöl, Kümmelöl)
  • Pyrethrine
  • Quassia aus Quassia amara
  • Repellents (Geruch) tierischen oder pflanzlichen Ursprungs/Schafsfett
  • Salix spp. Cortex (auch bekannt als Weidenrindenextrakt)
  • Terpene (Eugenol, Geraniol und Thymol)

Mikroorganismen oder von Mikroorganismen erzeugte Substanzen

  • Mikroorganismen (Bakterien, Viren, Pilze) z.B. Bacillus thuringiensis, Granuloseviren
  • Spinosad
  • Cerevisan

Andere Substanzen

  • Aluminiumsilikat (Kaolin)
  • Calziumhydroxid
  • Kohlendioxid
  • Kupferverbindungen in Form von: Kupferhydroxid, Kupferoxychlorid, Kupferkalkbrühe, Kupferoxid und dreibasischem Kupfersulfat
  • Diammoniumphosphat
  • Ethylen
  • Fettsäuren
  • Eisen-(III)-Phosphat (Eisen-(III)-Orthophosphat)
  • Kieselgur (Diatomeenerde)
  • Schwefelkalk (Calciumpolysulfid)
  • Paraffinöl
  • Kalium und Natriumhydrogencarbonat (auch bekannt als Kalium/Natriumbicarbonat)
  • Wasserstoffperoxid
  • Natriumchlorid
  • Quarzsand
  • Schwefel

Quelle: Bio Austria

Neuer Bericht – neue Statistik

Dennoch: Um diese Debatten auf eine solide Datengrundlage zu stellen, braucht es also eine Statistik, die die Gruppe der synthetischen Wirkstoffe vollständig vom bio-konformen Rest getrennt aufführt. In den Grünen Berichten wurden bislang lediglich die gebräuchlichsten „Bio-Mittel“ wie Kupfer oder Schwefel herausgerechnet.

In den neuen AGES-Zahlen, auf denen auch die Addendum-Grafiken basieren, sind die beiden Wirkstoff-Gruppen erstmals vollständig voneinander getrennt. Bis zurück ins Jahr 2009 wurden dabei alle bio-konformen Wirkstoffe aus der Gesamtmenge der verkauften Wirkstoffe herausgerechnet; somit ab 2016 auch die neu hinzugekommenen inerten Gase.

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Erkennbar ist, dass der Anteil bio-konformer Pestizide an der Gesamt-Verkaufsmenge über die Jahre leicht zugenommen, im Jahr 2019 aber wieder etwas abgenommen hat. Er bewegt sich grob gesagt zwischen 30 und 40 Prozent.

Übrigens: Auch ohne die hier präsentierten neuen Zahlen wäre die irreführende Schlagzeile über den „starken Pestizidverbrauch“ leicht als schlampige Recherche oder Fehlinterpretation zu entlarven gewesen: Bereits der online verfügbare Grüne Bericht 2019 weist auf die Zusammenhänge explizit hin.

Der oben genannte „Skandal“ beträfe somit auch die als Alternativmodell propagierte Biolandwirtschaft, die vor allem bei Erdäpfeln, Wein, Obst und Gemüse – ähnlich wie ihre konventionellen Kollegen – auf den Einsatz von Pestiziden angewiesen ist.

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Eine kurze Geschichte der Pestizide

Wer verwendet die „Bio-Mittel“?

Wichtig ist dabei: Zugelassene Pflanzenschutzmittel mit Wirkstoffen, die im Biolandbau erlaubt sind, können auch von konventionell wirtschaftenden Betrieben benutzt werden. Allerdings gibt es keine offiziellen Statistiken, die zeigen würden, in welchen Ausmaß die „Bio-Mittel“ tatsächlich von Bio- oder von konventionellen Landwirten verwendet werden. Zuschreibungen in die eine oder andere Richtung lassen sich wegen fehlender Anwendungsstatistiken nicht zahlenmäßig belegen.

Allerdings erklärt die AGES auf Addendum-Nachfrage:

„Dessen ungeachtet kann ein gewisser Zusammenhang zwischen dem starken Anstieg der biologischen Landwirtschaft in den letzten Jahren und dem Einsatz von in diesem Sektor zulässigen Pflanzenschutzmitteln angenommen werden.“ 

Im Jahr 2018 wurden 25 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen Österreichs biologisch bewirtschaftet. Laut Landwirtschaftsministerium so viel wie nie zuvor.

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Bio Austria weist zu Recht darauf hin, dass auf über 90 Prozent der Bio-Flächen gar keine Pestizide zum Einsatz kommen. Allerdings: Mehr als die Hälfte der biologisch bewirtschafteten Flächen sind Wiesen und Weiden, wo sowieso – auch bei den Konventionellen – so gut wie keine Pestizide notwendig sind. Andere biologisch angebaute Kulturen wie Getreide, wo etwa Unkraut mechanisch bekämpft wird, bergen zwar wegen des Pestizidverzichts eine höhere Artenvielfalt, bringen andererseits aber auch deutlich geringere Erträge pro Flächeneinheit mit sich.

Fazit:

Der medial verbreitete „Pestizid-Skandal“ ist ein Musterbeispiel dafür, wie mit nicht hinterfragter Statistik Stimmung gemacht wird. Pestizide sind ernstzunehmende Umweltgifte, andererseits auch unverzichtbar für die Landwirtschaft. Gerade deshalb braucht es eine differenzierte und sachliche Betrachtung. Ein Vergleich der Pestizid-Verkaufszahlen von zwei einzelnen Jahren bringt keinerlei Erkenntnisgewinn. Ebenso könnte man einen Sonnentag mit einem Regentag vergleichen und daraus schließen, dass das Wetter immer schlechter wird. 

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