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Wie Siedlungen und Wald die Landwirtschaft verdrängen
9. November 2017 Platzverbrauch Lesezeit 8 min
Wenig beachtet von der Öffentlichkeit findet in Gemeinderatssälen und Landesämtern eine massive Umplanung Österreichs statt: Der Wald wächst – und die Siedlungen auch. Bleibt die Frage: Wie viel von unserem Essen wollen wir selbst produzieren – und auf welchem Raum?
Dieser Artikel gehört zum Projekt Platzverbrauch und ist Teil 4 einer 9-teiligen Recherche.
Bild: Leopold Fuchs | Addendum

Österreich verändert sich. Nicht nur in den großen Städten, sondern auch im ländlichen Raum, der in vielen Köpfen noch als dörflich-ländliches Idyll präsent ist, bemerkt man vielerorts das, was allgemein unter dem abstrakten Terminus „Wachstum“ firmiert. Die Journalistin Barbara Nothegger beschreibt zu Beginn ihres Buches „Sieben Stock Dorf“, wie sie diese Veränderung wahrgenommen hat, als sie gemeinsam mit ihrem Mann überlegt hat, aus der Stadt zurück aufs Land zu ziehen:

„Bei unserem Besuch am Vogeltenn ist diesmal etwas anders. Es dauert eine Weile, bis wir merken, was es ist: Die Bauparzellen für Einfamilienhäuser am Nachbarhang rücken seit ein paar Jahren immer näher an unseren Lieblingsplatz heran. Zum ersten Mal sehen wir von unserer Bank aus direkt auf solch eine frische Parzelle. Ein Volksschulkamerad von Clemens hat das Grundstück kürzlich gekauft und wird hier bald seinen Haustraum verwirklichen. Die Parzelle ist mit Schnüren abgesteckt, der Bagger für den Aushub bereitgestellt.

In den nächsten Jahren wird der ganze Hügel voll sein mit Einfamilienhäusern. Dann reiht sich ein Haus an das andere – alle mit Garage und Trampolin für die Kinder im Garten. Die Gemeinde wird neue Straßen gebaut und die Erde für neue Rohre umgegraben haben. Unser Vogeltenn wird nicht mehr das sein, was er immer für uns war. Diese Zukunftsaussicht bedrückt uns. Wäre es weniger schlimm, wenn wir selbst es wären, die hier ein Haus bauen?“

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Land der Äcker, zukunftsarm?

Wo einst Wiesen und Felder waren, werden Häuser gebaut. Häuser, Siedlungen, die den ganzen Rattenschwanz der öffentlichen Infrastruktur mit sich bringen: Stromleitungen, Wasser und Abwasser und vor allem: Straßen.

Das hat nicht nur zur Folge, dass Österreichs Platzreserven generell weniger werden – zur Erinnerung: Nur rund ein Drittel der Gesamtfläche Österreichs ist potenziell als Siedlungsraum nutzbar, wie Gerlind Weber, pensionierte Professorin für Raumplanung an der Boku Wien, erklärt: „Nur 34 % Österreichs sind potenziell sozusagen überhaupt zur Disposition stehend. Der andere Teil ist eben Wald, sind Felsstücke, Almen und Gewässer. Und da ist der Dauersiedlungsraum sehr gering, und daher muss man aus diesem Grund schon sparsam umgehen.“
Es heißt vor allem, dass sich die Balance verschiebt, wie wir diesen potenziellen Siedlungsraum nutzen.

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Dieses Drittel teilt sich, grob gesprochen, in drei Kategorien: Land, das von Wald bedeckt ist, Land, das landwirtschaftlich genutzt wird, und solches, das verbaut ist, auf dem Häuser, Straßen, Städte stehen. Und diese Gewichtung verschiebt sich seit Jahren ständig.

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Gerlind Weber
Raumplanung Boku Wien
Gerlind Weber begann ihre wissenschaftliche Karriere nach dem Studium der Raumplanung, Soziologie und Rechtswissenschaften 1976 an der Technischen Universität Wien. 1991 wechselte sie an die Universität für Bodenkultur Wien wo sie bis 2012 Leiterin des Instituts für Raumplanung und Ländliche Neuordnung war. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in den Bereichen nachhaltiger Raumentwicklung, Bodenpolitik und Ortskernrevitalisierung. Sie ist außerdem Vorsitzende des Vorarlberger Naturschutzrates.

Wie diese Änderung aussieht, zeigt die folgende Grafik: In Österreich haben während der vergangenen Jahrzehnte sowohl die verbauten Flächen als auch der Wald deutlich zugenommen – der Raum für die Landwirtschaft ist dagegen deutlich geschrumpft.

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Dass der Wald in Österreich seit Jahrzehnten beständig zunimmt, liegt einerseits daran, dass die Wichtigkeit des Bestands von Wäldern spätestens mit der Umweltbewegung der 70er und 80er Jahre im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist – und daran, dass sich diese Wichtigkeit in dem strengen – und bundeseinheitlichen – Forstrecht wiederfindet:

Aus dem Forstgesetz:
§ 17. (1) Die Verwendung von Waldboden zu anderen Zwecken als für solche der Waldkultur (Rodung) ist verboten.
(2) Unbeschadet der Bestimmungen des Abs. 1 kann die Behörde eine Bewilligung zur Rodung erteilen, wenn ein besonderes öffentliches Interesse an der Erhaltung dieser Fläche als Wald nicht entgegensteht.

Das heißt, ein Waldeigentümer darf nicht einfach so seinen Wald wegräumen, sondern muss dazu seiner Bezirksverwaltungsbehörde gegenüber ein besonderes Interesse argumentieren – was nur sehr restriktiv bewilligt wird. Die Folge:

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Die Waldfläche nimmt also über alle Bundesländer hinweg zu; relativ gesehen am stärksten übrigens in Wien:

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Weil aber gleichzeitig neue Siedlungen, Gewerbe- und Verkehrsflächen mehr Platz brauchen, da Österreich ja beträchtlich wächst, sowohl was die Zahl der Einwohner betrifft als auch wirtschaftlich, muss die dritte Flächenkategorie, jene für Landwirtschaft, konsequenterweise zurückgehen:

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Auch diese Schrumpfung passiert prozentuell am stärksten in Wien:

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Das ist nicht naturgegeben, aber über Raumordnung und Flächenwidmung Sache der Gemeinden und der Länder. Die strategische Frage, wie viel unserer Lebensmittel wir im eigenen Land produzieren können, steht dabei oft hintan. Allerdings sinkt die Produktion heimischer Lebensmittel nicht proportional zum dafür aufgewendeten Boden – Dünger und intensive Landwirtschaft erlauben es, auf weniger Boden mehr zu produzieren als in der Vergangenheit. Derzeit liegt der Grad, zu dem sich Österreich etwa mit Getreide selbst versorgen kann, ziemlich genau bei 100 Prozent; viel weiter wird sich die Produktion allerdings nicht steigern lassen, weswegen eine politische Debatte, wie mit dem verbleibenden landwirtschaftlichen Raum umgegangen werden soll, höchst an der Zeit wäre.

Oder, wie es Forscher vom Zentrum für Umweltgeschichte der Universität Klagenfurt formulieren: „Die Bebauung mit Wohnraum steht immer in Konkurrenz zu anderen Nutzungsformen des Grund und Bodens, und hier gibt es Grenzen der beliebigen Aufteilung. So lässt sich etwa das Verhältnis zwischen Fläche zur nötigen Nahrungsmittelproduktion und anderwärtig genutzter Fläche nicht beliebig verändern. So wie es derzeit läuft, wird der verlorene Boden als Produktionsmittel sozialmetabolisch ersetzt durch fossile Energieträger wie Kunstdünger oder durch den ,Import‘ von Fläche in anderen Ländern (z.B. Soja aus Argentinien als Viehfutter).“ 

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Das war der vierte Artikel unseres einwöchigen Projekts zu der Frage „Verbrauchen wir zu viel Platz?“. Der Thematik widmet sich ausführlich unsere Reportage „Land ohne Äcker – Wenn der Boden verschwindet“. Sie wird am Donnerstag, 9. November, um 21.15 Uhr bei ServusTV ausgestrahlt und ist ab diesem Zeitpunkt auch auf unserer Seite abrufbar.

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Das Addendum-Team, September 2020