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Wir haben weniger Platz, als Sie denken
7. November 2017 Platzverbrauch Lesezeit 8 min
Wenn man in einer Ortschaft im Marchfeld steht und sich in alle Richtungen leere Felder erstrecken, könnte man annehmen, dass Österreich noch mehr als genug Platz hat, um zu wachsen, wachsen, wachsen. Das täuscht aber.

Update 16. Oktober 2019 – Wir haben bald noch weniger Platz, als Sie denken! 

Schon in wenigen Jahren könnten Österreichs Ackerflächen nicht mehr ausreichen, um das Land eigenständig mit Lebensmitteln zu versorgen. Das ist das Ergebnis der aktuellen AGES-Studie Bodenbedarf und Ernährungssicherung in Österreich.

„Es ist davon auszugehen, dass bei den meisten derzeit bedeutenden Feldfrüchten nach 2030 keine Autarkie mehr gewährleistet werden kann, selbst wenn alle derzeit verfügbaren Bodenressourcen in der Produktion verbleiben“, warnt der Studienleiter Andreas Baumgarten.

Aufgrund höherer Temperaturen und intensiveren Trockenperioden sagt die Studie einen Rückgang der Erträge um bis zu 19 Prozent im Österreich-Schnitt in den kommenden vier Jahrzehnten voraus; im Marchfeld sogar um bis zu 50 Prozent. Es droht eine Unterversorgung bei Getreide, Mais und Kartoffeln.

Verschärft wird die Situation durch die weiter fortschreitende Verbauung, auch wenn sich der Trend in den vergangenen zwei Jahren weiter verlangsamt hat. Statt 14,5 Hektar pro Tag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unseres Projekts vor zwei Jahren, werden heute „nur“ noch 11,8 Hektar täglich verbaut. Das sind aber noch immer zusätzlich 4.300 Hektar pro Jahr, die nicht mehr für den Anbau von Lebensmitteln zur Verfügung stehen.

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Der ursprüngliche Artikel vom 7. November 2017:

Pro Minute verbrauchen wir in Österreich 102 Quadratmeter Boden. Macht täglich 14,5 Hektar, pro Woche 102, das entspricht fast der Fläche des achten Wiener Gemeindebezirks, der Josefstadt – oder, wer damit mehr anfangen kann, der doppelten Größe des Vatikan.

Das bedeutet, dass die Bodeninanspruchnahme, wie es offiziell heißt, wesentlich schneller zunimmt als die Bevölkerung; Bodenverbrauch und Bevölkerungswachstum haben sich mittlerweile vollkommen entkoppelt.

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Bodenverbrauch bedeutet, dass dieser für Bau-, Betriebs- und Verkehrsflächen verwendet wird und damit nicht mehr als „freie“ Fläche in Form landwirtschaftlicher oder Waldflächen zur Verfügung steht.

Wir benötigen also nicht nur deswegen mehr Platz, weil wir mehr Menschen geworden sind – wir breiten uns überproportional in die Fläche aus. Das ist nicht notwendigerweise schlecht – im Gegenteil, ein Gutteil dieses Wachstums geht darauf zurück, dass der Wohlstand in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten in solchem Ausmaß zugenommen hat, dass sich immer mehr Leute leisten konnten, Häuser zu bauen und zu beziehen. Aber mehr Siedlungsraum braucht nicht nur per se mehr Platz, sondern auch längere Zubringerwege, also geht mehr Platz an Straßen verloren und so weiter.

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Wie sich Siedlungen und Städte nach und nach ins Umland ausbreiten, hat die TU-Stadtplanerin Burcu Akıncı exemplarisch auf ihrer Webseite UCIT (Urban change in time) am Beispiel Wiens visualisiert. Sie hat Karten von der Josephinischen Landesaufnahme Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart analysiert und aufbereitet:

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Ist das in Österreich ein besonders wichtiges Thema? Gerade in Ostösterreich, in den Weiten des Marchfelds zum Beispiel, würde man doch vermuten, dass Platz geradezu ohne Ende vorhanden sein sollte. Und auch ein Blick auf den europäischen Vergleich wäre zunächst einmal geeignet, einen in Sicherheit zu wiegen, dass Österreich nur ein durchschnittlicher Versiegeler ist:

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Nur lassen diese Daten außer Acht, dass Österreich tatsächlich weit weniger Platz hat, als es ein Blick auf die nackte Flächenkarte vermuten lassen würde:

Österreich hat eine Fläche von 83.877 km². Dazu gehören allerdings auch Gletscher, Berge, Flüsse und Seen – Flächen also, die nicht nutzbar sind. Nicht für Landwirtschaft, nicht als Wohnraum, nicht für Straßen. Dafür stehen lediglich 37,3 Prozent des Bodens zur Verfügung, etwas weniger als die Fläche von Oberösterreich, Niederösterreich und Wien zusammen – der sogenannte Dauersiedlungsraum. Davon sind allerdings schon 7,4 Prozent versiegelt.

Diesen Platz brauchen wir aber nicht nur als Siedlungsraum, sondern auch für natürliche Funktionen: Über den Luftaustausch wird Kohlenstoff in der Erde gebunden, Regenwasser versickert, und auch bei Überschwemmungen kann der Boden Wasser aufnehmen und so die Folgen eines Hochwassers abfedern. Dafür ist aber freie Fläche nötig, wo der Boden tatsächlich Kontakt zur Atmosphäre hat. Also beispielsweise Wälder, Wiesen, Felder oder auch Gartenflächen. Der sogenannte Bodenverbrauch findet statt, wenn der Boden nicht mehr für diese Funktionen zur Verfügung steht. Das bedeutet, dass eine Schicht Beton, eine Straße oder ein Haus zwischen der Erde und der Luft liegt. Es kommt nicht mehr zum Austausch, Wasser kann nicht mehr versickern – der Boden ist versiegelt.

Den Unterschied zwischen Verbrauch und Versiegelung erklärt Karl Kienzl, stellvertretender Leiter des Umweltbundesamtes:

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Versiegelung ist meist mit anderen Entwicklungen wie Zersiedelung verknüpft. In diesem Zusammenhang fällt oft das Stichwort Bodenverbrauch. Das bedeutet, dass Böden nicht mehr im Sinne einer freien Fläche im Dauersiedlungsraum vorhanden sind. Um dem entgegenzuwirken, gilt es also, freie Flächen zu erhalten, die nicht versiegelt sind.

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Wer es sich dann leisten kann, handelt individuell ganz anders und baut sich sein Haus im Grünen.
Arthur Kanonier
Leiter Bodenpolitik TU
Arthur Kanonier ist Leiter des Fachbereichs Bodenpolitik und Bodenmanagement an der Technischen Universität Wien. Er beschäftigt sich mit Boden- und Raumordnungsrecht und der damit verbundenen Politik. Weitere Schwerpunkte liegen bei der Wechselwirkung zwischen Planungsrecht und raumordnerischer Praxis sowie Baulandmobilisierung.

Dass sich die Themen Bodenverbrauch, Zersiedelung und Versiegelung nicht voneinander trennen lassen, liegt auch daran, dass sie über eine Reihe von Problemen miteinander verbunden sind: Baut jemand etwa ein Haus in einem wenig besiedelten Gebiet – sozusagen auf der grünen Wiese – ist dafür auch Infrastruktur nötig. Also eine Straße, die hinführt, Kanal, Wasser-, Strom- und Internetleitungen. Diese Entwicklung heißt Zersiedelung, sie ist bodenintensiv und versiegelt zusätzliche Flächen. Arthur Kanonier, der Leiter der Abteilung Bodenpolitik und Bodenmanagement der TU, macht dafür auch persönliche Interessenkonflikte verantwortlich: „Ich habe den Verdacht, dass grundsätzlich schon eine Bereitschaft zum Bodensparen vorhanden ist, aber wer es sich dann leisten kann, handelt individuell ganz anders und baut sich sein Haus im Grünen.“ Das zeigt sich beispielsweise auch an der Entwicklung der Versiegelung pro Kopf in Österreich: Seit 2002 ist sie in neun von zehn Gemeinden gestiegen.

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Wir haben die Daten zur fortschreitenden Versiegelung so aufgearbeitet, dass Sie hier jede der 2.100 österreichischen Gemeinden abfragen können:

Was wir bei diesem Projekt gelernt haben:

  • Österreich liegt beim Thema Bodenversiegelung im europäischen Mittelfeld – wegen des großen Anteils der Berge an der Gesamtfläche ist das Thema aber akuter, als es dieser erste Anschein zeigen würde.
  • Der Anteil verbauten Landes wächst weit schneller als die Bevölkerung.
  • Die zuständigen Behörden – Gemeinden und Länder – haben das Thema lange Zeit stiefmütterlich behandelt.
  • Die Frage, wofür wir als Gesellschaft die Fläche Österreichs verwenden wollen, stand politisch lange im Hintergrund.

Alle Artikel des Projekts Platzverbrauch

Erklärung zur Datenerhebung

Unabhängig vom aktuellen Umgang mit Böden kann auch nicht immer genau gesagt werden, wie sich der bisherige Umgang ausgewirkt hat. Österreichweit verfügbare Datenquellen erheben nur, ob und wie Erdreich bedeckt oder verbaut ist. Wie durchlässig diese Bedeckung ist, wird nicht erhoben. Zusätzlich gibt es unterschiedliche Datenquellen und Methoden, um diese Bedeckung zu messen (z.B. Satellitenfotos, Verwaltungsdaten, Orthofotos usw.), die veröffentlichten Ergebnisse von Eurostat, des Umweltbundesamts und des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft unterscheiden sich deshalb voneinander.

Wir haben zur Berechnung der versiegelten Fläche dieselbe Datenquelle verwendet wie das Landwirtschaftsministerium und das Umweltbundesamt (die Regionalinformationen des Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen). Das Landwirtschaftsministerium verwendet jedoch für seine Veröffentlichungen bisher andere Gewichtungen für künstliche Flächen als das Umweltbundesamt. Es herrscht in den Publikationen beider Stellen also momentan Uneinigkeit, zu wie viel Prozent Straßen, Parkplatzflächen, Bahnflächen oder Friedhöfe in Österreich versiegelt sind.

Wir halten uns für die Berechnung an die Gewichtung des Umweltbundesamts. Unabhängig von den konkret verwendeten Werten sind diese Gewichtungen jedoch immer nur österreichweite Schnitte. Das Umweltbundesamt nimmt z.B. an, dass in Österreich Straßenflächen zu 60 Prozent versiegelt sind. Dieser Wert mag zwar im Durchschnitt stimmen, in urbanen Räumen wie Wien ist er jedoch wahrscheinlich zu niedrig angesetzt.

Es ist mit dieser Methode auch nicht möglich, die Veränderungen über die letzten Jahrzehnte vollständig zu erfassen. Mitte der 1990er Jahre wurden etwa die Bergbauernhöfe erstmals vollständig erfasst, die Grundflächen zählten erst ab diesem Zeitpunkt als verbaute beziehungsweise versiegelte Flächen. Wenn man die Zahlen ansieht, scheint also, als ob damals besonders viel gebaut wurde, obwohl lediglich die Statistik zur Realität aufholte. Auch Definitionen, die immer wieder durch Gesetze geändert werden, verändern den Datensatz. So wurde erst 2012 neu bestimmt, was unter Straßenverkehrsanlagen, Verkehrsrandflächen oder Parkplätzen zu verstehen ist. Um tatsächlich etwas über den Versiegelungsgrad aussagen zu können, reicht aber auch diese Definition nicht. Ein Asphaltparkplatz ermöglicht etwa keinen Luftaustausch, die Erde kann auch kein Wasser aufnehmen. Wird stattdessen aber etwa Rasenpflaster verwendet, kann Regenwasser in den Boden eindringen und versickern, im Gegenzug nimmt die Erde aber auch die Schadstoffe der Abgase auf. Um diese Zeitreihenbrüche zu korrigieren, verwenden wir angepasste Gewichte, die uns vom Umweltbundesamt zur Verfügung gestellt wurden.

Die Politik muss sich deshalb oft entscheiden, wie und wofür Böden genutzt werden sollen. Neuer, leistbarer Wohnbau am Stadtrand oder doch ein Naherholungsgebiet? Die Entscheidung wird oft zugunsten möglicher Wählerstimmen getroffen, freie Flächen sind laut Arthur Kanonier von der TU politisch nicht spannend. Vielleicht ähneln sich deshalb die meisten Erkenntnisse aus der Raumplanung der letzten dreißig Jahre.

Sieht man sich die diversen Raumplanungskonzepte der Bundesländer an, entsteht aber ein neues Bewusstsein für das Thema. Vielleicht brauchen wir deshalb jedes Jahr weniger neuen Boden als im Vorjahr. Der Restbestand an freien Flächen, die Bodenfunktionen übernehmen, wird aber nach wie vor jedes Jahr weniger. 

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