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Wir haben weniger Platz, als Sie denken

Wenn man in einer Ortschaft im Marchfeld steht und sich in alle Richtungen leere Felder erstrecken, könnte man annehmen, dass Österreich noch mehr als genug Platz hat, um zu wachsen, wachsen, wachsen. Das täuscht aber.

Daten

Pro Minute verbrauchen wir in Österreich 102 Quadratmeter Boden. Macht täglich 14,5 Hektar, pro Woche 102, das entspricht fast der Fläche des achten Wiener Gemeindebezirks, der Josefstadt – oder, wer damit mehr anfangen kann, der doppelten Größe des Vatikan.

Das bedeutet, dass die Bodeninanspruchnahme, wie es offiziell heißt, wesentlich schneller zunimmt als die Bevölkerung; Bodenverbrauch und Bevölkerungswachstum haben sich mittlerweile vollkommen entkoppelt.

Wir benötigen also nicht nur deswegen mehr Platz, weil wir mehr Menschen geworden sind – wir breiten uns überproportional in die Fläche aus. Das ist nicht notwendigerweise schlecht – im Gegenteil, ein Gutteil dieses Wachstums geht darauf zurück, dass der Wohlstand in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten in solchem Ausmaß zugenommen hat, dass sich immer mehr Leute leisten konnten, Häuser zu bauen und zu beziehen. Aber mehr Siedlungsraum braucht nicht nur per se mehr Platz, sondern auch längere Zubringerwege, also geht mehr Platz an Straßen verloren und so weiter.

Wie sich Siedlungen und Städte nach und nach ins Umland ausbreiten, hat die TU-Stadtplanerin Burcu Akıncı exemplarisch auf ihrer Webseite UCIT (Urban change in time) am Beispiel Wiens visualisiert. Sie hat Karten von der Josephinischen Landesaufnahme Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart analysiert und aufbereitet:

Ist das in Österreich ein besonders wichtiges Thema? Gerade in Ostösterreich, in den Weiten des Marchfelds zum Beispiel, würde man doch vermuten, dass Platz geradezu ohne Ende vorhanden sein sollte. Und auch ein Blick auf den europäischen Vergleich wäre zunächst einmal geeignet, einen in Sicherheit zu wiegen, dass Österreich nur ein durchschnittlicher Versiegeler ist:

Bodenverbrauch bedeutet, dass dieser für Bau-, Betriebs- und Verkehrsflächen verwendet wird und damit nicht mehr als „freie“ Fläche in Form landwirtschaftlicher oder Waldflächen zur Verfügung steht.

Nur lassen diese Daten außer Acht, dass Österreich tatsächlich weit weniger Platz hat, als es ein Blick auf die nackte Flächenkarte vermuten lassen würde:

Diesen Platz brauchen wir aber nicht nur als Siedlungsraum, sondern auch für natürliche Funktionen: Über den Luftaustausch wird Kohlenstoff in der Erde gebunden, Regenwasser versickert, und auch bei Überschwemmungen kann der Boden Wasser aufnehmen und so die Folgen eines Hochwassers abfedern. Dafür ist aber freie Fläche nötig, wo der Boden tatsächlich Kontakt zur Atmosphäre hat. Also beispielsweise Wälder, Wiesen, Felder oder auch Gartenflächen. Der sogenannte Bodenverbrauch findet statt, wenn der Boden nicht mehr für diese Funktionen zur Verfügung steht. Das bedeutet, dass eine Schicht Beton, eine Straße oder ein Haus zwischen der Erde und der Luft liegt. Es kommt nicht mehr zum Austausch, Wasser kann nicht mehr versickern – der Boden ist versiegelt.

Den Unterschied zwischen Verbrauch und Versiegelung erklärt Karl Kienzl, stellvertretender Leiter des Umweltbundesamtes:

Versiegelung ist meist mit anderen Entwicklungen wie Zersiedelung verknüpft. In diesem Zusammenhang fällt oft das Stichwort Bodenverbrauch. Das bedeutet, dass Böden nicht mehr im Sinne einer freien Fläche im Dauersiedlungsraum vorhanden sind. Um dem entgegenzuwirken, gilt es also, freie Flächen zu erhalten, die nicht versiegelt sind.

Wer es sich dann leisten kann, handelt individuell ganz anders und baut sich sein Haus im Grünen.

Dass sich die Themen Bodenverbrauch, Zersiedelung und Versiegelung nicht voneinander trennen lassen, liegt auch daran, dass sie über eine Reihe von Problemen miteinander verbunden sind: Baut jemand etwa ein Haus in einem wenig besiedelten Gebiet – sozusagen auf der grünen Wiese – ist dafür auch Infrastruktur nötig. Also eine Straße, die hinführt, Kanal, Wasser-, Strom- und Internetleitungen. Diese Entwicklung heißt Zersiedelung, sie ist bodenintensiv und versiegelt zusätzliche Flächen. Arthur Kanonier, der Leiter der Abteilung Bodenpolitik und Bodenmanagement der TU, macht dafür auch persönliche Interessenkonflikte verantwortlich: „Ich habe den Verdacht, dass grundsätzlich schon eine Bereitschaft zum Bodensparen vorhanden ist, aber wer es sich dann leisten kann, handelt individuell ganz anders und baut sich sein Haus im Grünen.“ Das zeigt sich beispielsweise auch an der Entwicklung der Versiegelung pro Kopf in Österreich: Seit 2002 ist sie in neun von zehn Gemeinden gestiegen.

Arthur Kanonier

Leiter Bodenpolitik TU

Arthur Kanonier ist Leiter des Fachbereichs Bodenpolitik und Bodenmanagement an der Technischen Universität Wien. Er beschäftigt sich mit Boden- und Raumordnungsrecht und der damit verbundenen Politik. Weitere Schwerpunkte liegen bei der Wechselwirkung zwischen Planungsrecht und raumordnerischer Praxis sowie Baulandmobilisierung.

Wir haben die Daten zur fortschreitenden Versiegelung so aufgearbeitet, dass Sie hier jede der 2.100 österreichischen Gemeinden  abfragen können:

Erklärung zur Datenerhebung

Unabhängig vom aktuellen Umgang mit Böden kann auch nicht immer genau gesagt werden, wie sich der bisherige Umgang ausgewirkt hat. Österreichweit verfügbare Datenquellen erheben nur, ob und wie Erdreich bedeckt oder verbaut ist. Wie durchlässig diese Bedeckung ist, wird nicht erhoben. Zusätzlich gibt es unterschiedliche Datenquellen und Methoden, um diese Bedeckung zu messen (z.B. Satellitenfotos, Verwaltungsdaten, Orthofotos usw.), die veröffentlichten Ergebnisse von Eurostat, des Umweltbundesamts und des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft unterscheiden sich deshalb voneinander.

Wir haben zur Berechnung der versiegelten Fläche dieselbe Datenquelle verwendet wie das Landwirtschaftsministerium und das Umweltbundesamt (die Regionalinformationen des Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen). Das Landwirtschaftsministerium verwendet jedoch für seine Veröffentlichungen bisher andere Gewichtungen für künstliche Flächen als das Umweltbundesamt. Es herrscht in den Publikationen beider Stellen also momentan Uneinigkeit, zu wie viel Prozent Straßen, Parkplatzflächen, Bahnflächen oder Friedhöfe in Österreich versiegelt sind.

Wir halten uns für die Berechnung an die Gewichtung des Umweltbundesamts. Unabhängig von den konkret verwendeten Werten sind diese Gewichtungen jedoch immer nur österreichweite Schnitte. Das Umweltbundesamt nimmt z.B. an, dass in Österreich Straßenflächen zu 60 Prozent versiegelt sind. Dieser Wert mag zwar im Durchschnitt stimmen, in urbanen Räumen wie Wien ist er jedoch wahrscheinlich zu niedrig angesetzt.

Es ist mit dieser Methode auch nicht möglich, die Veränderungen über die letzten Jahrzehnte vollständig zu erfassen. Mitte der 1990er Jahre wurden etwa die Bergbauernhöfe erstmals vollständig erfasst, die Grundflächen zählten erst ab diesem Zeitpunkt als verbaute beziehungsweise versiegelte Flächen. Wenn man die Zahlen ansieht, scheint also, als ob damals besonders viel gebaut wurde, obwohl lediglich die Statistik zur Realität aufholte. Auch Definitionen, die immer wieder durch Gesetze geändert werden, verändern den Datensatz. So wurde erst 2012 neu bestimmt, was unter Straßenverkehrsanlagen, Verkehrsrandflächen oder Parkplätzen zu verstehen ist. Um tatsächlich etwas über den Versiegelungsgrad aussagen zu können, reicht aber auch diese Definition nicht. Ein Asphaltparkplatz ermöglicht etwa keinen Luftaustausch, die Erde kann auch kein Wasser aufnehmen. Wird stattdessen aber etwa Rasenpflaster verwendet, kann Regenwasser in den Boden eindringen und versickern, im Gegenzug nimmt die Erde aber auch die Schadstoffe der Abgase auf. Um diese Zeitreihenbrüche zu korrigieren, verwenden wir angepasste Gewichte, die uns vom Umweltbundesamt zur Verfügung gestellt wurden.

Die Politik muss sich deshalb oft entscheiden, wie und wofür Böden genutzt werden sollen. Neuer, leistbarer Wohnbau am Stadtrand oder doch ein Naherholungsgebiet? Die Entscheidung wird oft zugunsten möglicher Wählerstimmen getroffen, freie Flächen sind laut Arthur Kanonier von der TU politisch nicht spannend. Vielleicht ähneln sich deshalb die meisten Erkenntnisse aus der Raumplanung der letzten dreißig Jahre.

Sieht man sich die diversen Raumplanungskonzepte der Bundesländer an, entsteht aber ein neues Bewusstsein für das Thema. Vielleicht brauchen wir deshalb jedes Jahr weniger neuen Boden als im Vorjahr. Der Restbestand an freien Flächen, die Bodenfunktionen übernehmen, wird aber nach wie vor jedes Jahr weniger. 

Das war der zweite Artikel unseres Projekts zu der Frage „Verbrauchen wir zu viel Platz?“. Als Nächstes gehen wir der Frage nach03, ob die fortschreitende Versiegelung mehr Katastrophen, etwa Hochwasser, zur Folge hat.

Das Rechercheteam

Stefanie Braunisch
Team Investigative Recherche
Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Gabriel Hellmann
Team Experten

Gabriel Hellmann hat Rechtswissenschaften und die öffentliche Finanzkontrolle studiert. Er diente den Medien, den Kommunen, dem Staat und nun den Bürgern. Transparenz und Gerechtigkeit sind ihm große Anliegen, denen er sich akribisch verpflichtet fühlt.

Timo Küntzle
Team TV

Timo Küntzle, geboren 1974 in Karlsruhe, ist Journalist und hat ein Diplom in Agrarwissenschaften. Nach seinem Studium (Fachrichtung Pflanzenbau) und einem Redaktions-Volontariat, arbeitete er als Redakteur und Reporter für die Nachrichtenredaktionen von Puls 4 und Servus TV, später als Moderator und Gestalter für das Wissensformat „Na Servus – das Wetter auf Servus TV“ sowie für „Servus am Morgen“. Zuletzt schrieb er regelmäßig Beiträge für das Ressort „Wissen und Innovation“ der Tageszeitung „Die Presse“.

Georg Renner
Projektleitung

Georg Renner hat Rechtswissenschaften studiert, weil er wissen wollte, wie Dinge (Staaten, Städte, die Gesellschaft …) funktionieren, was sie zusammenhält. Nachdem ihm dort kein Erfolg beschieden war, geht er dieser Frage nun journalistisch nach; zuvor bei „NZZ.at“ und „Die Presse“.

Stefan Schett
Team Social Media
stefanschett

Stefan Schett hat in Wien Politikwissenschaft studiert und arbeitet nebenbei an seinem Zweitstudium Publizistik. Er war lange Zeit als freier Journalist und Social Media Manager tätig, journalistische Erfahrung sammelte er unter anderem beim “Kurier” und bei Puls 4. Für Addendum kümmert er sich um die Konzeption und Erstellung von Social Media-Content.

Hubertus Schwarz
Team Digital

Hubertus Schwarz ist seit 2007 in der Medienbranche tätig. Seine journalistische Laufbahn startete er beim ZDF-Auslandsstudio Südosteuropa. Über mehrere Stationen als Autor, unter anderem für den „Spiegel“ und „Die Zeit“ ging es 2015 zurück zum Fernsehen. Zuletzt war er bei ServusTV Redakteur für den „Talk im Hangar-7“.

Max Thomasberger
Team Daten

Max Thomasberger hat spät berufen Volkswirtschaftslehre studiert. Im früheren Leben war er Statistiker, Musiker, Tontechniker, IT-Spezialist und Erwachsenenbildner. Jetzt sammelt, analysiert und visualisiert er Daten für den allgemeinen Erkenntnisgewinn bei Addendum.

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