Woher die höhere Wahlbeteiligung kommt

Bei der Europawahl am Sonntag stieg die Wahlbeteiligung stark – das ging auf Zugewinne im Westen zurück und darauf, dass die Regierungsparteien nicht abgestraft wurden: eine Datenanalyse für alle 2.098 Gemeinden.

Daten

Gehen Sie wählen“, sagte der Bundespräsident.
„Wählen wirkt“, hieß es von der FPÖ.
„Wählen statt schweigen“, forderte die SPÖ.

Wahlaufforderungen wie diese waren im Vorfeld der geschlagenen Wahlen zum Europaparlament zahlreich. Und sie wurden – offenbar – in weiten Teilen gehört. Gemäß Hochrechnung des Instituts SORA für den ORF inklusive Briefwähler wird die Wahlbeteiligung am Ende bei 59,3 Prozent liegen. Das wäre ein Plus von 13,9 Prozentpunkten im Vergleich zum Jahr 2014. Und trotzdem: Insgesamt sind die Unterschiede bei der Wahlbeteiligung innerhalb Österreichs weitreichend. In Gemeinden im Süden und im Westen hinkt die Wahlbeteiligung jener in Ostösterreich hinterher. Die größte „Partei“ sind dort die Nichtwähler.

Höhere Wahlmoral im Osten

So war beispielsweise in Krems in Kärnten gerade einmal ein Drittel (32 Prozent) der stimmberechtigten Bürger an der Wahlurne. In Großhofen hingegen, der kleinsten Gemeinde Niederösterreichs, waren es 84 Prozent. Wie sich die Wahlbeteiligung in Ihrer Gemeinde seit dem EU-Beitritt entwickelt, haben wir deshalb aktuell ausgewertet. Suchen Sie dafür in folgender Karte – zum Beispiel – nach Ihrem Heimatort. Bitte berücksichtigen Sie, dass die angegebene Wahlbeteiligung als Untergrenze zu verstehen ist. Briefwähler sind nicht enthalten. Diese werden nur auf Ebene der Bezirke ausgezählt und können Gemeinden nicht zugeordnet werden.

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In den Regionen mit historisch niedrigerer Wahlbeteiligung waren relativ die größten Zuwächse zu verzeichnen. In Tirol und Vorarlberg, wo auch bei Nationalratswahlen die Wahlmotivation geringer ist als im bundesweiten Schnitt, gab es dafür also mehr Potenzial als etwa in Niederösterreich.

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In den westlichen Bundesländern haben zudem noch nie so viele Bürger eine Wahlkarte beantragt. Nach der Auszählung am Montag wird sich die Wahlbeteiligung dort also tendenziell stärker erhöhen als in anderen Bundesländern.

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Beobachter, die die letzten vergangenen Wahlen auf Bundesebene im Blick hatten, konnten den Anstieg der Wahlmoral womöglich anhand anderer Vorzeichen erahnen, denn: Bei der (mehrfachen) Bundespräsidentenwahl und bei der Nationalratswahl 2017 war die Beteiligung der Bürger zuletzt angestiegen.

Kaum „Ibiza-Effekt“

Gar nicht vorhersehbar war allerdings der Abschied der freiheitlichen Minister aus der Regierung in der Woche vor der Wahl, nachdem ein kompromittierendes Video über Vizekanzler Heinz-Christian Strache aufgetaucht war. In der Folge wurde öffentlich über den bevorstehenden Totalabsturz der Freiheitlichen und über steigende Politikverdrossenheit spekuliert. Wie sich an den Gemeindeergebnissen zeigt, ist die Wahlbeteiligung selbst in Hochburgen der FPÖ gestiegen und der starke Stimmenschwund (–2,5 Prozentpunkte gemäß Briefwahlprognose) trat ebenso nicht ein.

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Denn wie die Wahltagsbefragung von SORA zeigt, ist zwar das Vertrauen des Großteils der Bevölkerung in die Politik erschüttert. Nicht aber jenes der FPÖ-Wähler. Und zumindest in der Wahlbeteiligung hat sich die Befürchtung von Bundespräsident Alexander Van der Bellen („Wenden Sie sich nicht angewidert von der Politik ab.“) nicht niedergeschlagen. 

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Das Rechercheteam

Gerald Gartner

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Markus „Fin“ Hametner

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

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