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Wie viele Kommentare von Kurz’ und Straches Facebook-Seiten verschwinden

Mehr als 20.000 Kommentare entfernt: Wie Kanzler, Vizekanzler und die gesamte Regierung gegen unliebsame Beiträge vorgehen.

Daten
08.04.2018
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Geht es um die Zahl ihrer Fans, so spielen Sebastian Kurz (742.000) und Heinz-Christian Strache (775.000) in derselben Liga. Geht es allerdings darum, wie Kanzler und Vizekanzler gegen kritische Kommentare vorgehen, dann ist Strache eine Klasse für sich: Von der Seite des FPÖ-Chefs verschwindet einer von sechs Kommentaren (15,7 Prozent). Das sind fast viermal so viele wie beim Obmann der Volkspartei (4,2 Prozent).

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Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer Untersuchung der Facebook-Seiten der neuen Regierungsmitglieder. Insgesamt haben Facebook-Nutzer seit Ende Jänner etwa 171.000 Kommentare auf den Seiten der schwarz-blauen Regierungsmitglieder verfasst. Davon sind etwa 20.353 verschwunden. Also ist im Schnitt fast jeder achte Eintrag wieder entfernt worden.

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12 Prozent

aller Kommentare auf den Seiten der Regierungsmitglieder sind wieder verschwunden.

Wie viele Kommentare es überhaupt gibt und die Zahl entfernter Kommentare unterscheiden sich von Regierungsmitglied zu Regierungsmitglied. Strache, Kickl und Hofer haben wie blaue Politiker im Allgemeinen auf Facebook mehr Anhänger und eine höhere Zahl erhaltener Kommentare als ihr Koalitionspartner.

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Auf ihren Seiten werden allerdings auch mehr Beiträge wieder entfernt. Etwa gleichauf liegt der Anteil verborgener oder gelöschter Kommentare bei Verkehrsminister Norbert Hofer und Vizekanzler Heinz-Christian Strache. Kanzler Kurz hat den niedrigsten Anteil.

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Die vier Facebook-Seiten mit der aktivsten Nutzerschaft haben wir anschließend detaillierter untersucht. Für die Profile von

  1. Heinz-Christian Strache
  2. Sebastian Kurz
  3. Herbert Kickl
  4. Norbert Hofer

haben wir die Beiträge mit den meisten Kommentaren gesucht, jene mit den meisten entfernten Beiträgen und zudem kategorisiert, welche Art von Kommentar wieder verschwunden ist. Allgemein ist festzustellen, dass es kein systematisches Vorgehen gegen jede kritische Stimme gibt. Es sind überall auch Beiträge gegen den jeweiligen Politiker zu lesen.

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Heinz-Christian Strache

Das Urteil zu einem Vergewaltigungsfall im niederösterreichischen Tulln ließ auf der Facebook-Seite des Vizekanzlers die Wogen hochgehen. Beim Beitrag zum Freispruch für die verdächtigten Asylwerber gab es 403 entfernte Kommentare. Darin fordern viele Nutzer Selbstjustiz, Gewalt gegen die Schöffen und Richter und zweifeln die Entscheidung mit deutlichen Worten an.

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Eines der Facebook-Postings mit dem höchsten Anteil entfernter Kommentare ist jenes, in dem Strache am Jahrestag des Anschlusses an das Deutsche Reich zum Gedenken an die NS-Verbrechen aufruft. 311 von 529 Kommentaren (58 Prozent) wurden entfernt. Hauptsächlich kritisieren die Nutzer die „Scheinheiligkeit“ des Vizekanzlers und wollen ein Ende der Erinnerungskultur, weil die heutige Generation keine Verantwortung mehr trage. Auch ein Posting, in dem Strache die Aussage „Österreich geht allen auf die Eier“ des deutschen Satirikers Jan Böhmermann thematisiert, hat eine Vielzahl von (negativen) Kommentaren erhalten.

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Die meisten hasserfüllten Kommentare

Bei Heinz-Christian Strache fällt zudem auf, dass er den höchsten Anteil entfernter Kommentare hat, die als beleidigend und/oder hasserfüllt zu kategorisieren sind. 15 Prozent aller verschwundenen Kommentare fallen in diese Kategorie. Für diese Zahl haben wir eine Stichprobe von 400 Kommentaren für die Seiten mit der aktivsten Nutzerschaft kategorisiert. Bei Sebastian Kurz und Norbert Hofer macht diese Art von Kommentaren einen geringen Teil der entfernten Kommentare aus (2 Prozent).

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Kaum Kritik entfernt bei Strache

Kritik, die wir als sachlich oder verhältnismäßig eingestuft haben, wird bei Heinz-Christian Strache im Vergleich zu früheren Kommentar-Analysen seltener entfernt. Nur 25 Prozent der entfernten Beiträge sind als solche zu werten. Bei Herbert Kickl liegt dieser Beitrag mit 38 Prozent deutlich höher. Ein Grund dafür könnte sein, dass das Social-Media-Team von Strache auffällige Nutzer sperrt. Dann können diese keine Kommentare mehr abgeben. Auf Facebook haben die Betroffenen eine eigene Gruppe gegründet. Sie zählt etwa 3.800 Mitglieder.

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Sebastian Kurz

Kanzler Sebastian Kurz hat Ende Februar den russischen Präsidenten Wladimir Putin besucht. Seine Videobotschaft vor dem Treffen war das Posting mit den meisten Kommentaren. Wie auf Kurz’ Seite im Allgemeinen üblich, erhält er viel Zuspruch von deutschen Facebook-Nutzern.

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Die meisten entfernten Kommentare gab es bei einem Posting zu einem Messerangriff am Praterstern. Der beschuldigte 23-jährige Afghane, der vier Personen schwer verletzt haben soll, war bereits in Haft und hätte abgeschoben werden können. Von 2.327 Kommentaren wurden 187 wieder entfernt (8 Prozent).

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Sebastian Kurz besuchte die Facebook-Zentrale in Kalifornien vor drei Jahren als Außenminister.

Halb so viele Postings wie Strache

Seit Ende Jänner hat sich der Kanzler 160-mal auf Facebook zu Wort gemeldet. Das ist zwar nur etwa die Hälfte der Postings seines Vizekanzlers – Heinz-Christian Strache kommt auf 315 Beiträge – aber im Vergleich zu seinen 14 Interviews für Tages- und Wochenzeitungen in den ersten 100 Tagen doch viel.02

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Herbert Kickl

Der Innenminister ist erst seit den Weihnachtsfeiertagen des Vorjahres auf Facebook vertreten und hat in dieser Zeit mehr als 26.000 Anhänger gefunden. Im beobachteten Zeitraum hat er mehr Kommentare erhalten als Infrastrukturminister Norbert Hofer (340.000 Fans), der seine Anhängerschaft vor allem im Wahlkampf um das Bundespräsidentenamt gewonnen hat. Gegen kritische Stimmen wird bei Kickl nach unserer Erhebung am deutlichsten vorgegangen. Jeden dritten entfernten Kommentar würden wir als sachlich und vertretbar einstufen.

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Ein Rede von Innenminister Herbert Kickl zum Sicherheitspaket zählte zu den Beiträgen mit den meisten verschwundenen Kommentaren.

Umfaller

Eines der Postings mit vielen Kommentaren und einem überdurchschnittlichen Anteil entfernter Kommentare behandelte das Sicherheitspaket. Kickl sprach davon, „den einen oder anderen toten Winkel auszuleuchten“. Weil Kickl selbst noch voriges Jahr gegen verschärfte Überwachungsgesetze war, schrieben ihm User einen „Umfaller“ zugunsten der Volkspartei zu. Zudem solle die Privatsphäre nicht weiter eingeschränkt werden, und auch die Effektivität des Paktes wird angezweifelt.

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Kontroversiell war – wie bei Vizekanzler Strache auch – die Debatte zum Messerangriff am Wiener Praterstern auf eine Familie und einen Passanten. Zusätzlich stand der Innenminister im Zentrum der Affäre um das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Kickl rechtfertigte in mehreren Postings die Hausdurchsuchung und die Ermittlungen. Auch hierzu wurden vermehrt kritische Stimmen aus der Diskussion genommen. Außerdem wird seine Migrationspolitik an anderer Stelle oft als zu lasch beurteilt, es gebe noch zu wenige Abschiebungen, oder die Bedingungen für Flüchtlinge seien zu gut und der Grenzschutz noch immer nicht hergestellt.

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Norbert Hofer

Nach Vizekanzler Strache hat Verkehrsminister Hofer den höchsten Anteil entfernter Kommentare (15,6 Prozent). Hauptthema auf der Seite von Norbert Hofer ist der ORF. Zunächst kritisierte der vormalige Bundespräsidentschaftskandidat in mehreren Beiträgen, dass er in einem ZIB-Beitrag nicht erwähnt wurde. Dann teilte er einen Bericht darüber, dass ORF-Chef Alexander Wrabetz einen Tweet geliked hatte, der Strache mit NS-Verbrechern zeigte. Der Generaldirektor selbst gab bekannt, dass das unabsichtlich passiert sei.

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Volker Höferl, Sprecher von Norbert Hofer, sagt zur Löschpolitik: „Um aber die Diskussionskultur auf einem einvernehmlichen Niveau zu halten und auch eine sinnlose gegenseitige Eskalation zu verhindern, versuchen wir Kommentare, die dies erwarten lassen, zu verhindern.“ Zudem werden automatisierte Filter eingesetzt, die Kommentare mit Schimpfwörtern und Beleidigungen verhindern. Weil eine durchgehende Kontrolle durch mehrere Mitarbeiter erfolge, ergäben sich persönliche Herangehensweisen. „Weshalb vielleicht einmal ein Kommentar zu viel gelöscht wird“, so Höferl. Das sei allerdings vernachlässigbar, weil der FPÖ immer wieder vorgeworfen werde, Beschimpfungen und andere skandalträchtige Postings online zu lassen oder zu spät zu reagieren. 

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Ähnliche Analysen haben wir zum Facebook-Wahlkampf für die Landtagswahlen in 

veröffentlicht. 

Methodik

Wie funktioniert diese computergestützte Analyse?
Über eine Schnittstelle von Facebook fragen wir alle zehn Minuten ab, welche Kommentare auf der Facebook-Fanpage vorhanden sind. Verschwindet ein Kommentar, wird er als entfernt markiert. Das geschieht für alle Kommentare, die vier Tage auf der Facebook-Seite sichtbar sind. Nach diesem Zeitablauf gehen wir davon aus, dass das Posting dauerhaft auf der Seite bleibt.

Was sind die Schwächen der automatisierten Erfassung der Kommentare?
Nicht enthalten sind Postings, die Sticker enthalten. Löscht Facebook, der User oder das Administratoren-Team der Seite den Kommentar innerhalb von maximal zehn Minuten, erkennt das Programm den Kommentar nicht – insofern fließt er nicht in die Analyse mit ein. Am 14. und 22. Februar gab es für mehrere Stunden Probleme mit der automatisierten Abfrage. An diesem Tag gilt das Zehn-Minuten-Zeitfenster nicht.

Kategorisierung der entfernten Kommentare
Kritik:

  • Jemand sagt, dass er nicht den Kandidaten oder die Partei wählen wird
  • Unterschiedliche Auffassungen zu einer politischen Position, Beispiel dritte Piste für den Flughafen
  • Links zu kritischen Artikeln
  • Der Kommentar enthält keine Beleidigungen
  • Kritik an der Art des Wahlkampfs
  • Kritik an Positionen der zugehörigen Bundespartei
  • Infragestellen von politischen Positionen
  • Einfordern von Antworten auf politische Positionen
  • Enthält ein erkennbares inhaltliches Argument
  • Fürsprache für andere Partei

Unsachliche Kritik

  • Zynismus und beleidigende Kritik, die sich Politiker „gefallen lassen“ müssten
  • Verunglimpfungen der Person
  • Enthält kein inhaltliches Argument

Kritik aneinander

  • Streit und Diskurs zwischen Facebook-Nutzern
  • Kann zynisch, ironisch, untergriffig sein
  • Kommentar richtet sich nicht in erster Linie als Botschaft an den Seitenbetreiber

Beleidigungen/Hass

  • Kritik, die mit Schimpfwörtern geäußert wird
  • Beleidigung und Beschimpfung überwiegt ein etwaiges vages Argument
  • Haltlose, diffamierende Vorwürfe

Allgemeines/Andere

  • Keine erkennbare Kritik an Person/Partei selbst, z.B. Kommentare gegen den ORF
  • Kann Schimpfwörter enthalten
  • Kein Zusammenhang zu Wahlkampf, Partei oder Kandidat
  • Völlig Themenfremdes
  • Fürsprache für die Partei des Seitenbetreibers, z.B. Lob deutscher User für Sebastian Kurz
  • Verschwörungstheorien
  • Spam

Hartwig Löger, Karin Kneissl, Josef Moser, Beate Hartinger-Klein, Heinz Faßmann und Juliane Bogner-Strauß haben keinen persönlichen offiziellen Facebook-Auftritt.

Addendum hat die Facebook-Seiten der Regierungsmitglieder sowie die Parteiseiten der ÖVP und FPÖ im Zeitraum 24. Jänner bis inklusive 21. Februar etwa vier Wochen lang computergestützt im Zehn-Minuten-Takt überprüft und alle neu hinzugekommenen Kommentare in einer Datenbank gespeichert. Fehlte beim nächsten Besuch des Programms ein Kommentar, der vorher in der Datenbank war, wurde er als entfernt erkannt. Hinter diesem Verschwinden können drei Ursachen stehen: Der Nutzer hat den Kommentar selbst entfernt, Facebook hat den Kommentar entfernt, oder die Moderatoren der Seite haben den Kommentar verborgen. Der letztere Fall ist der wahrscheinlichste, wenn die Art der Kommentare berücksichtigt wird: Es handelt sich in den meisten Fällen um Kritik an Partei und Person. Beleidigungen sind seltener. Dieses Muster haben auch Recherchen des Standard gezeigt. Facebook-Nutzer, die gefragt wurden, ob sie ihren Kommentar selbst entfernt hatten, verneinten dies. Diese Nutzer für die Daten zu den Regierungsmitgliedern zu befragen, ist nicht mehr möglich, denn Facebook hat seine Programmier-Schnittstelle verändert. Informationen über einzelne Nutzer können nicht mehr automatisiert ausgelesen werden. Ein Kontaktieren wird dadurch verhindert.

Das Rechercheteam

Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Georg Renner
Team Recherche

Georg Renner hat Rechtswissenschaften studiert, weil er wissen wollte, wie Dinge (Staaten, Städte, die Gesellschaft …) funktionieren, was sie zusammenhält. Nachdem ihm dort kein Erfolg beschieden war, geht er dieser Frage nun journalistisch nach; zuvor bei „NZZ.at“ und „Die Presse“.

Martin Thür
Team TV

Martin Thür ist seit 18 Jahren Fernsehjournalist. Von 2002-2017 war er in der ATV-Nachrichtenabteilung tätig und hat dort Nachrichten, Reportagen und Wahlberichterstattung gemacht. Von 2014-2017 war er Moderator der politischen Interviewsendung “Klartext”. Für Addendum gestaltet er TV-Reportagen.

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