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Frauen und Junge auf schlechten Listenplätzen

Die Listenplatzierung entscheidet darüber, wer Abgeordneter zum Nationalrat wird. Wie sich die Wahllisten der Parteien in den letzten zwei Jahrzehnten verändert haben und wie sie die Repräsentativität des Nationalrats beeinflussen – ein Überblick.

Daten
16.09.2019
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Der Nationalrat bildet die österreichische Gesellschaft nur in Teilen ab01. Frauen und junge Menschen sind, auch wenn sich die Zusammensetzung des Nationalrats in den letzten Jahrzehnten verändert hat, weiterhin unterrepräsentiert, Akademiker anteilsmäßig überrepräsentiert. Woher aber kommt diese fehlende Repräsentativität?

Um die Repräsentativität des Nationalrats zu analysieren, muss man einen Blick auf die Wahllisten werfen. Denn: In den Nationalrat kommt nur, wer auf der Wahlliste einer Partei nominiert wurde. Im Vorfeld jeder Wahl erstellt daher jede wahlwerbende Partei Listen mit den Kandidaten, die im kommenden Nationalrat die Interessen der Wähler vertreten sollen.

Je nachdem, auf welcher Liste und auf welchem Listenplatz man nominiert wird, steigen oder sinken die Chancen, nach der Wahl ins Parlament einzuziehen. Dementsprechend viel Einfluss können Parteien darauf nehmen, wer in der folgenden Legislaturperiode im Nationalrat sitzt und wer nicht – und wie repräsentativ der Nationalrat damit wird.

Als Beispiel: Auf den Listen der NEOS hatten im Jahr 2017 knapp 45 Prozent der Kandidaten einen Universitätsabschluss, was im Vergleich zur Gesamtbevölkerung bereits eine deutliche Überrepräsentation von Akademikern darstellt. Im Nationalrat waren dann letztlich sogar neun von insgesamt zwölf Abgeordneten der NEOS Akademiker – was einem Akademikeranteil von 75 Prozent entspricht. Man sieht also einen deutlichen Filtereffekt zugunsten akademisch gebildeter Kandidaten.

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Unter deskriptiver Repräsentation versteht man, dass der Anteil einer sozialen Gruppe in einer politischen Institution (z.B. dem Nationalrat) dem Anteil dieser Gruppe in der Bevölkerung entspricht. Weichen diese Werte voneinander ab, spricht man entweder von Über- oder von Unterrepräsentation. Deskriptive Repräsentation sagt dabei allerdings nichts über die Qualität dieser Repräsentation aus.

Im österreichischen Wahlsystem wird die Gesamtzahl an Sitzen, die einer Partei im Nationalrat zustehen, nach dem D’Hondtschen Verfahren vergeben. Diese Gesamtanzahl wird dann auf Kandidaten der 39 Regionalwahlkreislisten, der neun Landeslisten und der Bundesliste aufgeteilt.

Addendum hat daher versucht, die Listenerstellungen der letzten 20 Jahre nachzuzeichnen, um der Frage nachzugehen, wie repräsentativ diese Listen eigentlich sind und welchen Effekt sie auf die Repräsentativität des Nationalrats haben.

Dabei zeigt sich: Wie auch im Nationalrat sind Frauen und Junge auf den Wahllisten unter- und Akademiker überrepräsentiert, wenngleich es oft klare Unterschiede zwischen den Parteien gibt. Das gilt auch für die Listen für die kommende Nationalratswahl. Entscheidend ist jedoch, dass der Nationalrat noch weniger repräsentativ ist als die Listen, aus denen er gebildet wird. Das bedeutet, dass nicht nur weniger Frauen und Junge auf den Wahllisten stehen – sie bekommen auch weniger aussichtsreiche Listenplätze.

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Auch die Listen bilden die Gesellschaft nur teilweise ab

Wahlwerbende Parteien erstellen, als Folge des recht komplexen österreichischen Wahlsystems, mehrere Listen: eine Bundes-, neun Landes- und 39 Regionallisten. Diese Listen regeln, wer die Mandate einer Partei in Anspruch nehmen kann. Gewinnt eine Partei beispielsweise ein Mandat im Regionalwahlkreis „Wien Süd“ (9D) zieht der Listenerste dieser Regionalwahlkreisliste in das Parlament ein; gewinnt eine Partei fünf Mandate im Bundeswahlkreis, ziehen die ersten fünf der Bundesliste ins Parlament ein.

Die Wahllisten können so eine starke Filterwirkung auf die soziodemografische Zusammensetzung des Nationalrats ausüben. Vergleicht man nun die Zusammensetzung der Wahllisten mit der Bevölkerung, zeigen sich einige klare Muster, aber auch deutliche Unterschiede zwischen den Parteien.

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Tritt eine Partei nicht bundesweit an, sondern nur in einzelnen Bundesländern, wird keine Bundes- oder weitere Landesliste erstellt.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurden für die folgenden Analysen die Bundes-, Landes- und Regionallisten kombiniert. Die Zusammensetzung der einzelnen Listen unterscheidet sich generell aber recht wenig.

Da für 2019 noch keine aktuellen Bevölkerungsdaten vorliegen, wurden die Listen für die Nationalratswahl 2019 mit den Bevölkerungswerten aus 2018 verglichen.

Wenige Frauen auf den Listen der NEOS und der FPÖ

Frauen sind – wie im Nationalrat – auch auf den Wahllisten unterrepräsentiert. SPÖ und die Grünen stechen jedoch hervor: Auf deren Listen ist der Frauenanteil fast deckungsgleich mit dem Anteil der Frauen in der Erwerbsbevölkerung oder liegt sogar darüber. Auch bei der ÖVP weichen die Wahllisten nur in geringem Ausmaß von der Bevölkerung ab, insbesondere in den Jahren 2017 und 2019.

Deutlich weniger Frauen finden sich jedoch auf den Wahllisten der FPÖ, des BZÖ und der NEOS. Als Beispiel: Von den 971 Kandidaten, die 2017 auf den Regional-, Landes- oder Bundeslisten der NEOS standen, waren knapp 27 Prozent Frauen – bei einem Anteil von 47 Prozent in der Erwerbsbevölkerung. 2019 sind 30 Prozent der NEOS-Kandidaten weiblich.

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Kaum Junge bei den Grünen

Ein ganz anders Bild zeigt sich hingegen beim Anteil der unter 35-Jährigen: Diese Gruppe ist zwar über allen Parteien hinweg betrachtet unterrepräsentiert, bei den NEOS waren sie aber klar überrepräsentiert – besonders deutlich auf den Listen für die kommende Wahl. Nur die Kurz-ÖVP erreichte 2017 und 2019 einen ähnlich hohen Anteil an Jungen auf ihren Wahllisten, wenngleich sich dieser Wert heuer wieder etwas reduziert hat.

Bei den restlichen Parteien gibt es eine deutliche Unterrepräsentation junger Kandidaten, wobei sich bei SPÖ und FPÖ seit Ende der 1990er allerdings ein klarer Aufwärtstrend erkennen lässt. Und die Grünen? Über den gesamten Zeitraum betrachtet sind sie die Partei mit den wenigsten Jungen auf ihren Wahllisten. 2019 lässt sich aber auch bei den Grünen ein Anstieg an jungen Kandidaten erkennen.

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Weniger Variation gibt es bei der Akademikerquote: Bei allen Parteien gibt es eine deutliche Überrepräsentation, wobei Grüne und NEOS durch einen besonders hohen Anteil an Kandidaten mit Universitätsabschluss hervorstechen. FPÖ und BZÖ nominieren die wenigsten Akademiker, anteilsmäßig jedoch ebenfalls mehr, als es in der Gesamtbevölkerung gibt.

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Die Listen sind repräsentativer als der Nationalrat

Die Listen bilden freilich nur einen Auswahlrahmen. Welcher Kandidat dann tatsächlich in den Nationalrat einzieht, hängt einerseits vom Wahlergebnis und andererseits davon ab, auf welcher Liste jemand nominiert wurde. Die entscheidende Frage ist daher: Wie unterscheidet sich die Verteilung der Frauen, Jungen und Akademiker auf den Listen von der Verteilung im Nationalrat?

Hier zeigen sich deutliche Unterschiede, die aufzeigen, welche Bedeutung der Listenerstellung zukommt. Ein Beispiel ist die Liste der ÖVP im Jahr 2017. Von den 942 Personen, die 2017 auf den Listen der ÖVP nominiert waren, besaßen 32 Prozent einen Hochschulabschluss. Der Akademikeranteil der ÖVP im Nationalrat betrug letztlich jedoch mehr als 50 Prozent. Wirft man einen Blick auf die Jungen, zeigt sich: 35 Prozent der ÖVP-Kandidaten von 2017 waren unter 35 Jahre alt, im Nationalrat waren es dann jedoch nur knapp 15 Prozent (elf von 74 Abgeordneten).

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Noch mehr Akademiker

Diese Beispiele sind keine Ausnahmen: Bei fast allen Parteien und Wahlgängen lässt sich ein ähnlicher Filtereffekt feststellen. In den meisten Fällen gereicht dieser Effekt Akademikern zum Vorteil, Frauen und Jungen zum Nachteil.

Akademiker hatten bislang also hinsichtlich aller Parteien deutlich bessere Chancen, in den Nationalrat einzuziehen, als Nicht-Akademiker. Besonders auffällig ist dieser Effekt allerdings bei den Grünen und den NEOS. Beide Parteien nominieren nicht nur mehr Kandidaten mit Universitätsabschluss, diese Akademiker hatten bei den vergangenen Wahlen auch klar höhere Wahrscheinlichkeiten, in den Nationalrat einzuziehen, als bei den anderen Parteien. Genau umgekehrt ist der Effekt bei jungen Kandidaten. Hier erzeugt die Listenerstellung eine negative Wirkung – und das bei jeder Partei mit Ausnahme der Liste Pilz im Jahr 2017.

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Dieser Selektionseffekt ist bei Frauen schwächer ausgeprägt und hängt vor allem von der Partei ab, von der eine Kandidatin nominiert wird. Bei den Grünen, den NEOS, dem Team Stronach und der Liste Pilz kamen proportional mehr Frauen in den Nationalrat als auf den Listen nominiert waren. Bei ÖVP, SPÖ und BZÖ ist dieser Effekt umgekehrt. Die FPÖ bildet eine interessante Ausnahme: Zwar nominiert die FPÖ generell deutlich weniger Frauen als andere Parteien. Der Anteil im Nationalrat entspricht jedoch, je nach Wahl etwas stärker oder schwächer, dem Anteil auf den Listen.

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Aussichtsreiche und aussichtslose Listenplätze

Wie dieser Filtereffekt zustande kommt, lässt sich ebenfalls empirisch zeigen. Bei den Parteien, bei denen mehr Frauen auf den Listen stehen als dann im Nationalrat vertreten sind (ÖVP und SPÖ), gibt es deutlich weniger Frauen unter den ersten drei Plätzen der Regionallisten. Frauen sind auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit unter den ersten fünf Plätzen der Landes- oder der Bundeslisten vertreten.

Umgekehrt sind bei den NEOS, der FPÖ und den Grünen – also jenen Parteien, bei denen Frauen im Nationalrat stärker oder in gleichem Maße repräsentiert sind als auf den Listen – Frauen auch tatsächlich häufiger unter den vordersten Listenplätzen der Landes- oder Bundeslisten vertreten. Ähnliche Effekte lassen sich für Junge und Akademiker beobachten: Je älter und je gebildeter, desto höher die Chance, auf den vorderen Listenplätzen zu stehen.

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Das gilt auch für die Regionallisten, allerdings konnten NEOS und Grüne bisher kein Regionalwahlkreismandat gewinnen.

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Mehr Frauen und Junge in aussichtslosen Wahlkreisen

Die Regionallisten liefern – zumindest für jene Parteien, die ein Regionalwahlkreismandat gewinnen – eine weitere Erklärung für den Filtereffekt. Das österreichische Wahlsystem führt nämlich dazu, dass es in manchen Regionalwahlkreisen einfacher ist, ein Mandat zu gewinnen als in anderen. 2017 brauchte eine Partei im Regionalwahlkreis „Graz und Umgebung“ (6A) beispielsweise knapp 11 Prozent der abgegebenen Stimmen, um ein Mandat zu gewinnen. Im Wahlkreis „Osttirol“ (7E) benötigte man hingegen über 90 Prozent – einen Wert, der selbst für die ÖVP trotz eines starken Wahlergebnisses nicht erreichbar war.

Diese Eigenschaft des Wahlsystems ist von großer Relevanz: So wie im US-amerikanischen Mehrheitswahlsystem lässt sich daher zwischen sicheren und aussichtslosen Wahlkreisen unterscheiden. Die vergangenen Wahlen zeigen, dass Frauen und Junge häufiger in Letzteren nominiert werden. Der Anteil an Jungen oder Frauen unter den Top 3 der Listen ist nämlich klar geringer in Regionalwahlkreisen, in denen die Parteien dann tatsächlich ein Mandat gewonnen haben. In diesen Wahlkreisen sind auch häufiger Akademiker unter den ersten drei Listenplätzen zu finden. Die fehlende Repräsentativität des Nationalrats kommt also auch daher, dass Frauen und Junge auf weniger chancenreichen Positionen kandidieren.

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Natürlich ist hierbei auch die Interpretation zulässig, dass Parteien jene Wahlkreise gewinnen, weil dort weniger Frauen und Junge nominiert werden. Allerdings scheint angesichts der Tatsache, dass nur wenige Wähler die Kandidaten ihres Wahlkreises kennen, die erste Interpretation naheliegender.

Um herauszufinden, wer 2019 in Ihrem Regionalwahlkreis kandidiert und wie viele Stimmen für ein Mandat notwendig sind, suchen Sie Ihre Gemeinde in folgender Datenbank:

Methodik

Die Daten zur österreichischen Bevölkerung wurden von der Statistik Austria zur Verfügung gestellt. Der hier berechnete Frauenanteil entspricht dem Anteil an Frauen an der Erwerbsbevölkerung (nicht der Gesamtbevölkerung). Der Akademikeranteil berechnet sich als der Anteil an Personen mit Hochschulabschluss relativ zu allen Personen mit zumindest einem Pflichtschulabschluss. Der Altersanteil entspricht dem Anteil an unter 35-Jährigen relativ zu allen Personen über 18 Jahren.

Die Daten zu Abgeordneten stammen von der Homepage des österreichischen Nationalrats und wurden von Flooh Perlot zur Verfügung gestellt. Ausgewertet wurden alle Abgeordneten, die zwischen 1953 und 2019 im Nationalrat zumindest einmal vertreten waren, unabhängig davon, ob sie die gesamte Legislaturperiode vertreten waren. Als „Junge“ wurden alle Abgeordnete gezählt, die in der konstituierenden Sitzung des jeweiligen Nationalrats unter 35 Jahre alt waren. Als Akademiker zählen alle Abgeordneten, die über einen Hochschulabschluss verfügen.

Die Daten zu den Wahllisten wurden von den Seiten des Bundesministeriums für Inneres gesammelt. Alter, Geschlecht und akademischer Grad wurden in der gleichen Weise codiert wie für die Abgeordneten.

16.09.2019

Das Rechercheteam

Konstantin Glinitzer
Moritz Moser
Anna Schneider

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

Dieter Berliz
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