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Zu alt, zu männlich und zu viele Akademiker?

Der Nationalrat sei kein Abbild der österreichischen Gesellschaft – so lautet ein häufiger Kritikpunkt insbesondere vor und nach Wahlen. Aber wie gut spiegelt der Nationalrat die Bevölkerung wirklich wider?

Daten
16.09.2019

Update 23. Oktober 2019

Heute konstituiert sich der neue Nationalrat. Es ist der bisher weiblichste und jüngste Nationalrat in der Geschichte der Zweiten Republik – auch wenn beide Gruppen weiterhin unterrepräsentiert bleiben. Die Grafiken des Artikels wurden mit den neuen Daten aktualisiert.

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Zu alt, zu männlich und zu viele Akademiker – vor und nach Wahlen wird die Repräsentativität des Nationalrats zumeist kritisch beäugt. Addendum hat daher untersucht, wie sich der Anteil an Frauen, Akademikern und Jungen in der österreichischen Bevölkerung und im Nationalrat seit 1953 verändert hat und wie gut der Nationalrat die Bevölkerung repräsentiert.

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Unter deskriptiver Repräsentation versteht man, dass der Anteil einer sozialen Gruppe in einer politischen Institution (z.B. dem Nationalrat) dem Anteil dieser Gruppe in der Bevölkerung entspricht. Weichen diese Werte voneinander ab, spricht man entweder von Über- oder von Unterrepräsentation. Deskriptive Repräsentation sagt dabei allerdings nichts über die Qualität dieser Repräsentation aus.

Der Frauenanteil steigt und stagniert

Seit Gründung der Zweiten Republik sind Frauen tatsächlich unterrepräsentiert. Im ersten Nationalrat, der nach dem Zweiten Weltkrieg gewählt wurde, waren zehn Frauen vertreten – von insgesamt 177 Abgeordneten. Ab der Nationalratswahl 1953 lässt sich der Frauenanteil im Nationalrat auch in Bezug zur Gesamtbevölkerung stellen: 1953 machten Frauen knapp 40 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung aus, im Nationalrat waren hingegen nur 6 Prozent weiblich. Diese deutliche Unterrepräsentation setzte sich bis in die 1970er Jahre fort: Auch im Jahr 1971 gab es nur 14 weibliche Abgeordnete; der Großteil wurde wie auch in den vorangegangenen Wahlen über die Listen der SPÖ gewählt.

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Der Nationalrat umfasste zwischen 1945 und 1971 165 Abgeordnete. Die Differenz zu 177 ergibt sich daraus, dass einige Abgeordnete als Regierungsmitglieder ihr Mandat zurücklegen oder aus anderen Gründen zurücktreten. Dadurch ist es möglich, dass über die gesamte Legislaturperiode mehr als 165 Abgeordnete zumindest einmal im Nationalrat vertreten sein können.

Die erste Volksbefragung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1951 durchgeführt, weshalb ein Vergleich zwischen Gesamtbevölkerung und Nationalrat für die Wahlen 1945 und 1949 nicht möglich ist.

In den 1980er und 1990er Jahren stieg der Anteil an Frauen allerdings sukzessive auf fast 30 Prozent an. Ein Grund für diese Entwicklung war, dass nun auch ÖVP und FPÖ, deren Mandatsanteil in diesem Zeitraum anstieg, vermehrt weibliche Abgeordnete stellten. Bis 1979 gab es beispielsweise in der FPÖ keine einzige weibliche Abgeordnete, nach der Nationalratswahl 1999 gab es 13 Frauen im FPÖ-Klub.

Aufgrund dieses starken Anstiegs sinkt die Unterrepräsentation von Frauen – und das, obwohl im gleichen Zeitraum auch der Anteil von Frauen in die Erwerbsbevölkerung auf fast 50 Prozent gestiegen ist. Der Anteil an Frauen im Nationalrat ist demnach stärker gewachsen als in der Erwerbsbevölkerung. Eine Einschränkung gibt es jedoch: Seit der Jahrtausendwende stagniert der Frauenanteil bei ungefähr 35 Prozent. Frauen bleiben daher weiterhin unterrepräsentiert.

Der neu konstituierte Nationalrat hat dieses Muster jedoch wieder aufgebrochen: Der Frauenanteil hat sich auf fast 40 Prozent erhöht, wofür insbesondere der Wiedereinzug der Grünen verantwortlich sind. Es ist damit der bislang höchste Frauenanteil in der Geschichte der Zweiten Republik.

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An dieser Schlussfolgerung ändert sich auch nichts, wenn man den Frauenanteil im Nationalrat mit der Gesamtbevölkerung vergleicht, da der Frauenanteil in der Gesamtbevölkerung seit den 1950er Jahren unverändert bei ungefähr 50 Prozent liegt.

Jüngere Abgeordnete in einer älteren Gesellschaft

Der Aufstieg der Fridays for Future-Bewegung zu einem internationalen Phänomen hat auch die Repräsentation junger Menschen in den Mittelpunkt medialer Berichterstattung gerückt. Ein zentraler Kritikpunkt dieser Bewegung ist, dass politische Parteien die Interessen junger Menschen aktuell nicht widerspiegeln.

In Bezug auf den österreichischen Nationalrat stimmt diese Kritik zumindest teilweise: Einerseits sind jüngere Wähler seit Gründung der Zweiten Republik deutlich unterrepräsentiert. Bis in die 1990er Jahre waren weniger als 5 Prozent der Abgeordneten unter 35 Jahre alt, bei einem Anteil von etwas mehr als 30 Prozent in der Bevölkerung. Jüngere Abgeordnete waren dabei eher in den Reihen der Sozialdemokraten zu finden.

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Andererseits hat die Unterrepräsentation von Jungen seit der Jahrtausendwende abgenommen – allerdings aus zwei verschiedenen Gründen. Zum einen stieg der Anteil an jungen Abgeordneten auf durchschnittlich zehn Prozent an. Zum anderen ist die österreichische Gesellschaft im gleichen Zeitraum deutlich gealtert. Es gibt demnach weniger Junge, die im Nationalrat zu repräsentieren sind. Das führt dazu, dass junge Menschen – rein deskriptiv betrachtet – besser repräsentiert sind als noch vor einigen Jahrzehnten.

Das gilt insbesondere für den aktuellen Nationalrat: Mit mehr als 16 Prozent sind so viele Junge im Nationalrat wie noch in der Geschichte der Zweiten Republik.

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Immer mehr Akademiker

Im Unterschied zu Frauen und Jungen sind Akademiker seit 1945 deutlich überrepräsentiert. 1953 machte der Akademikeranteil an der – zu diesem Zeitpunkt vom Landwirtschafts- und Industriesektor geprägten – Gesellschaft weniger als 2 Prozent aus. Im Nationalrat verfügten jedoch mehr als 20 Prozent der Abgeordneten über einen Hochschulabschluss. Akademiker waren dabei insbesondere in der ÖVP und FPÖ konzentriert, aber auch die SPÖ stellte überdurchschnittlich viele Akademiker.

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Seit den 1980er Jahren hat sich die österreichische Wirtschaftsstruktur fundamental geändert, und der Akademikeranteil in der Bevölkerung hat sich sukzessive auf knapp 15 Prozent im Jahr 2017 erhöht. Das hat jedoch nicht dazu geführt, dass die Überrepräsentation von Akademikern abgenommen hat. Vielmehr hat sie sogar noch zugenommen. Denn die Nationalratsabgeordneten von heute sind in noch stärkerem Ausmaß (2017 betrug der Anteil mehr als 50 Prozent) Akademiker als zu Beginn der Zweiten Republik. Daran ändert sich auch im aktuellen Nationalrat wenig, auch wenn der Akademikeranteil leicht gesunken ist.

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Repräsentation und Einfluss

Deskriptive Repräsentation, also die Repräsentation nach Bevölkerungsgruppen, ist jedoch nur ein Element demokratischer Vertretung. Akademiker, Junge oder weibliche Wähler sind keine homogenen Gruppen mit einheitlichen politischen Interessen. Bei zahlreichen politischen Sachfragen variieren die politischen Einstellungen innerhalb dieser soziodemografischen Gruppen häufig genauso stark wie zwischen den Gruppen.

Außerdem bedeutet selbst perfekte deskriptive Repräsentation nicht, dass sich der politische Einfluss dieser Gruppen erhöht. Abgeordnete müssen ja nicht im Interesse „ihrer“ Gruppen abstimmen – insbesondere, wenn Parteien, wie das in Österreich der Fall ist, das Abstimmungsverhalten einzelner Abgeordneter stark beeinflussen.

Mit den politischen Parteien ist auch ein entscheidender Einflussfaktor deskriptiver Repräsentation angesprochen: Im österreichischen Wahlsystem stimmen Wähler ja nicht für einzelne Personen, sondern stimmen über die von den Parteien erstellten Listen ab. Die Möglichkeit, in den Nationalrat einzuziehen, und damit das Ausmaß deskriptiver Repräsentation, hängt daher insbesondere von der Listenerstellung durch die Parteien ab. Wie repräsentativ diese Liste sind und wie sie die Wahlchancen von Frauen, Jungen und Akademikern beeinflussen, können Sie hier nachlesen02. 

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Wähler haben die Möglichkeit, die Listenreihung durch Vergabe von Vorzugsstimmen zu verändern. Allerdings zeigen die vergangenen Wahlen, dass nur wenige Wähler diese Möglichkeit in Anspruch nehmen und Vorreihungen nur sehr selten vorkommen.

Methodik

Die Daten zur österreichischen Bevölkerung wurden von der Statistik Austria zur Verfügung gestellt. Der hier berechnete Frauenanteil entspricht dem Anteil an Frauen an der Erwerbsbevölkerung (nicht der Gesamtbevölkerung). Der Akademikeranteil berechnet sich als der Anteil an Personen mit Hochschulabschluss relativ zu allen Personen mit zumindest einem Pflichtschulabschluss. Der Altersanteil entspricht dem Anteil an unter 35-Jährigen relativ zu allen Personen über 18 Jahren.

Die Daten zu Abgeordneten stammen von der Homepage des österreichischen Nationalrats und wurden vom Politikwissenschafter Flooh Perlot zur Verfügung gestellt. Ausgewertet wurden alle Abgeordneten, die zwischen 1953 und 2019 im Nationalrat zumindest einmal vertreten waren, unabhängig davon, ob sie die gesamte Legislaturperiode vertreten waren. Als „Junge“ wurden alle Abgeordnete gezählt, die in der konstituierenden Sitzung des jeweiligen Nationalrats unter 35 Jahre alt waren. Als Akademiker zählen alle Abgeordneten, die über einen Hochschulabschluss verfügen.

16.09.2019

Das Rechercheteam

Konstantin Glinitzer
Moritz Moser
Dieter Berliz
Anna Schneider

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

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