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Ex-Ombudsfrau Wiesinger vor Zwangsversetzung
10. März 2020 Brennpunkt Schule Lesezeit 5 min
Seit dem 17. Februar ist die einstige Ombudsfrau Susanne Wiesinger wieder im Schuldienst. Erst als Sonderschullehrerin in Wien-Margareten, danach als Volksschullehrerin in Wien-Favoriten. Dorthin soll sie nun zwangsversetzt werden.
Dieser Artikel gehört zum Projekt Brennpunkt Schule und ist Teil 19 einer 19-teiligen Recherche.
Bild: Petra Rautenstrauch | Addendum

Susanne Wiesinger wirkt erschöpft. Dass ihre Rückkehr ins Klassenzimmer nicht leicht werden würde, war ihr bewusst. Zu ehrlich war ihre Kritik am Bildungssystem. Zu direkt ihre Worte in Richtung Direktoren, Gewerkschaftern und Glaubensvertretern. „Ich habe mich mit allen angelegt. So etwas vergisst man nicht“, sagt die Pädagogin. Mit „man“ meint sie das Schulsystem mit allen Akteuren. Und genau in dieses System, wie sie es nennt, ist sie nach einem Jahr als Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte wieder zurückgekehrt. Ihr neuer Chef ist der alte, der Wiener Bildungsdirektor Heinrich Himmer. Dieser versicherte ihr kurz bevor sie wieder in ein Wiener Klassenzimmer zurückkehren sollte, im Gespräch mit Addendum , dass man einen „guten Schulplatz“ finden werde. Seit diesem Versprechen sind einige Wochen mit Versetzungen, einem unklaren Versicherungsstatus und einer klaren Ansage aus der Personalverwaltung der Bildungsdirektion vergangen: „Sie werden sich nichts aussuchen in diesem System. Entweder akzeptieren Sie das, was wir Ihnen anbieten, oder Sie kündigen.“ In der Wiener Bildungsdirektion verweist man darauf, dass Frau Wiesinger erst zwei Volksschulen zur Auswahl angeboten bekommen habe, die sie beide nicht wollte, da sie an einer Brennpunktschule im 10. Bezirk arbeiten möchte. „Diesem Wunsch wurde mit einer Dienstzuteilung und baldigen Versetzung an die Volksschule Alxingergasse entsprochen.“

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Entweder akzeptieren Sie das, was wir Ihnen anbieten, oder Sie kündigen.

Rückkehr an alte Schule nicht möglich

Vor ihrem Wechsel ins Ministerium wurde ihr vom Ministerium und ihrer Direktorin zugesichert, dass sie wieder an die Neue Mittelschule, an der sie 13 Jahre unterrichtete, zurückkehren könne. Nun heißt es aus der Bildungsdirektion Wien: Dies sei nicht möglich, da es an dieser Schule keinen Lehrerbedarf gebe. Es fehle besonders an Volksschulen qualifiziertes Personal, daher werde Susanne Wiesinger dorthin versetzt.

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Sonderschullehrerin für eine Woche

Mitte Februar erhielt Susanne Wiesinger einen Anruf aus der Bildungsdirektion. In diesem teilte man ihr mit, dass sie sich zwischen zwei Volksschulen, eine in Wien-Simmering, die andere in Wien-Margareten, entscheiden müsse. Zugleich sollte sie selbst um ihre Versetzung an eine dieser beiden Schulen ansuchen. „Warum soll ich meine Versetzung an eine Schule beantragen, die nicht die Schule meiner Wahl ist?“, fragt Wiesinger. Für sie steht fest: „Die Bildungsdirektion will am Ende einfach sagen können, schaut her, sie wollte doch an diese Schule, hier hat sie unterschrieben. Ich erlebe nun das, was ich als Personalvertreterin bei einigen Kolleginnen erlebt habe. Es wird Druck aufgebaut, dass man um eine Versetzung ansuchen soll, die man gar nicht will.“

Wiesinger lehnte ab, um eine Versetzung anzusuchen. Daraufhin wurde sie ab dem 17. Februar für längstens vier Wochen der Volksschule „Am Hundsturm 18“ in Wien-Margareten zugewiesen. Dort sollte sie als Sonderschullehrerin mit Schülern einer Integrationsklasse, also Kindern mit einem besonderen pädagogischen Förderbedarf, arbeiten. „Ich übernahm den Stundenplan einer erkrankten Sonderschullehrerin, obwohl ich dafür keinerlei Ausbildung habe. Die Schulleiterin teilte mir schon im ersten Gespräch mit, dass an ihrer Schule kein Personalmangel an Volksschullehrern herrscht“, sagt Wiesinger gegenüber Addendum.

Dass Susanne Wiesinger entgegen ihrer Ausbildung eingesetzt worden sei, weist Mathias Meissner, der Sprecher des Wiener Bildungsdirektors, zurück: „Bei der Volksschule am Hundsturm handelt es sich nicht um eine Sonderschule, sondern um eine Volksschule. Frau Wiesinger hat ein Lehramt für Volksschulen.“

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Zwangsversetzung steht bevor

Nach einer Woche war damit aber auch wieder Schluss. Am Freitag, 21. Februar, erhielt Wiesinger am Nachmittag einen Anruf aus der Bildungsdirektion, bei dem man ihr ausrichtete, dass sie ab sofort den Dienst in der Volksschule Alxingergasse in Wien-Favoriten anzutreten habe.

Anfang März wurde sie darüber informiert, dass die Stadt Wien beabsichtigt, sie an diese Schule „von Amts wegen“ zu versetzen, sprich: Sie soll zwangsversetzt werden. „Ich werde das akzeptieren“, sagt Wiesinger, „auch wenn ich natürlich gern an meine NMS zurückgekehrt wäre. Die Arbeit mit den Schülern entspricht dem, was ich all die Jahre gemacht habe, das passt schon. Außerdem fehlt dieser Schule tatsächlich Personal.“

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Drei Wochen Schwarzarbeit?

Was dagegen noch nicht passt, ist die Sozialversicherung. Am 26. Februar bekommt Wiesinger Post von ihrer Versicherung (der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, Eisenbahnen und Bergbau, kurz BVAEB). Diese teilt ihr mit, dass sie seit über zehn Tagen nicht mehr versichert sei. Wie sich herausstellte, hatte das Bildungsministerium Wiesinger mit Ende ihrer Ombudstätigkeit offiziell abgemeldet, das Land Wien, für das sie seit 17. Februar wieder arbeitete, aber nicht neu angemeldet, da Wiesinger noch bis Ende März ihr Lehrergehalt vom Ministerium erhält. Aus dem Bildungsministerium heißt es dazu nur kurz: „Frau Wiesinger war de facto durchgehend versichert.“

Ganz so einfach war die Angelegenheit allerdings nicht. Denn über Wochen war sie quasi ein „U-Boot“ an der Schule, wie ihr Anwalt die Situation beschreibt. „Ich habe in dieser Zeit eine Faschingsfeier mit Sonderschülern gemacht, ich war mit denen turnen. Und dann erfahre ich, dass ich in diesen Wochen nicht versichert gewesen bin. Was bei einem Unfall in der Schule passiert wäre, möchte ich mir gar nicht vorstellen“, zeigt sich die Lehrerin empört. „Leider bin ich kein Einzelfall. Ich kenne vor allem junge Kollegen, denen es ähnlich erging. Die nicht angemeldet wurden, keinen Dienstvertrag erhalten haben oder auch einige Zeit kein Geld bekommen haben.“

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„Die Gewerkschaft muss hier aktiv werden“

Aufgrund der unklaren Versicherungssituation durfte Susanne Wiesinger schließlich auch keine Kinder mehr unterrichten. Von der Gewerkschaft erhält sie bei der Klärung dieser dienstrechtlichen Problematik wenig Unterstützung. Ihre Schulleiterin bekommt auch nur spärliche Informationen aus der Bildungsdirektion. Erst als sie ihren Anwalt mit der Klärung dieser Angelegenheit beauftragt, kommt Bewegung in die Sache. „Die Gewerkschaft muss hier aktiv werden. Sie wirbt um Mitglieder und lässt zu, dass in Wien Lehrer arbeiten, ohne angemeldet und versichert zu sein. Jeder in diesem System weiß, wie schnell bei der Arbeit mit Kindern etwas passieren kann.“ Seit vergangenem Donnerstag ist Wiesinger nun wieder bei ihrer Versicherung angemeldet, allerdings nicht durch das Land Wien, für das sie weiterhin als Lehrerin in einer Schule in Wien-Favoriten arbeitet, sondern durch das Bildungsministerium. Dieses teilt Wiesingers Anwalt mit, dass man sie „versehentlich“ abgemeldet habe. Erst ab dem 1. April sei sie dann über die Bildungsdirektion anzumelden. 

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