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Regisseur Edmund Emge
Szene aus dem Stück „Welt in Bewegung“: Regisseur Edmund Emge mimt einen Waffenhändler im Bürgerkriegsgebiet. || Bild: Jan Thies | Addendum
Kann man Theater kritisieren, das man nicht gesehen hat?
7. April 2018 Brennpunkt Schule Lesezeit 6 min
„Rassistisch stereotyp“, „Vergewaltigung des Theaters“ oder „äußerst problematisch“: So verrissen Meinungsmacher ein Stück für Schüler. Eine öffentliche Aufführung wurde aufgrund dieser Äußerungen abgesagt. Allein: Keiner der Kritiker hatte das Stück bis dahin gesehen. Bei uns können sie das nachholen.

In unserer Museumsarbeit treten wir gegen Fremdenangst und Rassismus ein.“ Aus diesem, in einer schriftlichen Stellungnahme angeführten Grund verkündete das Weltmuseum Wien (einst Museum für Völkerkunde) am vergangenen Karfreitag, dass es eine öffentliche, für jenen Abend geplante Aufführung des Theaterstücks „Welt in Bewegung“ im eigenen Haus aus dem Programm nehme. Das Stück, das zuvor in 75 Aufführungen vor 10.000 Schülern gezeigt worden war, war unmittelbar zuvor in Medien des ORF (Ö1, FM4) und von Meinungsmachern in den sozialen Medien scharf kritisiert worden.

Theaterkritik ohne Theater

Wir haben uns nun mit den Kritiken auseinandergesetzt, wollten wissen, wie öffentliche Meinungsbildung im ideologisch aufgeladenen Themenfeld der Migration im 21. Jahrhundert funktioniert. Das Ergebnis: Keine jener von uns im Folgenden genannten Personen, die öffentlich deutliche Worte für ihre Äußerungen fanden, hat „Welt in Bewegung“ und die dazugehörigen, uns ebenfalls vorliegenden, Begleitmaterialien bis dahin gesehen. Die Empörung über das Stück basiert also einzig auf dem Textbuch von Regisseur und Autor Edmund Emge.

Das, was fehlt, nämlich das viel diskutierte Stück auch anzuschauen, haben wir am 4. April an einer Schule im 20. Wiener Bezirk getan. Unser TV-Team hat die Vorstellung vollständig aufgezeichnet, lediglich die darin mitwirkenden Schüler zum Schutz ihrer Identität unkenntlich gemacht. Damit kann sich die Öffentlichkeit nun auf der Grundlage von Tatsachen selbst ein Bild machen.

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Was ist „Welt in Bewegung“?

Der Wunsch, Wissen zum Thema Migration in Form von Schultheater zu vermitteln, geht auf den ehemaligen ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka zurück. Im Auftrag des Innenministeriums suchte das International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) nach Autoren und Regisseuren. Neben Edmund Emge legten die „Biondekbühne Baden“ sowie „Spielfläche“ Angebote und Konzepte vor. Emge erhielt den Zuschlag.

Er selbst sagt, dass die einzige inhaltliche Vorgabe der 136 Seiten starke Bericht des Österreichischen Migrationsrats (Vorsitz: Paul Lendvai) war. Das Innenministerium korrigierte ihn demnach nur bei der korrekten Verwendung von Fachbegriffen aus dem behördlichen Migrationswesen. Künstlerische Einflussnahme durch das Innenressort bestreitet er genauso wie das Ministerium selbst. Begleitet wird das Stück durch Mitarbeiter der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich.

Das Stück ist für Schulen kostenlos. Zum Programm gehören inhaltliche Vor- und Nachbereitung und ein 33-seitiges Informationspapier für Lehrer. Nach jeder Aufführung gibt es die Gelegenheit, den Inhalt mit Darstellern, Lehrern und einem Vertreter des Ministeriums zu diskutieren.

Bis 5. April 2018 wurde das Stück 77-mal vor über 10.000 Schülern aufgeführt. Für die Konzeptentwicklung zahlte das Innenressort 17.000 Euro. Jede Aufführung wird den Darstellern und dem Regisseur pauschal mit 1.350 Euro abgegolten, eine Folgeaufführung am selben Ort mit 945 Euro.

Als Speerspitze der Kritik ließen die ORF-Sender FM4 und Ö1 die Regisseurin und Theatermacherin Tina Leisch auftreten. Sie äußerte sich in Radio- und Internetbeiträgen mit starken Worten. Im „Kulturjournal“ (30.3.) bezeichnet sie das Stück als „rassistischen Schund“. Einen Tag vorher (29.3.) spricht sie in der FM-Sendung „Connected“ und in einem Beitrag auf der Website des Senders davon, dass „Welt in Bewegung“ eine „Vergewaltigung dessen“ sei, „was Theater oder Kunst sein soll“. Als Basis dient ihr der Text des Stücks.

Gesehen hat sie es nicht. „Das wollte ich aber“, erzählte uns Tina Leisch in einem Telefonat. Besuchen wollte sie demnach genau jene öffentliche Aufführung im Weltmuseum Wien, die laut eingesprochener Selbsteinschätzung des Ö1-Kulturjournals von Karfreitagabend „wohl aufgrund unserer Recherchen“ abgesagt wurde.

Später Rückzieher?

Wir fragen nach, erzählen, dass wir während unserer Recherchen auch eine Aufführung sehen konnten. Dann sagt Leisch: „Über ein Theaterstück kann man erst urteilen, wenn man die Inszenierung kennt.“ Und weiter: „Das mit FM4 war ein Schnellschuss.“ Und abschließend: Ich möchte nicht, dass Sie mich in Ihrem Medium zitieren.“

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Wir entschieden uns bewusst dagegen, dem Wunsch von Tina Leisch zu entsprechen; deshalb, weil Sie sich zuvor öffentlich zu diesem Thema, dem Theaterstück „Welt in Bewegung“, geäußert hatte. Um ebendiese Äußerungen ging es in unserem Gespräch mit ihr, das wir zur Wahrung der journalistischen Sorgfaltspflicht führten.

Würden wir dieser Art von Ersuchen um Nichtveröffentlichung von Recherchen nachkommen, wäre eine kritische Berichterstattung über und Infragestellung von zuvor getätigten Aussagen von Betroffenen unmöglich.

Doch FM4 zitiert nicht nur Leisch. Laut eigenen Angaben wurde die Textfassung des Stücks auch von Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen und Autoren „gelesen“. Der sagt dazu: „Es ist eigentlich kein Stück, sondern eine Belehrung, bei dem am Ende das richtige Denken herauskommen soll.“ Und auch der verantwortliche ORF-Journalist selbst äußert seine Meinung zum kritisierten Theater auf Grundlage des Rohtexts: „Es strotzt vor rassistischen Stereotypen und Klischees.“

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Kenne das Stück ja nicht – aber...
Auszug aus einem Tweet des Grünen-nahen Bildungsexperten und Lehrers Daniel Landau

Die Berichte der ORF-Medien führten anschließend am Osterwochenende zu dem, was man einen „Shitstorm“ nennt: eine Welle der Empörung in den sozialen Medien. Auch dort kritisierten Meinungsmacher „Welt in Bewegung“ teils heftig. Auch dort hatten die Gegner das Stück selbst bisher nicht gesehen. Der Grünen-nahe Bildungsexperte Daniel Landau twitterte: „Kenne das Stück ja nicht – aber nach alldem was man darüber/dazu las, sollte das wohl definitiv für keine Lehrer_in ,okay‘ sein.“

Kein Einzelfall: Zahlreiche Personen, die sich an der öffentlichen Debatte beteiligt hatten, räumten zwar ein, das Stück einerseits selbst nicht gesehen zu haben, andererseits jedoch der Meinung zu sein, dass Kritik daran notwendig sei. Dazu zählten unter anderem auch die SPÖ-nahe Bildungsexpertin Heidi Schrodt, der linke Publizist Robert Misik, der Autor und Dramaturg Uwe Mattheiss und die Schriftstellerin Julya Rabinowich. Der folgende Foto-Slider zeigt gesicherte Beiträge auf Twitter und Facebook dazu.

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Arbeitet das Stück mit rassistischen Klischees?

Tina Leisch ist Regisseurin und politische Aktivistin. Sie schrieb u. a. „Traiskirchen. Das Musical” und inszenierte 2016 jene Aufführung von Elfriede Jelineks „Schutzbefohlenen“, die von Vertretern der extrem rechten Identitären gestürmt wurde. Leisch beschreibt das Stück „Welt in Bewegung“ im Gespräch mit uns als „Ansammlung rassistischer Klischees“. Als Großmutter von vier Enkelkindern mit afrikanischem Hintergrund störe es sie besonders, dass die Bühnenfigur Mojo als „naiver Trottel“ dargestellt werde, der auf die Versprechungen von Schleppern hereinfalle. Sie ist der Meinung, dass die Entwicklung des Stücks bei der „Brunnenpassage“ der Wiener Caritas (dort war Leisch bereits tätig) oder dem „Dschungel Wien“ besser aufgehoben gewesen wäre.

Francis Okpata stammt aus Nigeria, war bereits für mehrere größere Produktionen tätig, und spielt in „Welt in Bewegung“ die Figur des afrikanischen Wirtschaftsmigranten Mojo. Uns erzählte er, dass die Naivität vieler Migranten Tatsache sei. Und kein Klischee. Zu oft würden sie sich durch leere Versprechungen zur teuren und bei Schleppern zu buchenden Reisen nach Europa verleiten lassen. Die Figur des Mojo lege er deshalb überzogen und naiv an, „weil das bei den Kindern gut ankommt, sie die Problematik so leichter verstehen“. Okpata hat neben dem Schauspielstudium auch eine pädagogische Ausbildung absolviert, arbeitet nebenher mit Kindern.

Die Empörung im ORF und in den sozialen Medien führte offenbar dazu, dass sich das Weltmuseum – siehe Beginn des Textes – dazu entschloss, eine geplante Aufführung abzusagen. Dabei hatte dasselbe Museum das Stück Wochen vorher fast euphorisch auf seiner Facebook-Seite beworben.

Zitat aus der Ankündigung: „Mit viel Musik, Tanz und einer Prise Humor wird der Versuch unternommen, die Themen Flucht und Migration seriös und ausgewogen, aber gleichzeitig auch unterhaltsam und spannend in einem Theaterstück für 11-16-Jährige zu behandeln.“

Tatsächlich aber hat auch dort das Stück vorher niemand gesehen. „Ein Fehler“, wie Museumsdirektor Christian Schicklgruber nun zugibt. Dass sein Haus umgekehrt das Stück – und ebenfalls ohne es gesehen zu haben – wieder aus dem Programm nahm, verteidigt er aber. „Die Entscheidung war wohlüberlegt.“ Er selbst wolle nun möglichst rasch eine Aufführung sehen und „Welt in Bewegung“ in geeignetem Rahmen und mit anschließender Diskussion „vielleicht im Juni oder Juli“ doch noch aufführen lassen.

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Das, was hier passiert, ist Diffamierung.
Edmund Emge, Autor und Regisseur von „Welt in Bewegung“

Der Autor und Regisseur des Stücks, Edmund Emge, hat die Genese der Kritiken zu seinem Werk mit Staunen zur Kenntnis genommen. „Ich bin erschüttert darüber, dass es in Österreich möglich ist, ein Stück zu verurteilen, das man nicht kennt. Es erinnert an dunkle Zeiten der Geschichte. Auch, dass es zu einer Absage einer Aufführung gekommen ist, wo man uns die Möglichkeit genommen hat, diese Vorwürfe zu entkräften, also quasi wie ein Auftrittsverbot. Dass so etwas in unserem Land heute noch möglich ist, erschüttert mich sehr. Wir stellen uns jeder Kritik von Menschen, die das Stück sehen, aber das, was hier passiert, ist nichts anderes als Diffamierung.“ 

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