Übersicht  
024_12   gelesen

Kann man Theater kritisieren, das man nicht gesehen hat?

„Rassistisch stereotyp“, „Vergewaltigung des Theaters“ oder „äußerst problematisch“: So verrissen Meinungsmacher ein Stück für Schüler. Eine öffentliche Aufführung wurde aufgrund dieser Äußerungen abgesagt. Allein: Keiner der Kritiker hatte das Stück bis dahin gesehen. Bei uns können sie das nachholen.

mit Video
Szene aus dem Stück „Welt in Bewegung“: Regisseur Edmund Emge mimt einen Waffenhändler im Bürgerkriegsgebiet.
07.04.2018
Artikel zum Anhören

In unserer Museumsarbeit treten wir gegen Fremdenangst und Rassismus ein.“ Aus diesem, in einer schriftlichen Stellungnahme angeführten Grund verkündete das Weltmuseum Wien (einst Museum für Völkerkunde) am vergangenen Karfreitag, dass es eine öffentliche, für jenen Abend geplante Aufführung des Theaterstücks „Welt in Bewegung“ im eigenen Haus aus dem Programm nehme. Das Stück, das zuvor in 75 Aufführungen vor 10.000 Schülern gezeigt worden war, war unmittelbar zuvor in Medien des ORF (Ö1, FM4) und von Meinungsmachern in den sozialen Medien scharf kritisiert worden.

Theaterkritik ohne Theater

Wir haben uns nun mit den Kritiken auseinandergesetzt, wollten wissen, wie öffentliche Meinungsbildung im ideologisch aufgeladenen Themenfeld der Migration im 21. Jahrhundert funktioniert. Das Ergebnis: Keine jener von uns im Folgenden genannten Personen, die öffentlich deutliche Worte für ihre Äußerungen fanden, hat „Welt in Bewegung“ und die dazugehörigen, uns ebenfalls vorliegenden, Begleitmaterialien bis dahin gesehen. Die Empörung über das Stück basiert also einzig auf dem Textbuch von Regisseur und Autor Edmund Emge.

Das, was fehlt, nämlich das viel diskutierte Stück auch anzuschauen, haben wir am 4. April an einer Schule im 20. Wiener Bezirk getan. Unser TV-Team hat die Vorstellung vollständig aufgezeichnet, lediglich die darin mitwirkenden Schüler zum Schutz ihrer Identität unkenntlich gemacht. Damit kann sich die Öffentlichkeit nun auf der Grundlage von Tatsachen selbst ein Bild machen.

icon-bubble

Top Kommentar

Als Speerspitze der Kritik ließen die ORF-Sender FM4 und Ö1 die Regisseurin und Theatermacherin Tina Leisch auftreten. Sie äußerte sich in Radio- und Internetbeiträgen mit starken Worten. Im „Kulturjournal“ (30.3.) bezeichnet sie das Stück als „rassistischen Schund“. Einen Tag vorher (29.3.) spricht sie in der FM-Sendung „Connected“ und in einem Beitrag auf der Website des Senders davon, dass „Welt in Bewegung“ eine „Vergewaltigung dessen“ sei, „was Theater oder Kunst sein soll“. Als Basis dient ihr der Text des Stücks.

Gesehen hat sie es nicht. „Das wollte ich aber“, erzählte uns Tina Leisch in einem Telefonat. Besuchen wollte sie demnach genau jene öffentliche Aufführung im Weltmuseum Wien, die laut eingesprochener Selbsteinschätzung des Ö1-Kulturjournals von Karfreitagabend „wohl aufgrund unserer Recherchen“ abgesagt wurde.

Später Rückzieher?

Wir fragen nach, erzählen, dass wir während unserer Recherchen auch eine Aufführung sehen konnten. Dann sagt Leisch: „Über ein Theaterstück kann man erst urteilen, wenn man die Inszenierung kennt.“ Und weiter: „Das mit FM4 war ein Schnellschuss.“ Und abschließend: „Ich möchte nicht, dass Sie mich in Ihrem Medium zitieren.“

icon-bubble

Top Kommentar

Wir entschieden uns bewusst dagegen, dem Wunsch von Tina Leisch zu entsprechen; deshalb, weil Sie sich zuvor öffentlich zu diesem Thema, dem Theaterstück „Welt in Bewegung“, geäußert hatte. Um ebendiese Äußerungen ging es in unserem Gespräch mit ihr, das wir zur Wahrung der journalistischen Sorgfaltspflicht führten.

Würden wir dieser Art von Ersuchen um Nichtveröffentlichung von Recherchen nachkommen, wäre eine kritische Berichterstattung über und Infragestellung von zuvor getätigten Aussagen von Betroffenen unmöglich.

Doch FM4 zitiert nicht nur Leisch. Laut eigenen Angaben wurde die Textfassung des Stücks auch von Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen und Autoren „gelesen“. Der sagt dazu: „Es ist eigentlich kein Stück, sondern eine Belehrung, bei dem am Ende das richtige Denken herauskommen soll.“ Und auch der verantwortliche ORF-Journalist selbst äußert seine Meinung zum kritisierten Theater auf Grundlage des Rohtexts: „Es strotzt vor rassistischen Stereotypen und Klischees.“

icon-bubble

Top Kommentar

Kenne das Stück ja nicht – aber...
Auszug aus einem Tweet des Grünen-nahen Bildungsexperten und Lehrers Daniel Landau

Die Berichte der ORF-Medien führten anschließend am Osterwochenende zu dem, was man einen „Shitstorm“ nennt: eine Welle der Empörung in den sozialen Medien. Auch dort kritisierten Meinungsmacher „Welt in Bewegung“ teils heftig. Auch dort hatten die Gegner das Stück selbst bisher nicht gesehen. Der Grünen-nahe Bildungsexperte Daniel Landau twitterte: „Kenne das Stück ja nicht – aber nach alldem was man darüber/dazu las, sollte das wohl definitiv für keine Lehrer_in ,okay‘ sein.“

Kein Einzelfall: Zahlreiche Personen, die sich an der öffentlichen Debatte beteiligt hatten, räumten zwar ein, das Stück einerseits selbst nicht gesehen zu haben, andererseits jedoch der Meinung zu sein, dass Kritik daran notwendig sei. Dazu zählten unter anderem auch die SPÖ-nahe Bildungsexpertin Heidi Schrodt, der linke Publizist Robert Misik, der Autor und Dramaturg Uwe Mattheiss und die Schriftstellerin Julya Rabinowich. Der folgende Foto-Slider zeigt gesicherte Beiträge auf Twitter und Facebook dazu.

icon-bubble

Top Kommentar

Die Empörung im ORF und in den sozialen Medien führte offenbar dazu, dass sich das Weltmuseum – siehe Beginn des Textes – dazu entschloss, eine geplante Aufführung abzusagen. Dabei hatte dasselbe Museum das Stück Wochen vorher fast euphorisch auf seiner Facebook-Seite beworben.

Zitat aus der Ankündigung: „Mit viel Musik, Tanz und einer Prise Humor wird der Versuch unternommen, die Themen Flucht und Migration seriös und ausgewogen, aber gleichzeitig auch unterhaltsam und spannend in einem Theaterstück für 11-16-Jährige zu behandeln.“

Tatsächlich aber hat auch dort das Stück vorher niemand gesehen. „Ein Fehler“, wie Museumsdirektor Christian Schicklgruber nun zugibt. Dass sein Haus umgekehrt das Stück – und ebenfalls ohne es gesehen zu haben – wieder aus dem Programm nahm, verteidigt er aber. „Die Entscheidung war wohlüberlegt.“ Er selbst wolle nun möglichst rasch eine Aufführung sehen und „Welt in Bewegung“ in geeignetem Rahmen und mit anschließender Diskussion „vielleicht im Juni oder Juli“ doch noch aufführen lassen.

icon-bubble

Top Kommentar

Das, was hier passiert, ist Diffamierung.
Edmund Emge, Autor und Regisseur von „Welt in Bewegung“

Der Autor und Regisseur des Stücks, Edmund Emge, hat die Genese der Kritiken zu seinem Werk mit Staunen zur Kenntnis genommen. „Ich bin erschüttert darüber, dass es in Österreich möglich ist, ein Stück zu verurteilen, das man nicht kennt. Es erinnert an dunkle Zeiten der Geschichte. Auch, dass es zu einer Absage einer Aufführung gekommen ist, wo man uns die Möglichkeit genommen hat, diese Vorwürfe zu entkräften, also quasi wie ein Auftrittsverbot. Dass so etwas in unserem Land heute noch möglich ist, erschüttert mich sehr. Wir stellen uns jeder Kritik von Menschen, die das Stück sehen, aber das, was hier passiert, ist nichts anderes als Diffamierung.“ 

icon-bubble

Top Kommentar

Das ganze Paket

Sie wollen unsere Inhalte verbreiten? Wir stellen Ihnen diesen Artikel mit seinen Elementen zur Verfügung.
Paket downloaden
download_icons

Inhaltspaket downloaden

Dieser Artikel und seine Inhalte können übernommen und verbreitet werden. Folgende Bedingungen sind dabei zu beachten:

  • Addendum als Quelle zitieren
  • Backlink zum ursprünglichen Artikel auf addendum.org setzen
  • Inhalte können nicht ohne Absprache mit Addendum verändert werden
  • Wird der gesamte Artikel veröffentlicht, muss ein Zählpixel eingebaut werden, Instruktionen dazu finden Sie in unseren Nutzungsbedingungen
  • Weitere Bilder können auf Anfrage an [email protected] beantragt werden

Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen zur Verwendung unserer Inhalte, welche Sie unter folgendem Link in ihrer aktuellen Form abrufen können: http://add.at/nbd

close

Vielen Dank!

Ihr Download ist nun bereit!

Addendum_024_08_Brennpunkt_Schule-.zip
5 MB

Inhaltspaket anfordern

Das Rechercheteam

Jan Thies
Team TV
Andreas Wetz
Team Recherche

Andreas Wetz mag Recherchen mit überraschenden Ergebnissen. Bei der Veröffentlichung halfen bisher „Kleine Zeitung“, „Kurier“ und „Die Presse“.

x

Folgende Artikel gehören zum Projekt 024 Brennpunkt Schule

024_01 Gelesen

Brennpunkt Schule: Machtlos gegen islamische Einflüsse?

mit Video
024_02 Gelesen

„Man hat eine nicht geglückte Integration komplett der FPÖ überlassen“

mit Video
024_03 Gelesen

Verzweifeltes Warten auf mehr Krisenbetreuer

024_04 Gelesen

Der Islam und die Schulen

024_05 Gelesen

„Ich halte diese Geiselhaft mit der Parteipolitik nicht mehr aus“

mit Video
024_06 Gelesen

Abendrot bei der Wiener Schulgewerkschaft

024_07 Gelesen

Migrationstheater an Wiens Schulen: Rassistisch oder doch nur entlarvend?

mit Video
024_08 Gelesen

Kann man Theater kritisieren, das man nicht gesehen hat?

mit Video
024_09 Gelesen

Wiener Lehrervertreter: Wie sollen wir mit dem Islam umgehen?

024_10 Gelesen

„Allgemeiner Schwimmunterricht findet an meiner Schule nicht statt“

mit Video
024_11 Gelesen

„Ich habe das Gefühl, dass wir diese Kinder verraten“

mit Video
024_12 Gelesen

„Wozu mache ich das noch?“

mit Video
024_13 Gelesen

„In Wirklichkeit haben die Kinder verloren“

Daten
close

Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Addendum ist nicht werbefinanziert und nutzt Cookies, um mehr über das Nutzerverhalten zu erfahren und so das Angebot zu verbessern.
Hier erfahren Sie mehr über Cookies und Datenschutz bei Addendum.

QVV Siegel

Zum Newsletter anmelden

Jede Woche informieren wir Sie über unser aktuelles Projekt mit tiefgründigen Recherchen.

Zum Newsletter angemeldet

Bitte bestätigen Sie die Newsletter-Anmeldung in Ihrer Mailbox.