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Die Illusion mit den vielen neuen Polizisten

Politiker versprechen zur Hebung des Sicherheitsgefühls gerne mehr und mehr Polizeiplanstellen. Ein Blick in die Statistik zeigt aber: Relativ zur Bevölkerung stagniert die Zahl der Beamten seit Jahrzehnten.

Daten
21.03.2018
Artikel zum Anhören

9. 9. 2008: Häupl erneuert Forderungen nach 1.000 zusätzlichen Polizisten

5. 8. 2010: Fekter verspricht Steiermark mehr Polizisten 

25. 4. 2014: Mehr Planstellen bis 2018 für Polizei und Justiz

31. 1. 2015: Kärntner Landeshauptmann fordert mehr Polizisten 

14. 2. 2018: 2.100 zusätzliche Planstellen für die Polizei

Wenn es eine Konstante im politischen Grundrauschen Österreichs gibt, dann dass Politiker fast jeder Coleur mehr Polizisten fordern. Das ist nur eine kurze Auswahl an Schlagzeilen, in denen diverse Funktionäre sich für ihre Wähler mehr Exekutivbeamte wünschen, in aller Regel vom Finanzminister.

Auf den ersten Blick waren sie dabei nicht unerfolgreich: Schaut man sich an, wie sich die Zahl der Polizisten in Österreich in den vergangenen Jahren entwickelt hat, sieht man, dass zum Beispiel die letzte Regierung Faymann/Spindelegger/Kern/Mitterlehner/Brandstetter ihr Versprechen gehalten hat, zwischen 2015 und 2018 tausend neue Polizisten (oder, in der technischen Sprache der Bundespersonalverwaltung gesprochen, Vollzeitbeschäftigtenäquivalente) einzustellen:

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Zu Beginn des Jahres 2017 waren in Österreich 28.702 Polizisten im Dienst, mehr als je zuvor in den vergangenen beiden Jahrzehnten. (Daten vor Anfang 1999 gibt es nicht, weil es damals noch keine geeigneten Bundessysteme gegeben hätte, um die Zahl der Exekutivbeamten einheitlich zu erfassen.)

Allerdings ist im gleichen Zeitraum nicht nur die Polizei, sondern ganz Österreich gewachsen:

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Hier zeigt sich, dass sich der Personalzuwachs in der Exekutive ziemlich parallel zu jenem der Bevölkerung entwickelt. Das ist zunächst einmal logisch, wenn man davon ausgeht, dass die Aufgaben der Polizei mit jener der Menschen im Land skalieren – von der Kriminalitätsbekämpfung über das Regeln des Verkehrs bis zur Umsetzung gemeindepolizeilicher Verordnungen (Rasenmähen am Sonntag) ist schließlich mehr zu tun, wenn mehr Menschen in Österreich wohnen.

Wie schaut es also aus, wenn wir diese beiden Zahlen – Polizisten und Bevölkerung im Land – zueinander in Kontext setzen?

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Es stellt sich heraus: Auf 1.000 Einwohner in Österreich kommen Ende 2017 3,3 Polizisten – genau derselbe Wert wie zur Jahrtausendwende. Anders gesagt: Die Polizeistärke in Österreich stagniert seit Jahrzehnten, politische Vorsätze und Ansagen einer „Aufstockung“ in den vergangenen Jahren hin oder her.

Diese Stagnation spiegelt sich im Sicherheitsempfinden der Österreicher nicht wider02. Dieses schwankt, wie bereits beschrieben, beträchtlich:

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Das deckt sich mit langfristigen Erkenntnissen, dass Polizeipräsenz alleine kaum eine Rolle für die Frage spielt, ob sich jemand in einer Gegend sicher fühlt oder nicht.

Mehr Polizisten heißt nicht zwingend, dass sich Menschen sicherer fühlen

Als wichtigste Studie zu dem Thema gilt das „Kansas City preventive patrol experiment“: Ein Jahr lang, von 1972 bis 1973, hat die Polizei von Kansas dafür in einem großangelegten Sozialexperiment mit Kriminologen zusammengearbeitet – und in verschiedenen Teilen von Kansas City unterschiedlich starke Streifenfahrten eingeteilt. In einem Teil wurden überhaupt keine Routinestreifen mehr eingeteilt, in einem Teil zwei- bis dreimal so viele wie bisher, der Rest der Stadt blieb bei dem damals üblichen Streifenschema. Forscher begleiteten das Experiment, unter anderem mit repräsentativen Umfragen.

Das Resultat: Für das Sicherheitsempfinden der Bewohner der betroffenen Region machte es überhaupt keinen Unterschied, ob routinemäßig mehr oder weniger Polizei auf der Straße zu sehen war – eine Erkenntnis, die seither in vielen Studien wieder bestätigt worden ist.

Andere Studien argumentieren beispielsweise, dass sich unterschiedliche Effekte von mehr Polizei aufheben: Manche Menschen fühlen sich zwar sicherer, wenn sie mehr Polizisten auf der Straße sehen, bei anderen wiederum sorgt verstärkte Polizeipräsenz für mehr Unsicherheit.

Am Ende kann es daher nur eine politische Entscheidung sein, wie viele Polizisten ein Land braucht. Wenn die 2.100 zusätzlichen Beamten eingestellt werden, die Innenminister Herbert Kickl jüngst versprochen hat, könnte der Beamte-pro-Einwohner-Schnitt erstmals seit Jahrzehnten 3,3 übersteigen. 

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Projektleitung

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Markus „Fin“ Hametner
Team Daten

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

Michael Mayrhofer
Team Social Media

Michael Mayrhofer hat an der Universität Wien Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre studiert. Während verschiedener Praktika im Journalismus bei Puls4 und ORF entdeckte er seine Liebe zum Social-Media-Journalismus. Die Menschen mit Information zu verführen – das ist sein Motto. Nebenbei war er auch Teil des Interview-Podcasts „Was soll das?“. Zuletzt war er freier Mitarbeiter im Social-Media-Team der Zeit im Bild.

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Team Recherche

Georg Renner hat Rechtswissenschaften studiert, weil er wissen wollte, wie Dinge (Staaten, Städte, die Gesellschaft …) funktionieren, was sie zusammenhält. Nachdem ihm dort kein Erfolg beschieden war, geht er dieser Frage nun journalistisch nach; zuvor bei „NZZ.at“ und „Die Presse“.

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