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Das Kitzbüheler Schneeband ist der falsche Feind

Die Bergbahnen Kitzbühel haben vor wenigen Tagen die Skisaison eröffnet – bei 15 Grad und Sonnenschein auf einer präparierten Piste im Grünen. Umweltschützer kritisieren das „Weiße Band“ heftig. Dabei schont der Recycling-Schnee eigentlich das Klima.

24.10.2019
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Noch während im Hintergrund Pistenraupen Schnee ausbreiteten, beschwerten sich die Tiroler Landtagsabgeordneten der Grünen, Gebi Mair und Georg Kaltschmid, per Facebook-Video über das aus ihrer Sicht „umwelt- und tirolschädliche Verhalten“ der Bergbahnen. Sie nennen es „Tourismus mit der Brechstange“.

Der Grund für die Empörung ist eine 700 Meter lange und 60 Meter breite Skipiste, die die Bergbahnen im Oktober in der noch grünen Landschaft ausbreiteten. Die heuer zum sechsten Mal in Folge durchgeführte Aktion ermöglichte den Saisonstart bereits am 19. Oktober – so früh im Jahr wie in keinem anderen Nicht-Gletscher-Skigebiet Österreichs.

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Snowfarming konserviert den Schnee

Möglich macht das der Schnee aus der Vorsaison, der über den Sommer konserviert wurde. Bei diesem sogenannten „Snowfarming“ wird Schnee zu einem großen Haufen zusammengeschoben und abgedeckt. Schichten aus Hackschnitzeln, Sägespänen, Dämmplatten, Vlies oder Folien isolieren den Haufen vor Sommerhitze oder Regen. Weiße Folien reflektieren außerdem die Sonnenstrahlung.

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Eine Studie des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung im Schweizerischen Davos bestätige 2018, dass mit dieser Methode bis zu 83 Prozent der ursprünglichen Schneemasse überdauern. Gefrorenes Wasser im Winter zu „ernten“, um es im Sommer zu nutzen, ist grundsätzlich keine neue Idee: Noch bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts kühlten Wirtshäuser ihr Bier mit Natureis, das, im Winter aus einem gefrorenen See oder Fluss gehackt, den Sommer im Eiskeller überstand.

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Nichts geht ohne Schneekanonen

Allein auf die Natur können Skigebiete schon lange nicht mehr vertrauen. Anlagen für die künstliche Beschneiung garantieren mehr Skitage pro Saison und sind von den Pisten nicht mehr wegzudenken. Und das gilt nicht nur für tiefer gelegene Regionen, die als Folge des Klimawandels mit zunehmender Naturschnee-Abwesenheit zu kämpfen haben. Auch in höheren Lagen gab es schon immer mal schneeärmere Winter. Hinzu kommt, dass die bestpräparierten Pisten auf einer Mischung aus härterem Kunst- und weicherem Naturschnee basieren. Im Wettbewerb um Kunden kann es sich kein Skigebiet leisten, die Möglichkeit der technischen Beschneiung auszuschlagen.

Wahr ist allerdings auch, dass Beschneiungsanlagen sehr teuer sind – sowohl bei der Installation als auch im Betrieb. Es braucht viel elektrische Energie und Wasser, um den Kunstschnee herzustellen. Daher ist es sinnvoll, diesen zu konservieren und wiederzuverwerten. Wäre es energetisch günstiger, Kunstschnee neu zu produzieren, wäre die Idee des Snowfarmings wenig sinnvoll. Hinzu kommt: Snowfarming eröffnet die Möglichkeit, Schnee durch Schneekanonen nur dann zu produzieren, wenn die Bedingungen optimal sind. Am besten an klirrend kalten Tagen mit geringer Luftfeuchtigkeit. Dann arbeiten Schneekannone deutlich effizienter, also stromsparender, als an Tagen mit nur zwei oder vier Grad minus, an denen sie ihrem Limit näher kommen.

Wenn also bereits im Oktober Bedarf für eine Skipiste besteht, kann es sinnvoll sein, ihn mit Schnee zu decken, der im Vorwinter vom Himmel fiel oder unter optimalen Bedingungen lokal produziert, konserviert und schließlich recycelt wurde. Auch wenn es noch keine wissenschaftlichen Studien mit vollständigen Klimabilanzen für das Snowfarming gibt.

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WWF-Kritik: Keinesfalls ökologisch vertretbar

Trotzdem übt auch der Umweltverband WWF heftige Kritik an der herbstlichen Skipiste. „Diese Art des Skitourismus ist keinesfalls ökologisch vertretbar“, kritisiert WWF-Landschaftsökologe Josef Schrank. Allerdings lässt er durchblicken, dass auch er die Aufbewahrung von Kunstschnee, verglichen mit einer Neuproduktion, für das kleinere Übel hält, weil sich so Energie und Wasser sparen lassen.

Schrank sieht das weiße Schneeband vielmehr als ein Symbol für eine grundsätzliche Fehlentwicklung. Es stehe dafür, „dass der Respekt vor der Natur im Wintertourismus immer weiter verloren geht“. Die konkrete Kritik: „Unter großem Material- und Ressourceneinsatz wird die Skisaison gegen die natürlichen Bedingungen künstlich verlängert. Gleichzeitig werden in hochalpinen Lagen die letzten unerschlossenen Gebiete und unberührten Gletscher für noch mehr Skipisten verbaut“, so Schrank. Gemeint ist etwa die geplante Skigebietserweiterung Pitztal-Ötztal, wo laut WWF 64 Hektar Gletscherfläche umgestaltet und sogar ein 40 Meter hoher Berggrat geschleift werden soll. Umweltschützer und Alpenverein fordern einen sofortigen Stopp des Genehmigungsverfahrens.

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Mehr Übernachtungen in Mittersill

1.000 Meter unterhalb des vieldiskutierten Kitzbüheler Schneebandes liegt Mittersill. Mit knapp 5.500 Einwohnern ist die Gemeinde eine der größeren Ortschaften im Pinzgau (Salzburg). Die Menschen hier leben vom Tourismus: Im Sommer kommen die Wanderer, um den sich von hier aus erstreckenden Nationalpark Hohe Tauern zu erleben, im Winter die Skifahrer: Mit Gondel oder Sessellift geht es von Mittersill hinauf ins Skigebiet, das bis hinüber nach Kitzbühel (Tirol) reicht.

Oktober und November waren bisher jene Monate, in denen Mittersill touristisch eher stillstand, die Zeit, die viele Pensionen und Gastronomen für Betriebsferien nutzten. Seitdem vor fünf Jahren das Schneeband oben am Resterkogel installiert wurde, hat sich das geändert. „In einer bisher ruhigen Nebensaison lukrieren unsere Betriebe nun zusätzliche Übernachtungen“, sagt Michael Sinnhuber, Geschäftsführer der Tourismus- und Einkaufsgemeinschaft „Mittersill plus“. Waren es im November 2014 (im ersten Jahr der Aktion) 2.698 Übernachtungen in Mittersill, stiegen sie im Jahr danach auf 4.959 an. Seither halten sich die Übernachtungszahlen „auf höherem Niveau“, so Sinnhuber. Ein direkter Vergleich mit Nächtigungszahlen in späteren Jahren ist nicht möglich, da Mittersill seit 2016 nur mehr im Verbund mit zwei weiteren Nationalpark-Gemeinden erfasst wird.

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Schneeband nichts für typische Touristen

Die Gäste sind keine klassischen Touristen, sondern zum größten Teil professionelle Sportler. Trainingsgruppen aus dem Bereich Ski Alpin reisen an, nutzen das Kitzbüheler Schneeband auf 1.800 Metern Seehöhe zum professionellen Training und können darauf auch Rennen fahren. „Wir haben den ÖSV da, den deutschen Skiverband, oft auch Italiener und Franzosen“, sagt Sinnhuber. „Das Schneeband ist nichts für den Durchschnitts-Skifahrer“, stellt auch der Bürgermeister von Mittersill, Wolfgang Viertler, klar: „Das ist was für sportaffine Alpinisten und für Rennfahrer.“

Vor dem Weltcup-Start am Wochenende in Sölden trainiert aktuell das Damenteam des ÖSV auf der Resterhöhe. „Sowohl die Weltcup- und Europacup-Mannschaften, aber vor allem auch der Nachwuchs des ÖSV und der Landesskiverbände nützen die Trainingsmöglichkeiten“, bestätigt der sportliche Leiter des Alpin-Nachwuchses im ÖSV, Christian Greber. Alternativen gäbe es zu dieser Jahreszeit in Österreich nur in den Gletschergebieten.

Die Kritik der Umweltverbände kann man in Mittersill nicht nachvollziehen. Durch das Schneeband ersparen sich professionelle Teams Fahrtwege, wenn nicht gar Flüge in entfernte, schneereiche Gegenden. Und auch die regionalen Skiclubs können so direkt vor Ort trainieren und müssen nicht in Gletschergebiete ausweichen. Politik, Tourismus und Wirtschaft sind in Mittersill eng verzahnt. So sitzt Bürgermeister Viertler im Vorstand der Bergbahnen. Die projektkritischen Grünen sind nicht im örtlichen Gemeinderat vertreten.

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So viel kostet die Fahrt auf dem Kitzbüheler Schneeband

Am Resterkogel gibt es das sogenannte „Kitzski Trainingscenter“. Es bietet auf dem Schneeband Trainingseinheiten für Racecarver und Skifahrer. Pro Woche werden 5 bis 8 „Linien“ zur Verfügung gestellt, die im Rahmen von je zwei Renn-Einheiten pro Tag (Vormittag oder Nachmittag) gebucht werden können. Preise für Racer bzw. ihre Trainer: Erwachsene 30 Euro, Jugend 15 Euro, Kinder 10 Euro. Eine Race Line kostet für die Gruppe zusätzlich 100 Euro.

Schneeband statt Gletscher

20 Kilometer Fahrtweg sind es zum nächsten Gletscher am Kitzsteinhorn. „20 Kilometer eine Richtung, 40 Kilometer Fahrtweg für ein einziges Training“, rechnet Tourismuschef Sinnhuber vor. „Das Schneeband freut daher vor allem die Eltern der trainierenden Kinder. Sie sparen Benzin und müssen nicht extra für die Gletscherbahn zahlen.“ Für das Kitzbüheler Schneeband gilt die Saisonkarte der Seilbahn.

Die Bergbahn AG Kitzbühel stellt im gesamten Skigebiet den Transport. Laut Bergbahn-Vorstandschef Josef Burger ist die Nachfrage groß. „Im Vorjahr haben wir zwischen 15. Oktober und 30. November rund 100.000 Fahrten auf der Vierer-Sesselbahn des Resterkogels gezählt. Das heißt, es wird intensiv genutzt.“ Heuer waren es am ersten Wochenende bereits 8.200 Fahrten.

Neben den professionellen Skiteams seien auch Skihersteller und -händler wichtige Kunden: Sie nutzen die Rennstrecken am Schneeband für Testfahrten ihrer neuen Skimodelle. Neben all den Spitzenathleten und Nachwuchssportlern rechtfertigt der Bergbahn-Vorstand den frühen Saisonstart aber auch mit den Vorteilen für die Einheimischen: Sie hätten durch das Kitzbüheler Schneeband mehr von ihrer Saisonkarte.

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Grüne orten „Piefkesaga“

Die Kritik von Umweltschützern und Grün-Politikern am Schneeband verstehen die regionalen Tourismus-Player weniger, „die Erregung ist in den sozialen Medien groß, nicht direkt bei uns“, sagt zum Beispiel Tourismuschef Sinnhuber. Und dass die international verbreiteten Fotos vom Schneeband inmitten grüner Berglandschaft viele an Felix Mitterers Abrechnung namens „Piefkesaga“ erinnert, will in Mittersill auch niemand kommentieren.

Dafür gibt es andere. Den Tiroler Klubchef der Grünen, Gebi Mair, etwa, der via Aussendung meint:

„Wenn du dort mit der kurzen Hose stehst, neben dir Wanderer vorbeigehen und du dieses aufgehäufte weiße Elend siehst, das zu einem Pistenschlauch zusammengekratzt wurde, dann ist die Piefkesaga in die Realität umgesetzt.“

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Naturrechtlich bewilligt

Die regional Verantwortlichen verweisen angesichts der Kritik auf die naturschutzrechtliche Bewilligung für das Projekt. Sie ermöglicht die Schneedeponierung oben, direkt am Hang, und wurde den Bergbahnen bis zum 31. März 2034 erteilt. Das naturschutzrechtliche Verfahren wurde von der zuständigen Naturschutzbehörde unter Einbindung der Landesumweltanwaltschaft, des Referats für Naturschutzgrundlagen und der Grundeigentümer durchgeführt.

Mit der weisungsfreien Landesumweltanwaltschaft (LUA) Salzburg wurde nach einem Lokalaugenschein im vergangenen Winter außerdem eine Kompensation vereinbart: Da durch das Schneedepot eine sonst im Sommer nutzbare Weidefläche und damit eine „almtypische Vegetation“ vereinnahmt wird, verpflichtet sich die Bergbahn zu einer Ausgleichsmaßnahme, heißt es im LUA-Bericht.

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Weide vernichtet, Moor gerettet

Konkret geht es dabei um die Rettung eines 30.000 Quadratmeter großen Moores, das unmittelbar neben der Beschneiungsanlage am Resterkogel liegt und durch Drainagen auszutrocknen drohte. Nun wurden Entwässerungsgräben verschlossen und angrenzende Flächen von der Beweidung ausgezäunt, um die Moorfläche auf Dauer zu sichern, berichtet die Landesumweltanwaltschaft.

Klar ist der Umweltanwaltschaft aber auch: „Was im Naturschutzverfahren nicht geklärt werden kann, ist die Frage der Sinnhaftigkeit des Aufwands für einen derart frühen Saisonstart. Dieser Diskussion wird sich das Unternehmen angesichts der steigenden Sensibilisierung und Klimakritik der Bevölkerung wohl jährlich neu stellen müssen.“

Grundsätzlich ist Wintertourismus eben beides: wichtige Einnahmequelle und Ressourcenverbrauch. Fest steht aber, dass durch das Aufbewahren und die Wiederverwertung des einmal produzierten Schnees ein wesentlicher Teil der Energie eingespart werden kann. Das auf „Snowfarming“ basierende Schneeband in Kitzbühel als klimaschädlich zu kritisieren, ist daher unangebracht. 

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24.10.2019

Das Rechercheteam

Uta-Regina Hauft
Timo Küntzle

Timo Küntzle, geboren 1974 in Karlsruhe, ist Journalist und hat ein Diplom in Agrarwissenschaften. Nach seinem Studium (Fachrichtung Pflanzenbau) und einem Redaktions-Volontariat, arbeitete er als Redakteur und Reporter für die Nachrichtenredaktionen von Puls 4 und Servus TV, später als Moderator und Gestalter für das Wissensformat „Na Servus – das Wetter auf Servus TV“ sowie für „Servus am Morgen“. Zuletzt schrieb er regelmäßig Beiträge für das Ressort „Wissen und Innovation“ der Tageszeitung „Die Presse“.

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