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Schüler, Staatsbürger, Skifahrer

Dass Schüler auf Wintersportwoche fahren, liegt der Regierung Kurz am Herzen, wie aus dem Regierungsprogramm hervorgeht. Bei den Schülern lässt die Begeisterung fürs Skifahren aber seit den 1980er Jahren nach. Warum man seine Ski in der Skination Österreich nicht so schnell an den Nagel hängen darf und wer hier gegensteuert.

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Mathias Zdarsky war ein vielseitiger Mann: Lehrer, Bildhauer, Schriftsteller, Turner, Techniker, Weltreisender – und das alles, obwohl er am linken Auge seit Kindheitstagen erblindet war. Sein größtes Vermächtnis für die Nachwelt jedoch war 1890 die Erfindung des „Stemmbogens“ und damit verbunden die „alpine“ (Lilienfelder) Skifahr-Technik. Mit dieser Schwungtechnik und seiner zweiten Innovation, der „Lilienfelder Stahlsohlen-Skibindung“, adaptierte er das für die Ebene gemachte, nordische Skifahren für alpine Steillagen. Geboren war der alpine Skilauf – und die Skination Österreich.

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Skipionier 1890

Mathias Zdarsky

1856–1940 Erfinder der Lilienfelder Skifahr-Technik

Mathias Zdarsky, 1856–1940, geboren in Mähren, Studium an der Kunstkademie in München und am Polytechnikum in Zürich, kam als Lehrer nach Lilienfeld, wo er eine Landwirtschaft erwarb und am Muckenkogel begann, erste Fahrversuche mit nordischen Skiern zu unternehmen. Nach der Erfindung des Vorlagenstemmschwungs und der Lilienfelder Stahlsohlen-Skibindung schrieb er ein Buch zum Ski-Selbstunterricht (Die Lilienfelder Skilauf-Technik, Hamburg, 1897) und gründete den Internationalen Alpen-Skiverein, der vor dem Ersten Weltkrieg der größte Mitteleuropas war. Auch der Riesentorlauf geht auf eine Erfindung von Zdarsky zurück, ebenso der Biwaksack.

Ab den 1890er Jahren unterrichtete Zdarsky seine Technik, zuerst bei den Lilienfeldern, dann im restlichen Österreich und schließlich in der Ski fahrenden Welt; sogar bei den Norwegern, den Erfindern des nordisches Skifahrens. Damen, Herren, Kinder und die k.u.k. Gebirgstruppen zählten bald zu seinen Schülern und nahmen auch an Zdarskys ersten Abfahrten und Torläufen teil. Sogar einen Skiverein gründete Zdarsky, den größten Mitteleuropas vor dem Ersten Weltkrieg. Diese Zutaten sind auch heute noch essenziell für das Erfolgsrezept „Skination Österreich“: bewunderte Skihelden, mächtige Vereine, bei der Bevölkerung beliebte Wettbewerbe und zahlreicher Nachwuchs.

Doch gerade bei Letzterem kriselt es: Die Rekrutierung durch Schulskikurse oder Wintersportwochen, wie diese seit 1995 heißen, funktioniert nicht mehr zufriedenstellend. Und so kam es wohl, dass das Thema „Wintersportwochen“ immerhin an zwei Stellen (im Cluster „Sport“ und im Cluster „Tourismus“) im Regierungsprogramm 2017 von Bundeskanzler Sebastian Kurz auftaucht.

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Wintersportwochen und Schulskikurse

Mit 1. September 1990 trat die Schulveranstaltungsordnung 1990 in Kraft, die Schulklassen die Möglichkeit bot, zwischen Winter- und Sommersportwochen zu wählen. Diese beiden Arten von Schulveranstaltungen waren fortan gleichgestellt (und Schüler wie Lehrer auch während der Sommersportwoche unfallversichert), zuvor waren Sommersportwochen nur versuchsweise durchgeführt worden. Mit dieser Verordnung wird nur noch die Durchführung einer mehrtägigen Schulveranstaltung verbindlich vorgeschrieben, über die Art und Dauer der Veranstaltung entscheiden die schuleigenen Gremien. Ebenfalls festgehalten ist die Mindestteilnahme von 70 Prozent der Schüler einer Klasse für die Durchführung der Schulveranstaltung. Der Begriff Schulskikurs wurde in „Wintersportwoche“ abgeändert, Letzteres ermöglichte den Schülern auch die Teilnahme an Wintersportarten außerhalb des Pisten- bzw. alpinen Skisports wie zum Beispiel Langlaufen, Snowboard, aber auch Eislaufen oder Rodeln.

Das breitere Angebot an Wintersportarten sollte auch beim Erreichen der 70-Prozent-Teilnehmer-Grenze helfen.

Wann Österreichs Schüler auf mehrtägige Schulveranstaltungen fahren:

3. und 4. Schulstufe: 7 Kalendertage,
5. bis 8. Schulstufe: insgesamt 28 Tage,
ab der 9. Schulstufe: je 6 Kalendertage pro Schulstufe.

Ski-Nationbuilding

Dabei war die Ausbildung zukünftiger Skifahrer und Wintertouristen hervorragend institutionalisiert. Schon in den 1920er Jahren wurde der Skilauf in den Lehrplan aufgenommen; wenig später die Durchführung von Schulskikursen während der Schulzeit gestattet. Richtig ernst wird es in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Ab dem Winter 1948/49 heißt das Ziel „Jeder Klasse ihren Skikurs“, und die Zahl der Skischüler beginnt trotz der hohen Kosten für Eltern und der bescheidenen Mittel für Ausrüstung zu steigen. Nicht weniger als das Seelenheil der jungen Zweiten Republik scheint daran zu hängen. Das zeigt sich zum Beispiel im Brief des Vereins der Mittelschuldirektoren an den Wiener Landesschulinspektor Gustav Rotter (1955/56), in dem die Lehrziele des Schulskikurses erläutert werden:

„Die gesundheitliche und erzieherische Bedeutung der Schikurse wie auch ihr Wert für die Förderung der Heimatverbundenheit und des staatsbürgerlichen Bewusstseins rechtfertigen die gewisse unvermeidliche Beeinträchtigung des sonstigen Schulbetriebes […].

Der Schulskikurs wird zur informellen „Staatsbürgererziehung“ des neuen Staates Österreich. Unpolitische Heimatverbundenheit, gepaart mit Bewegung an der frischen Luft und der Möglichkeit, Selbstbewusstsein zu zeigen, kompetitiv mit anderen Ländern in den Wettkampf zu treten, ohne an den erst kurz vergangenen Krieg erinnert zu werden: Skifahren ermöglichte das alles, denn im Sport ist Nationalismus erlaubt, ja sogar erwünscht. Das unbeschriebene Blatt, die junge Nation Österreich, hatte eine unverfängliche Tradition gefunden, auf die sie aufbauen konnte.

Manifest dieser Entwicklung war der amtlichen Lehrplan „Die österreichische Schischule“.

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Nach dem Krieg trug die Schreibweise „Schi“ zum nationalen Selbstbewusstsein und zur Abgrenzung zu Nazi-Deutschland bei, wo die amtliche Schreibweise „Ski“ gegolten hatte. Inzwischen scheint dieser emotionale Aspekt weitgehend verschwunden, sowohl Duden als auch Österreichisches Wörterbuch empfehlen die Schreibweise „Ski“; beide Formen sind gültig.

In der Zeitschrift „Leibesübungen und Leibeserziehung“ heißt es zum Anlass der Lehrplan-Veröffentlichung 1946:

„Durch die Unterdrückung der österreichischen Eigenart in den letzten Jahren hat die Entwicklung des Schilaufes gelitten. Während andere Länder sich in der Technik und Lehrweise des Schilaufes immer mehr vervollkommnet haben, wurde bei uns immer noch nach dem seinerzeitigen Lehrplan gelehrt und geschult. [Es] wird jedermann den schönen Schisport auf seine Art lehren oder lernen können, und es wurde der goldene Mittelweg zwischen Arlbergschule und natürlicher Lehrweise, zwischen Lern- und Arbeitschule gefunden, die alle als Endziel doch immer das gleiche hatten: der reine Schwung.“

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Der amtliche Skilehrplan – das Manifest der Skination

Der Historiker Christoph Eric Hack misst in seiner Dissertation diesem Lehrplan wesentlich mehr Bedeutung bei als nur eine Vereinheitlichung der Skilehrwesen innerhalb Österreichs. Er schreibt: „In den folgenden Jahren ging es darum, den Österreichischen Skilehrplan insofern zu verteidigen, als dass keine Nation, kein Staat und keine Einzelperson außerhalb Österreichs einen ,besseren‘ Skilehrplan veröffentlichen sollte.“ Neben der Konsolidierung der verschiedenen Skischulen diente der Lehrplan laut Hack „als Kristallisationspunkt patriotischer Gefühle“ – für die „Skination Österreich“. Hans Groll, Leiter des Instituts für Leibeserziehung der Universität Wien und Mitautor des Lehrplans, lieferte in seiner Rede zur Veröffentlichung des Lehrplans die wohl noch heute gültige Begründung für Skipatriotismus mit: „1. Die großartige Bergwelt, die wir unser eigen nennen und die Österreich zu einem herrlichen Schiparadies macht; 2. die große Breitenentwicklung des Schilaufs bei uns, die diese schönste aller Leibesübungen zum wahren ‚Volkssport‘ in Österreich macht; 3. die hervorragende Klasse unserer Rennläufer, […].“

Marktbegleiter: Sommersportwochen

In den 1970er Jahren erlebt die Skination, begleitet von den Helden Toni Sailer, Karl Schranz oder auch Franz Klammer die Hochzeiten des Schulskikurses: Fuhren 1971 etwa 144.000 österreichische Schüler auf Schulskikurs, waren es 1979 bereits 252.000 – das ist ein Anstieg um 75 Prozent binnen acht Jahren. Dennoch gab es in den geburtenstarken 1970er Jahren schon erste „Abweichler“, Lehrer und Schüler, die den Sommer dem Winter vorzogen. Ab 1985 wurden diese Sommersportwochen-Teilnehmer erstmals in Zahlen erfasst: 9.000 Schüler waren es, und diese Zahl wuchs bis Mitte der 1990er Jahre auf geschätzte 100.000 an.

Aussagen wie „Das Abschaffen der verpflichtenden Wintersportwochen im Jahre 1996 war aus heutiger Sicht ein schwerer, nicht wiedergutzumachender Fehler“ machen den Schmerz – nicht nur bei Sportlehrern –, der mit dieser Zäsur einherging, deutlich. Doch ganz allein bei den Sommersportwochen kann man die Schuld für den Teilnehmerrückgang bei Wintersportwochen nicht suchen.

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Warum werden die Wintersportwochen weniger?

Ministerien, Skilehrerverbände und Touristiker zerbrechen sich seit gut zehn Jahren die Köpfe, wie wieder mehr Schüler in Österreich auf die Piste gebracht werden können. Und die meisten Überlegungen – so auch das Regierungsprogramm – setzen an einer Stelle an: bei den Lehrern.

Es sei die Aufgabe des Lehrers, 70 Prozent der Schüler einer Klasse für eine Wintersportwoche zu begeistern. Die Lehrer wiederum argumentieren, die Wintersportwoche bedeute sehr viel Organisationsaufwand, vom Infoabend mit den Eltern über die Buchung bis zur Abrechnung, hinzu kommen die Kosten für die private Ausrüstung, viele unbezahlte Überstunden vor, nach und während der Woche. Auch die Aufsichtspflicht gegenüber den Schülern für eine ganze Woche auf der Piste sei eine Herausforderung, klagen Lehrer, weil die Verletzungsgefahr beim Wintersport groß und die Anzahl der genehmigten Begleitlehrer zu gering sei. Und überhaupt benötige ein Lehrer erst einmal eine entsprechende Ausbildung für das Leiten von Ski-/Sportgruppen und ein didaktisches Konzept. Dabei ist die „Kenntnis der Sportart“, also das Erlernen des Sports an sich, gar nicht das Ziel einer Wintersportwoche.

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Soziales Lernen im Vordergrund

Denn eigentlich geht es bei Sommer- wie Wintersportwochen um die sogenannte „pädagogische Chance“ zum sozialen Lernen: Lehrer und Schüler lernen einander außerhalb des Unterrichts besser kennen, können Wissen in der Praxis anwenden und sich mit dem kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben auseinandersetzen. Da liegt es nahe, dass auch die Abendgestaltung, von der „Skikurs-Disko“ im Jugendheim bis zur „Schaumparty“ in einem Aprés-Ski-Etablissement vor Ort, dazugehört. Eine Woche einen Sack Flöhe hüten und keine Überstunden bezahlt bekommen – dazu gehört schon einiges an Motivation. Daher sieht das Regierungsprogramm vor, die bürokratische Organisation zu vereinfachen. Doch damit nicht genug.

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Die Kosten

Wo sich ebenso alle Studien zur Ursachenforschung und vor allem Eltern und Lehrer einig sind: Die Kosten der Wintersportwoche tun weh. Das war seit Einführung der Schulskikurse so, und oft genug konnten Eltern das Geld für den Skikurs der Kinder einfach nicht aufbringen. Elternvereine sprangen oft ein und sammelten Geld für die betroffenen Familien. Auch hatten Schulen daher in den 1950ern und 1960ern eigene Skilager, in denen die Schule Ausrüstung sammelte und den Schülern zur Verfügung stellte. In den Hochzeiten der Popularität des Skisports, den 70ern und frühen 80ern, kauften viele Eltern die Ausrüstung für ihren Nachwuchs lieber selbst. Doch inzwischen ging die Investitionsbereitschaft deutlich zurück, mittlerweile wird wieder mehr auf Kooperationen mit Skiverleihen und Skiausrüstern gesetzt. Neben der Ausrüstung fallen aber auch Kosten für Fahrt, Beherbergung und natürlich Liftkarten an.04

Laut Statistik Austria sind diese Kosten für die Wintersportwoche im Zeitraum von 2000 bis 2016 von durchschnittlich 216,17 Euro auf 345,92 Euro um 60 Prozent gestiegen. Auch wenn es bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen finanzielle Unterstützung bis zu 180 Euro pro Kind gibt, bleiben Kosten als maßgeblicher Ausschlussgrund bestehen. Und das, obwohl auf Landes- und Bundesebene fleißig gefördert wird.

Gegensteuerung mit Wirtschaftspartnerschaften und Schulaktionen

„Wir haben den Rückgang der Teilnehmer/innen an Wintersportwochen mit Bestürzung zur Kenntnis genommen und sehen die Notwendigkeit dieser Entwicklung gegenzusteuern“ heißt es in einem Strategiepapier eines Arbeitskreises der österreichischen Skilehreinrichtungen (Interski Austria, ÖSSV und des „Österreichischen Arbeitskreis Schneesport in Schulen und Hochschulen“ sowie Landesschulräte, Ministerialräte etc.) 2006 wird schon beschlossen, dass man vermehrt Wirtschaftspartnerschaften anstoßen muss, um den Nachwuchs zu fördern und bei Laune zu halten. Um eine Gegenleistung für die Sponsoren anbieten zu können, wird eine „Mediale Offensive (Print, Internet, TV, Hörfunk) zum Mehrwert von Wintersportwochen für die Persönlichkeitsentwicklung und Erlebniswelt junger Menschen (…) vor allem mit Testimonials“ beschlossen.

Schulaktionen auf Landes- und Bundesebene, initiiert vom Landesschulrat, sind mittlerweile keine Seltenheit. In Tirol etwa bekommen Schulklassen dank der Initiative „Skifahr’n“ von Landesschulrat und Seilbahnbetreibern in der 1. bis 9. Schulstufe Gratis-Tageskarten, die älteren einen Tagespass für 5 Euro. Das Konzept geht auf, die Zahlen der jugendlichen Teilnehmer, die eine Wintersportwoche oder Tagesskifahrten im Rahmen einer Schulveranstaltung besuchen, steigt wieder.

Auch bei der Ausrüstung gibt es Hilfestellung (10.000 Gratis-Skihelme vom Bund und vergünstigte Skihelme des Landes Niederösterreich). In Niederösterreich gibt es unter dem Titel „Tut gut“ Wintersportwochen und ein Kontingent aus Gratis-Liftkarten für mehrere Tage, „Voraussetzung für die Teilnahme an der ,tut gut‘-Wintersportwoche sind zumindest drei aufeinanderfolgende Übernachtungen in einem NÖ Beherbergungsbetrieb“. Die vom Land geförderten Skiausflüge bzw. speziellen Tarife gelten wenig überraschend nur für die landeseigenen Skigebiete. Pech für die Skibegeisterten unter den Wiener Schülern, in Ermangelung eines Wiener Skigebiets schauen sie durch die Finger.

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Laufen den Wintersportwochen die Schüler davon?

Nein, eigentlich nicht, zumindest nicht prozentual gesehen. Im stärksten Jahr der – damals noch – „Schulskikurse“, 1979, fuhren 17,75 Prozent der Schüler auf Wintersportwochen, Sommersportwochen gab es noch nicht. 2010 waren es nach wie vor 13,5 Prozent der Schüler, die auf Wintersportwoche fuhren. Im gleichen Jahr (2010) fuhren auch 10,3 Prozent der Schüler auf Sommersportwochen. Die Zahl der Teilnehmer an mehrtägigen Schulsportveranstaltungen ist nämlich im Laufe der Jahre permanent gestiegen und liegt 2010 bei 23,8 Prozent. Die Sommersportwochen haben den Wintersportwochen also ein paar Prozent weggenommen. 2011 wurde dann die teure jährliche Datenerhebung eingestellt. Derzeit geht man von ca. 120.000 Wintersportwochenteilnehmern aus. Warum wird hier also „Handlungsbedarf“ gesehen?

Da hilft möglicherweise ein Blick auf die absoluten Zahlen. Betrug 1979 die Gesamtschüleranzahl 1.420.000, gingen im Jahr 2010 noch 989.102 Schüler in die Schule, also 430.000 Schüler weniger. Der durchschnittliche Schulskikurs dauert zwischen 5 und 6 Tage (5,21 Tage im Durchschnitt/2011) und ist im Sinken begriffen. Der große Verlierer ist ziemlich klar ersichtlich: die Beherbergungsbetriebe, denen durch den sukzessiven Rückgang an Schülern rund 2,3 Millionen Übernachtungen entgingen.

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Migrantenkinder und der Skisport

„Skifahren erbt man“ lautet ein Bonmot der Touristiker. Wenn die Eltern also nicht Ski fahren, fahren auch die Kindern nicht, und so ist in Lehrerbefragungen und unter Tourismusexperten oft davon die Rede, dass Schüler mit Migrationshintergrund ein Grund für den Nachwuchsmangel im Skisport sind. 22,1 Prozent der 0- bis 19-Jährigen in Österreich haben Migrationshintergrund, die meisten Migranten kommen übrigens aus Deutschland, Ex-Jugoslawien, der Türkei, Ungarn und Polen. Da insgesamt der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund steigt, aber ebenso der Anteil der Schüler, die an mehrtägigen Schulveranstaltungen teilnehmen, scheint es für diese These anekdotische Belege (Kinder von Migranten, die nicht zu mehrtägigen Schulveranstaltungen mitfahren dürfen, wo deshalb die erforderlichen 70 Prozent Teilnehmer pro Klasse nicht erreicht werden) zu geben, belastbare Daten dazu finden sich aber keine.

Wer aber wirklich ausbleibt: die deutschen Schulklassen, die sich von den Schulskikursen schon längst verabschiedet haben. Gerade Bayern entsandte auch viele Schulklassen nach Österreich.

Staatsbürgerpflicht Skifahren?

Woher aber kommt nun die Motivation, Schüler unbedingt zum Skifahren zu bringen? Die Sommersportwochen bringen dieselbe „pädagogische Chance“, offensichtlich zu geringeren Kosten und mit der Möglichkeit, die erlernten Sportarten auch außerhalb des Winters und eines Skigebiets zu praktizieren. Wer profitiert also von zukünftigen Skifahrern? Möglicherweise gibt die Berechnung aus einer Studie im Auftrag der Wirtschaftskammer Aufschluss, neben Lehrbehelfen und Buchungsmöglichkeiten für Lehrer zu finden auf der Website WiSpoWo.at:

(Die Seite wird von der Servicestelle Wintersportwochen betrieben, einer Initiative aus BMLVS, BMBF, BMWFW, WKÖ, Interski Austria, ÖSV und die Allianz Zukunft Winter.)

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„Die Berechnung eines Lifetime-Values für Skifahrer, die in verschiedenen Altersstufen zum Skisport gekommen sind, zeigt, dass es besonders wichtig ist, Kinder schon im Alter von unter 10 Jahren zum Skifahren zu bringen. Zum einen ist die Überwindung, mit dem Skifahren zu beginnen, in jungen Jahren wesentlich geringer, zum anderen ergab die Analyse, dass solche Skifahrer am längsten beim Skisport bleiben. Durchschnittlich dauert die Ski-Karriere einer Person, die unter 10 Jahren mit dem Skifahren begonnen hat, 41 Jahre. Dafür wurde ein Lifetime-Value in der Höhe von EUR 7.817,– berechnet. Dieser Wert bezieht sich rein auf die Skipassausgaben. Der Umsatz, den ein Skifahrer zusätzlich durch Übernachtung, Verpflegung usw. erzeugt, wurde dabei noch nicht berücksichtigt. Die Wertschöpfung, die durch einen solchen Skifahrer in den Wintersportregionen generiert wird, liegt nach den Angaben der Studie ,Wertschöpfung durch Bergbahnen im Winter in Österreich‘ um das 6-fache über jenem Wert.“

Inflationsbereinigt und mit den 20 Prozent Teuerung in der Branche versehen, bedeutet dies, dass der Lifetime-Value eines Skifahrers derzeit durchschnittlich 9.536,74 Euro nur für Skiliftepässe sind; versechsfacht mit den Ausgaben für Quartier und Verpflegung sowie Ausrüstung: 57.220 Euro, die jeder im Alter unter zehn Jahren „rekrutierte“ Skifahrer einbringt.

Laut Wirtschaftkammer (Tourismus und Freizweitwirtschaft) kommt jeder fünfte Skifahrer über die Wintersportwoche zum Skifahren und bleibt dabei. „Wenn man bedenkt, dass die Wintersportwoche oft als die größte und zum Teil günstigste Skischule des Landes bezeichnet wird, stellt sie eine essenzielle Basis zum Erlernen und Verbessern dieses Wintersports dar. Daher ist diese Schulveranstaltung für den Tourismus von enormer Bedeutung.“

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Die Tourismusbranche über die Bedeutung der Skikurse:

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Nudging / Zielvorgaben

Politische Zielvorgaben, die verlangen, dass eine bestimmte Anzahl an Schülern pro Jahr an Wintersportwochen teilnimmt, gibt es jedoch nicht, das wäre mit der in den letzten Jahrzehnten gestärkten Schulautonomie nicht mehr zu vereinbaren. In der Steiermark hat sich der Landesschulrat zum Ziel gemacht, „Kindern und Jugendlichen Freude am Wintersport zu vermitteln“. Christa Horn vom Landesschulrat Steiermark erklärt dazu: „Viele Schulen bieten vor den Wintersportwochen eintägige Skitage an, an denen sie das Interesse für den Schneesport zu wecken versuchen. An eintägigen Veranstaltungen müssen die Schüler/innen teilnehmen, an Veranstaltungen mit Nächtigung nicht. Alternativ würden neben den klassischen Ski- und Snowboardgruppen auch ,Alternativgruppen‘ eingeführt, die aus einer ganzen Reihe an Aktivitäten wie Schneeschuhwandern, Eislaufen, Langlaufen, Rodeln oder Schneewanderungen auswählen können, damit diese Kinder zur Wintersportwoche mitfahren. Damit verbunden sollen möglichst viele Schülerinnen und Schüler an Wintersporttagen und Wintersportwochen teilnehmen.“

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„Authentische“ Skifahrer als Stütze für den Wintertourismus

„Österreich kann als Wintersportnation und als Winterdestination nur authentisch sein, wenn der Skisport in Österreich auch gelebt wird“, erklärt der Präsident des Österreichischen Skiverbandes Peter Schröcksnadel in einer Aussendung. Dies umfasst natürlich nicht nur die Freizeitaktivität Skifahren und Wertschöpfung, die man als Wintertourist im eigenen Land schafft. Hier geht es natürlich auch um die Österreicher als Arbeitnehmer im Wintertourismus. 293.100 Vollzeitäquivalente schafft der Wintertourismus jedes Jahr (106.500 Hotelier- und Beherbergungsbetriebe, 66.100 in der Gastronomie, 23.000 im Bereich Kultur, 43.300 unter den Reiseveranstaltern und 54.100 in Verkehrsbetrieben). Der gesamte Tourismus, Winter wie Sommer, erzeugt eine Wertschöpfung von 16,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Österreich.

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Österreich kann als Wintersportnation nur authentisch sein, wenn der Skisport in Österreich auch gelebt wird.
Peter Schröcksnadel

Allerdings hat die Begeisterung der Österreicher für die Arbeit in der Tourismuswirtschaft in den letzten Jahren nachgelassen: Im Dezember 2017 waren 5.064 Stellen in der Beherbergung und 3.969 Stellen in der Gastronomie beim Arbeitsmarktservice als offen gemeldet. Hinzu kommt, dass von den 486.769 Mitarbeitern im Tourismus (Beherbergung/Gaststätten) im Jahr 2016 gerade noch 55 Prozent der Mitarbeiter österreichische Staatsbürger waren (weitere 8 Prozent aus der EU/alt, 21 Prozent aus der EU/neu und 16 Prozent aus Drittstaaten). Die Begeisterung der Österreicher als Arbeitnehmer im Tourismus war wohl schon einmal – authentischer.

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Gute Gründe für Wintersportwochen

Neben der Wertschöpfung und dem Erlernen der Sportart gibt es aber durchaus andere Gründe, die für die Wintersportwoche sprechen. Karl Schörghuber, Sportwissenschaftler der Uni Wien mit Schwerpunkt Outdoor-Aktivitäten, sieht zum Beispiel die Zeit und Bewegung draußen, vor allem im Winter, als sinnvoll an. Ebenso werden die sportlichen Aktivitäten auf Wintersportwochen wesentlich öfter von den Lehrern der Schüler durchgeführt, während im Sommer oft an externe Firmen ausgelagert wird – ein Nachteil für die pädagogische Chance, einander besser und außerhalb des Unterrichts kennenzulernen.

Bestenfalls werden, so Schörghuber, „im Sommer wie im Winter bestenfalls solche Sportarten ausgewählt, die die Schüler dann auch selbstständig weiterbetreiben können – oder nicht; materialintensive oder leichter zugängliche; und es werden attraktive Sportarten zum Probieren angeboten oder doch mehr zum vertiefenden Erlernen“. Möglichkeiten bieten Sommer- wie Wintersportwochen also genug. Doch Schörghuber meint auch, dass „wirtschaftliche Interessen der jeweiligen Lobbys oft vor pädagogischen Interessen“ gehen. Vom pädagogischen sowie vom didaktischen Standpunkt muss es also nicht zwangsläufig Pistensport oder eine Schulveranstaltung mit Übernachtung sein.

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Was sagen eigentlich die Schüler dazu?

Wer in dieser ganze Debatte wenig zu Wort kommt, sind die begehrten zukünftigen Wintertouristen selbst, die Schüler. Ein Motivforschungsinstitut fasst deren Eindrucke der Wintersportwoche zusammen: „Die meisten (ihrer) Erzählungen gehen über Erlebnisse in der Gruppe. Themen: großen Spaß gehabt, Lehrer ausgetrickst, Trinken, Rauchen, Sex, Unfug.“ Das spiegelt wohl die nachhaltigsten und besten Erinnerungen der meisten Österreicher an den Schulskikurs wider. 

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Das Rechercheteam

Stefanie Braunisch
Team Recherche
Mathias Dechant
Team Experten

Mathias Dechant hat Rechtswissenschaften an der Universität Wien studiert. Danach Ausbildung zum Rechtsanwalt; Schwerpunkte in den Bereichen Zivilrecht, Corporate und M&A sowie IP. Er war seit den Anfängen des Studiums bis zuletzt in Wiener und Salzburger Wirtschaftskanzleien tätig.

Judith Denkmayr
Team Recherche

Judith Denkmayr studierte Publizistik, Germanistik und Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und startete ihre berufliche Laufbahn als freie Journalistin. Nach mehreren Jahren in Redaktionen wechselte sie auf die Vermarktungsseite, Schwerpunkt Onlinemarketing und Social Media. Für ATV entwickelte sie 2009 die erfolgreiche Digital-Relations-Strategie der Politik-Sendung „Am Punkt“. Anfang 2010 begründete sie die Agentur Digital Affairs. 2014 verkaufte sie die Agentur an VICE CEE und war bis Anfang 2017 im Agenturarm VIRTUE tätig. Seit April 2017 ist sie für die Leitung der Digitalagenden bei der Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH zuständig.

Rainer Fleckl
Projektleitung

Rainer Fleckl will den Dingen auf den Grund gehen. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und startete seine ersten investigativen Recherchen im Sportressort des „Kurier“, dessen Leitung er 2008 übernahm. 2010 wurde er mit dem Aufbau einer Rechercheabteilung betraut. Vor seinem Engagement bei Quo Vadis Veritas war Fleckl als Bereichsleiter bei ServusTV und in der Chefredaktion von „News“ tätig.

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Markus „Fin“ Hametner
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Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

Christoph Hanslik
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Christoph Hanslik war in den vergangenen 17 Jahren als Unternehmer am internationalen Finanzmarkt tätig. Seine Erfahrungen stellte er drei Jahre im Parlament als Fachreferent für die Bereiche Budgetausschuss, Finanzausschuss, ESM-Ausschuss sowie als Teamleiter des HYPO-Untersuchungsausschuss zur Verfügung. Jetzt berät er das investigative Rechercheteam von Addendum.

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Gabriel Hellmann hat Rechtswissenschaften und die öffentliche Finanzkontrolle studiert. Er diente den Medien, den Kommunen, dem Staat und nun den Bürgern. Transparenz und Gerechtigkeit sind ihm große Anliegen, denen er sich akribisch verpflichtet fühlt.

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Maria Kern war in den vergangenen zehn Jahren Innenpolitik-Redakteurin des „Kurier“. Zuvor war sie im EU-Ressort und in der Chronik-Redaktion der Tageszeitung tätig. Die Publizistik- und Politikwissenschaftsabsolventin der Uni Wien sieht es als ihre Aufgabe an, Bürgern komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären und auch aufzuzeigen, was im Land schiefläuft.

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Sebastian Reinhart hat Politikwissenschaft und Wirtschaftsrecht an der Universität Innsbruck studiert. Danach war er im Nationalrat als Referent für die Fachbereiche Finanzen, Budget, ESM und Europa verantwortlich. Seit dem Hypo-Untersuchungsausschuss sieht er Österreich mit anderen Augen.

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Georg Renner hat Rechtswissenschaften studiert, weil er wissen wollte, wie Dinge (Staaten, Städte, die Gesellschaft …) funktionieren, was sie zusammenhält. Nachdem ihm dort kein Erfolg beschieden war, geht er dieser Frage nun journalistisch nach; zuvor bei „NZZ.at“ und „Die Presse“.

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