Übersicht  

Reißt das soziale Netz?

Die Zahl der Bezieher von Sozialleistungen steigt. Überalterung und hohe Arbeitslosigkeit werden diesen Trend in Zukunft weiterverstärken. Wie belastet ist das soziale Netz in Österreich? Eine Übersicht.

28.11.2017

Über die vergangenen Jahre ist die Zahl der Bezieher vieler sozialstaatlicher Geldleistungen gestiegen. Im Jahr 2016 bezogen 2,3 Millionen Menschen in Österreich Leistungen aus Pensionen der Pflichtpensionsversicherung und aus Ruhegenüssen. Das ist ein Anstieg um etwa 300.000 Personen seit dem Jahr 2001. Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, für die Familienbeihilfe ausbezahlt wird, weist hingegen rückläufige Tendenzen auf und hat sich bei etwa 1,7 Millionen stabilisiert. Vergleichsweise gering ist die Anzahl der Bezieher von Pflegegeld, Kinderbetreuungsgeld, Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Mindestsicherung.

Allerdings finden sich teilweise sehr hohe Wachstumsraten bei den Beziehenden. So stieg die Zahl bei der Notstandshilfebezieher von rund 98.000 im Jahr 2010 auf aktuell 167.000 an. Seit 2015 gibt es erstmals mehr Notstandshilfe-Empfänger als Bezieher von Arbeitslosengeld. Auch beim Pflegegeld zeichnet sich ein deutlicher Trend ab: Seit Anfang der 2000er Jahre stieg die Zahl der Bezieher von 350.000 auf mittlerweile 450.000 Personen an. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Sozialleistungen mit einer geringen Anzahl von Beziehern (z.B. Schüler- und Studienbeihilfe, Wohnbeihilfe) und Leistungen mit kurzer Bezugsdauer wie die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall und das Krankengeld.

icon-bubble

Top Kommentar

Die Anzahl der Bezieher aus Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Mindestsicherung erhöhte sich um stolze 86,1 Prozent.

Fallen immer mehr Menschen in die Abhängigkeit?

Wie kann dieser Zuwachs finanziell verkraftet werden? Kurzfristig durch den korrespondierenden Anstieg bei der Zahl der Beschäftigten, die mit ihren Sozialbeiträgen und Steuern das System erhalten. Mittelfristig durch Produktivitätssteigerungen, die mehr Spielraum für Umverteilung generieren. Zwei Probleme werden aber vor allem in einer langfristigen Betrachtung deutlich: Die Wachstumsraten bei den Erwerbstätigen bleiben hinter dem Anstieg bei den relevantesten Beziehergruppen zurück. Während die Zahl der Erwerbstätigen seit 2001 um 12,8 Prozent gewachsen ist, stieg die Zahl der Pensionisten um 16,8 Prozent. Die Zahl der Bezieher von Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Mindestsicherung bzw. Sozialhilfe, stieg um stolze 86,1 Prozent. Darüber hinaus entwickelt sich bei den Einzahlenden langsam ein strukturelles Problem: Am unteren Ende der Einkommensskala finden sich tendenziell mehr Personen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen, durch die weniger staatliche Beiträge eingenommen werden. Am oberen Ende nimmt die Zahl jener Personen zu, die mit ihrem Gehalt über der Höchstbemessungsgrundlage liegen.

icon-bubble

Top Kommentar

Mehr Bezieher als Erwerbstätige

Vergleicht man die Zahl der Erwerbstätigen mit der Zahl aller Bezieher von Sozialleistungen, kommt man auf ein Verhältnis von etwa 4:5 – also mehr Bezieher als Erwerbstätige. Allerdings überschneiden sich die Gruppen oft. Wer beispielsweise Familienbeihilfe, Mindestsicherung, Witwen- oder Waisenpension erhält, kann gleichzeitig auch erwerbstätig sein. Und wer als Bezieher von Arbeitslosengeld aufscheint, kann auch Familienbeihilfe erhalten. Ein reines Einzahler-zu-Empfänger-Verhältnis ist deshalb nicht wirklich zu berechnen. Im Detail kommen auf einen Bezieher von Pensionsleistungen etwa 1,8 Erwerbstätige. Weit größer sind die anderen Verhältnisse: beim Arbeitslosengeld 28:1, bei der Notstandshilfe 24:1 und beim Pflegegeld 9:1.

icon-bubble

Top Kommentar

icon-bubble

Top Kommentar

Unter Ruhegenüssen versteht man Beamtenpensionen.

Die Kosten der Leistungen

Analog zur Anzahl an Beziehern machen die Pensionen den bei weitem größten Teil der Sozialausgaben aus. Rechnet man alle Leistungen zusammen, so belaufen sich die Ausgaben für Pensionen auf etwa 50 Milliarden Euro jährlich. Ausgenommen sind Rentenzahlungen aus den gesetzlichen Unfallversicherungen und aus dem Sozialentschädigungsgesetz, die aber in Summe weniger als eine Milliarde Euro ausmachen. Obwohl die Pensionszahlungen allein schon die Hälfte des Sozialbudgets beanspruchen, sind darin noch keine Sachleistungen für Ältere enthalten.

icon-bubble

Top Kommentar

Der große Brocken

Der Abstand zu anderen Sozialausgaben ist damit größenordnungsmäßig noch größer als nur in Bezug auf die Anzahl der Bezieher. Die Ausgaben für Pensionen steigen jährlich um etwa den Betrag an, der den gesamten Geldleistungen für die bedarfsorientierte Mindestsicherung entspricht. Auch die Ausgaben für Arbeitslosengeld und die für Notstandshilfe erscheinen im Vergleich verschwindend gering. Der Grund: Die Pensionen sind im Schnitt wesentlich höher als die Durchschnittsleistungen im Bereich von Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Mindestsicherung. Rechnet man die Pensionsleistungen auf die Anzahl der Bezieher um, so ergibt sich eine durchschnittliche monatliche Auszahlung von rund 1.806 Euro. Bei Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Mindestsicherung liegt dieser Wert durchschnittlich bei 953, 735 und 371 Euro. Auch der Wert beim Pflegegeld ist mit durchschnittlich 474 Euro über alle Pflegestufen hinweg relativ niedrig.

icon-bubble

Top Kommentar

Normale Alterspension – Pensionsversicherung

Invaliditätspension – Pensionsversicherung

Ruhegenuss – öffentliche Rechtsträger

Vorzeitige Alterspension bei langer Versicherungsdauer, Korridorpension, Langzeitversicherte und Schwerarbeitspension – Pensionsversicherung

Betriebspension (die der Staat als Arbeitgeber bezahlt)

Hinterbliebenenpension – Pensionsversicherung

Hinterbliebenenversorgung – öffentliche Rechtsträger

Leistung Volumen  Bezieher  Durchschnitt
Pensionen 50,335,489,360  2,322,497 1,806
Arbeitslosengeld 1,669,988,429 145,976 953
Notstandshilfe 1,472,797,988 167,075 735
Familienbeihilfe 4,783,291,071 1,741,630 229
Kinderbetreuungsgeld 1,187,220,000 128,730 769
Pflegegeld 2,587,143,913 454,897 474
Mindestsicherung* 924,200,000 307,533 371

*Durchschnittswert über mittlere Bezugsdauer gerechnet

Zahlen über die, die zahlen

Im Jahr 2015 wurden rund 101 Milliarden Euro für die Finanzierung von Sozialausgaben bereitgestellt. 36 Prozent davon kommen aus den Arbeitgebersozialbeiträgen, 36 Prozent aus dem allgemeinen Steuertopf und 21 Prozent aus Arbeitnehmersozialbeiträgen. Der Rest verteilt sich auf Versicherungsbeiträge der Selbstständigen und Pensionisten sowie auf sonstige Einnahmen. Das Verhältnis hat sich dabei über die Jahre kaum verändert – lediglich der Anteil aus allgemeinen Steuermitteln ist über die vergangenen Jahre leicht angestiegen. Damit wird die Finanzierung des Systems in Österreich vor allem durch Sozialbeiträge aufrechterhalten. Diese hängen allesamt an den bestehenden Beschäftigungsverhältnissen. Genau hier setzen die Befürchtungen an, die Beiträge könnten durch den Wegfall von Arbeitsplätzen aufgrund der Digitalisierung verschwinden08. Das führt zur Forderung, dass eine neue Bemessungsgrundlage für die Einhebung der Mittel11 definiert werden muss.

icon-bubble

Top Kommentar

Das ganze Paket

Sie wollen unsere Inhalte verbreiten? Wir stellen Ihnen diesen Artikel mit seinen Elementen zur Verfügung.
Paket downloaden
download_icons

Inhaltspaket downloaden

Dieser Artikel und seine Inhalte können übernommen und verbreitet werden. Folgende Bedingungen sind dabei zu beachten:

  • Addendum als Quelle zitieren
  • Backlink zum ursprünglichen Artikel auf addendum.org setzen
  • Inhalte können nicht ohne Absprache mit Addendum verändert werden
  • Wird der gesamte Artikel veröffentlicht, muss ein Zählpixel eingebaut werden, Instruktionen dazu finden Sie in unseren Nutzungsbedingungen
  • Weitere Bilder können auf Anfrage an [email protected] beantragt werden

Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen zur Verwendung unserer Inhalte, welche Sie unter folgendem Link in ihrer aktuellen Form abrufen können: http://add.at/nbd

close

Vielen Dank!

Ihr Download ist nun bereit!

Addendum_010_03_Sozialstaat.zip
489 KB

Inhaltspaket anfordern

Mit dem Sozialstaat in guter Gesellschaft?

Der Vergleich mit anderen EU-Staaten zeigt, dass Österreich über dem europäischen Schnitt liegt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt betrugen die Ausgaben für wohlfahrtsstaatliche Systeme im Jahr 2014 rund 29 Prozent. Den höchsten Wert innerhalb der EU verzeichnet Frankreich mit 32 Prozent.

icon-bubble

Top Kommentar

Besonders bemerkbar macht sich die deutliche Steigerung der Sozialausgaben in fast allen EU-Staaten. Verantwortlich dafür ist vor allem die Wirtschaftskrise, die einen noch andauernden Sprung in der Höhe der relativen Ausgaben verursacht hat. Das hat damit zu tun, dass das Wirtschaftswachstum für einige Jahre deutlich hinter den Erwartungen zurückblieb und das soziale Netz in Krisenzeiten stärker beansprucht wurde. 

icon-bubble

Top Kommentar

28.11.2017

Das Rechercheteam

Gabriel Hellmann
Projektleitung

Gabriel Hellmann hat Rechtswissenschaften und die öffentliche Finanzkontrolle studiert. Er diente den Medien, den Kommunen, dem Staat und nun den Bürgern. Transparenz und Gerechtigkeit sind ihm große Anliegen, denen er sich akribisch verpflichtet fühlt.

Maria Kern
Team Investigative Recherche

Maria Kern war in den vergangenen zehn Jahren Innenpolitik-Redakteurin des „Kurier“. Zuvor war sie im EU-Ressort und in der Chronik-Redaktion der Tageszeitung tätig. Die Publizistik- und Politikwissenschaftsabsolventin der Uni Wien sieht es als ihre Aufgabe an, Bürgern komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären und auch aufzuzeigen, was im Land schiefläuft.

Dennis Meyer
Team TV

Dennis Meyer glaubt an die Macht der Bilder und des Wortes. Der Kulturwissenschaftler wurde also Fernsehjournalist. Nach Stationen beim ZDF und bei Spiegel TV zog der Hamburger nach Salzburg. Zunächst arbeitete er als freier Autor und Gestalter, dann in der Redaktion von „Talk im Hangar-7“. Jetzt widmet er sich Reportagen und Dokumentationen über Themen, die bewegen.

Moritz Moser
Team Experten
Claudia Riegler
Team Social Media

Claudia Riegler hat Kommunikationswissenschaft studiert und beschäftigt sich seit 2007 mit der Kommunikation in und rund um Onlinemedien. Sie hat sich auf die „Übersetzung“ von komplexen Inhalten in Geschichten für Onlinemedien spezialisiert.

Lukas Schmoigl
Team Experten

Lukas Schmoigl hat Volkswirtschaft und Statistik an der Wirtschaftsuniversität und an der Universität Wien studiert. Seine Expertise liegt auf dem Gebiet der quantitativen empirischen Forschung und Datenanalyse. Neben dem Studium war er in den vergangenen Jahren in der Abteilung IT-SERVICES an der WU tätig.

Anna Schneider
Team Experten

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

Jan Thies
Team TV
Max Thomasberger
Team Daten

Max Thomasberger hat spät berufen Volkswirtschaftslehre studiert. Im früheren Leben war er Statistiker, Musiker, Tontechniker, IT-Spezialist und Erwachsenenbildner. Jetzt sammelt, analysiert und visualisiert er Daten für den allgemeinen Erkenntnisgewinn bei Addendum.

Andreas Wetz
Team Investigative Recherche

Andreas Wetz mag Recherchen mit überraschenden Ergebnissen. Bei der Veröffentlichung halfen bisher „Kleine Zeitung“, „Kurier“ und „Die Presse“.

x

Folgende Artikel gehören zum Projekt 010 Sozialstaat

010_01 Gelesen

Abgabenhinterziehung: „Auf jeder Großbaustelle gibt’s ein Problem“

010_02 Gelesen

Sozialbetrug: Zwischen Dichtung und Wahrheit

010_03 Gelesen

Reißt das soziale Netz?

010_04 Gelesen

Der Sozialstaat, was ist das genau?

010_05 Gelesen

Wie wirkt sich Zuwanderung auf den Sozialstaat aus?

010_06 Gelesen

Grundeinkommen – eine Alternative zum Sozialstaat?

010_07 Gelesen

Im Kontext: SOS Sozialstaat – Ist er noch zu retten?

TV-Reportage
010_08 Gelesen

Automatisier­ung: Dem Staat droht ein Einnahmen­verlust von 6 Milliarden Euro

010_09 Gelesen

In der Sozialverwaltung ist nicht viel zu holen

010_10 Gelesen

Wo die Pflegekosten entstehen

010_11 Gelesen

Auf der Suche nach neuen Finanzierungsformen

010_12 Gelesen

Eine kleine Geschichte des Sozialstaats

010_13 Gelesen

Wenn der Staat den Falschen hilft

010_14 Gelesen

Die kleinen Lücken im Sozialstaat

Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Addendum ist nicht werbefinanziert und nutzt Cookies, um mehr über das Nutzerverhalten zu erfahren und so das Angebot zu verbessern.
Hier erfahren Sie mehr über Cookies und Datenschutz bei Addendum.

QVV Siegel

Zum Newsletter anmelden

Jede Woche informieren wir Sie über unser aktuelles Projekt mit tiefgründigen Recherchen.

Zum Newsletter angemeldet

Bitte bestätigen Sie die Newsletter-Anmeldung in Ihrer Mailbox.