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Der Fall Aiderbichl: Das Märchen vom Tierparadies

Soll man an Gut Aiderbichl spenden? Seit rund zweieinhalb Jahren laufen Betrugs-Ermittlungen gegen die beiden langjährigen Vorstände. Jetzt sind neue Vorwürfe aufgetaucht. Und die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft könnte Anfang 2018 über eine Anklage entscheiden. Der angenommene Gesamtschaden beläuft sich laut Ermittlungen auf 6,6 Millionen Euro.

Gut Aiderbichl, die wohl bekannteste Tierschutzeinrichtung Österreichs, präsentiert sich derzeit im vorweihnachtlichen Glanz. Als Wintermärchen, das Mensch und Tier ein „wunderschönes Beisammensein“ ermöglicht. Dieses Narrativ wird auch auf der Internetseite der im Salzburger Henndorf beheimateten Tierretter in den Vordergrund gerückt. Wer neun Euro Eintritt bezahlt, kann auf dem ehemaligen Bauernhof-Gelände zwischen freilaufenden Pfauen und Ziegen wandeln, vorbei am Hirschgehege, dem „Schweinepalast“ und dem „Katzenhaus“, an einem Pferdestall mit Fußbodenheizung, bis hin zu Punsch- und Maroni-Ständen. Besucher können Aiderbichl-Mützen und Aiderbichl-Stofftiere erwerben, neben solchen Geschenkideen finden sie vor Ort freilich auch zahlreiche Möglichkeiten, Spenden zu tätigen.

Aiderbichler: Ab zehn Euro pro Monat

„Aiderbichler“ wird, wer zumindest zehn Euro pro Monat erübrigen kann, so viel kostet eine einfache Tier-Patenschaft. Im Gegenzug darf der edle Spender wählen, ob er für ein bestimmtes Rind, Schwein oder Kätzchen bezahlt, oder ob das Geld kollektiv für die Tierhöfe verwendet werden soll. Denn jedes der mehr als 6.000 Tiere, die auf einem der inzwischen 26 Gnadenhöfe ihr Auskommen finden, hat eine traurige Geschichte, die werbewirksam vermarktet wird. Wie etwa jene von Jungstier Stefan, der aus einem brennenden Stall gerade noch gerettet werden konnte. Oder jene von Schimpansin Helene, die nach einem mutmaßlich trostlosen Dasein im Labor ihren „Weg aus der Einsamkeit“ fand.

Die Kehrseite: Wohin flossen die Millionen?

Seit gut zweieinhalb Jahren liegt ein Schatten über der heilen Tierwelt. Die Wiener Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft ermittelt das Gebaren der gemeinnützigen Gut-Aiderbichl-Stiftung mit Hauptsitz in Salzburg, es geht dabei auch um den Vorwurf des gewerbsmäßigen Betrugs. Spender sind verunsichert und mögliche Erblasser besorgt, ob sie den Tierschützern tatsächlich vertrauen können. Zudem bleiben viele prominente Unterstützer aus; zum zweiten Mal in Folge verzichtet der öffentlich-rechtliche ORF auf seinen Musikantenstadl-ähnlichen Quotenhit „Weihnachten auf Gut Aiderbichl“.

Die Hauptvorwürfe

Die große Frage, die hinter den Ermittlungen steht, lautet: Kommen alle Gelder aus Spenden, Schenkungen und Erbschaften tatsächlich, wie versprochen, bei den Tieren an? Addendum liegt nun eine Kopie des Strafakts vor. Daraus lassen sich folgende Hauptvorwürfe ableiten:

  • Die Aiderbichler Verantwortlichen sollen den inzwischen verstorbenen Millionär Gerd V. getäuscht haben, um ihm erst Geld, dann eine Liegenschaft und später sein Erbe herauszulocken.
  • Die Ermittler prüfen darüber hinaus, ob Spenden zweckwidrig verwendet wurden.
  • Die Ermittler fokussieren derzeit auf vier Personen aus dem engsten Umfeld der gemeinnützigen Gut Aiderbichl Privatstiftung, denen schwerer Betrug zur Last gelegt wird.
  • Laut einem Sprecher der Staatsanwaltschaft geht die Anklagebehörde von einem Gesamtschaden in Höhe von 6,6 Millionen Euro aus. Um ebendiesem auf den Grund gehen zu können, haben Hausdurchsuchungen, Telefonüberwachungen und Kontenöffnungen stattgefunden. Auch Rechtshilfeersuchen wurden durchgeführt.

Die Verantwortlichen bestreiten die Vorwürfe

Die Verantwortlichen von Gut Aiderbichl, allen voran Vorstand und Geschäftsführer Dieter Ehrengruber und der derzeit nicht vernehmungsfähige Gnadenhof-Gründer Michael Aufhauser, bestreiten die Vorwürfe vehement. Sämtliche Zuwendungen an Gut Aiderbichl würden seit jeher dem Stiftungszweck entsprechend verwendet. Für alle Beschuldigten gilt ausnahmslos die Unschuldsvermutung. Dieter Ehrengruber lässt darüber hinaus mitteilen, dass er alles lückenlos mit Rechnungen belegen könne und eng mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeite. Er sei überzeugt davon, dass die Ermittlungen bald eingestellt würden.

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Aiderbichl-Geschäftsführer Dieter Ehrengruber (links) und Gründer Michael Aufhauser im Jahr 2012

Oberösterreich und Salzburg reichten Klage ein

Laut den vorliegenden Unterlagen ist Gut Aiderbichl mittlerweile auch mit Forderungen zweier Bundesländer konfrontiert: Im Frühjahr 2017 brachten das Land Oberösterreich und das Land Salzburg eine Erbschaftsklage gegen die Stiftung ein. Im Kern geht es um mehr als 1,3 Millionen Euro. Die beiden Bundesländer waren vom vermögenden Gerd V. ursprünglich je zur Hälfte als Erben eingesetzt worden. Das Testament aus dem Jahr 2006 wurde allerdings 2010 widerrufen und durch ein neues zugunsten Aiderbichls ersetzt.

In einem Schreiben an die Korruptionsstaatsanwaltschaft, das vom Anwalt des Landes Oberösterreich Anfang des Jahres 2017 verfasst wurde, finden sich die Details über die Umstände, unter denen das angefochtene Aiderbichl-Testament zustande gekommen sein soll.

„Testament unterschoben“

Wörtlich heißt es: „Nunmehr hat sich herausgestellt, dass dieses Testament verfälscht wurde, bzw. dem Erblasser unterschoben wurde. Der angebliche Testamentszeuge Johann E. hat in seiner Einvernahme als Beschuldigter vor der Landespolizei Oberösterreich am 10.03.2015 angegeben, dass der Verstorbene zum Zeitpunkt, als die drei Personen als ,Testamentszeugen‘ unterschrieben haben, selbst nicht anwesend war. Aus diesem Grund (…) ist das Testament vom 29.07.2010 unwirksam. Die Beschuldigten mussten von diesem Sachverhalt wissen. Trotzdem haben sie das ,Nicht-Testament‘ im Verlassenschaftsverfahren vorgelegt und aufgrund dieses Testaments eine Erbantrittserklärung der Gut Aiderbichl Stiftung Österreich gemeinnützige Privatstiftung abgegeben.“
Die Beschuldigten bestreiten auch diese Vorwürfe. Die Länder Oberösterreich und Salzburg haben sich dem Strafverfahren der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft mittlerweile als Privatbeteiligte angeschlossen.

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Stiftungs-Gründer Michael Aufhauser (Foto) wird von vielen Aiderbichl-Fans „der Mann mit dem goldenen Herzen“ genannt. Jetzt steht er unter dem Verdacht des gewerbsmäßigen Betrugs: Wurde die inzwischen verstorbene Ursula V. (Foto) – wie möglicherweise ihr Bruder Gerd V. – um ihr Vermögen gebracht?

Verdächtige Überweisungen bei der Schwester

Auch Ursula V., die inzwischen ebenfalls verstorbene Schwester des vermögenden Tierliebhabers Gerd V., könnte von Aiderbichl getäuscht worden sein. Der Verbleib ihres Vermögens ist – wie das ihres Bruders – in das Visier der Ermittler geraten. Bei einer vor kurzem erfolgten behördlichen Kontoöffnung stellte sich etwa heraus, dass zumindest zwei „verdächtige“ Überweisungen im Gesamtwert von 250.000 Euro getätigt wurden, deren Verwendung bis dato völlig unklar sei.

Der in den USA lebende Bruder Victor V. hatte bereits 2014 das Testament angefochten. Mit dem Argument, dass die Erblasserin von Aiderbichl in die Irre geführt worden wäre. Laut Darstellung des Anwalts von Victor V. habe sie geglaubt, ihr Bruder Gerd V. stünde eigentlich hinter Aiderbichl Deutschland. Es sei also egal, ob sie ihm oder der Stiftung ihr Geld vermache. Nur deshalb habe sie einen vorgefertigten Testaments-Text mit der Hand abgeschrieben und unterzeichnet.

Der gesamte Schaden im Fall Ursula V. soll laut Korruptions-Staatsanwaltschaft zumindest 500.000 Euro betragen.

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Die rechte Hand als wichtige Zeugin für Ermittlungen

Die ehemals überzeugte Aiderbichlerin Karin Kainzbauer ist aktuell eine wichtige Zeugin im Zusammenhang mit den Geschäften der Stiftung. Immerhin fungierte sie einst als rechte Hand von Michael Aufhauser. Gegen Aufwandsentschädigung habe sie Spenden und Patenschaften an die Organisation vermittelt, erzählt sie Addendum bei einem Treffen in Salzburg. Außerdem war die ehemalige Versicherungsvertreterin Vertraute des verstorbenen Großspenders Gerd V. und dessen Schwester Ursula V. Für beide kümmerte sie sich um finanzielle Angelegenheiten. Und auch über die Vorkommnisse auf Gut Aiderbichl glaubt Kainzbauer einiges zu wissen: „Spenden werden nicht zweckmäßig verwendet, das habe ich erlebt“, sagt sie. „Es passt einfach nicht zusammen: der Tierschutz und das Luxusleben, das Dieter Ehrengruber und Michael Aufhauser führen.“

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Karin Kainzbauer war früher überzeugte „Aiderbichlerin“. Hier ist sie mit Vorstand Dieter Ehrengruber auf dem Gnadenhof Maria Schmolln, auch Gut Perneck genannt, auf dem Weg zum inzwischen verstorbenen Millionär und Großspender Gerd V. Ob er von Aiderbichl getäuscht wurde, wird derzeit von der Staatsanwaltschaft geprüft.

Nicht gehaltene Versprechen

Konkret kritisiert Karin Kainzbauer, Aiderbichl habe dem Tierfreund Gerd V. viele leere Versprechungen gemacht. Nur unter Auflagen hatte dieser seinen privaten Gnadenhof in Maria Schmolln und vier Millionen Euro noch zu Lebzeiten verschenkt. Alles sollte Hof und Tieren zugute kommen: Eine umfangreiche Umgestaltung wurde versprochen, beispielsweise ein extra Haus für Ziegen. Für dieses reichte Aiderbichl dann jedoch nicht einmal eine Baubewilligung ein. Inzwischen ist der Hof Teil des Aiderbichl-Imperiums, vor allem Hunde und Katzen leben dort. Er kann jedoch nicht besucht werden. Im Zuge der Ermittlungen will Kainzbauer nun erfahren haben, dass Gerd V. im Testament verfügt habe, dass 100.000 Euro an die Deutsche Kriegsgräberfürsorge und 50.000 an die deutschsprachige Jugend in Lodz gehen sollten. Beides sei bis heute noch nicht passiert. Auch ein Abfertigungsvermerk vom Juni 2016 legt nahe, dass die Suche nach diesen Geldern die Korruptionsstaatsanwaltschaft beschäftigt.

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Schwarze Kassen?

Darüber hinaus habe man auf dem Aiderbichl-Gut in Henndorf Gelder, die Besucher vor Ort gespendet hätten, nicht ordnungsgemäß verwendet, behauptet Kainzbauer gegenüber Addendum. Es habe sich dabei etwa um Los-Erlöse oder Barspenden gehandelt. Das Gut wird als eigene GesmbH geführt, die sich selbst erhält, und nicht als Stiftung. Geschäftsführer Dieter Ehrengruber habe öfter viel Bargeld eingesteckt gehabt. Zudem habe sie beobachtet, dass der Manager eines Promis ein Kuvert mit Scheinen erhalten habe. Immer wieder schmücken bekannte Sänger oder Schauspielerinnen Aiderbichl-Events mit ihrer Anwesenheit. Allerdings angeblich gratis und nur aus Überzeugung.

Dieter Ehrengruber weist alle Vorwürfe Kainzbauers zurück. Und er dementiert, dass es jemals Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung oder Schwarzgeld auf Gut Aiderbichl gegeben habe. Außerdem sei das Vermögen des Tierfreunds Gerd V. zur Gänze korrekt eingesetzt worden.

Angaben werden geprüft

Die Schätzungen der Staatsanwaltschaft ergeben – nach abgeschlossenen Erhebungen zum Hof des Millionärs Gerd V. –, dass Aiderbichl rund 570.000 Euro in das Gut investiert habe. Aiderbichl spricht von einer Gesamtsumme von 3,8 Millionen Euro, die man aufgewendet habe. Es werde schließlich laufend investiert und gebaut. Ein großer Teil der Kosten entfalle auf Personalkosten und den Unterhalt der Tiere. Diese Angaben liegen detailliert bei der Anklagebehörde auf und werden derzeit überprüft.

Auch gegen Karin Kainzbauer wird ermittelt. Sie weist jede persönliche Bereicherung zurück und sieht sich selbst als Opfer des Aiderbichl-Gründers Michael Aufhauser, der für sie so etwas wie ein „Guru“ gewesen sei. Nachdem sie Unregelmäßigkeiten bemerkt hätte, habe sie sich von Aiderbichl zurückgezogen. Karin Kainzbauer wurde Ende 2016, in einem vorgezogenen Teilverfahren, das sich mit den Vorkommnissen in Maria Schmolln befasste, von Betrugsvorwürfen freigesprochen. Allerdings wurde sie wegen Veruntreuung zu einer bedingten Strafe verurteilt: Laut einem rechtskräftigem Urteil hat sie einige Tausend Euro nicht an den Aiderbichl-Geschäftsführer Dieter Ehrengruber weitergeleitet.

Ein nie gebautes Katzenhaus für 200.000 Euro

Teil der Ermittlungen ist auch eine von Aiderbichl geplante Unterkunft für gerettete Katzen im niederösterreichischen Kilb. Der Millionär und Tierfreund Gerd V. hatte dafür 200.000 Euro zweckgebunden gespendet. Ein altes Haus sollte umgebaut werden. Das Projekt wurde 2010 im Rahmen eines Tierpaten-Treffens vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit habe es allein 4.000 Euro Spenden vor Ort geregnet, sagt Karin Kainzbauer gegenüber Addendum, Gerd V. habe noch einmal 4.000 Euro dazugegeben, sie selber 5.000 Euro. Schon vor dieser Präsentation habe es Bedenken gegeben, wie geeignet der hochwassergefährdete Ort für ein „Katzenhaus“ wäre. Trotzdem habe man weitergesammelt und an dem Projekt festgehalten. Strittig ist derzeit, ob alle Spenden mit der Zustimmung des Millionärs in eine andere Katzenunterkunft, die es seit 2013 in Traisen gibt, investiert wurden.

„Im November 2011 ist V. gestorben, wie soll er da zugestimmt haben“, sagt Kainzbauer. Gerd V. sei immer sehr genau gewesen, sagt sie, „er hätte gefordert, alles zurückzuzahlen“. Es drängt sich zumindest der Verdacht auf, dass die Erklärung Aiderbichls, das geschenkte Geld sei in ein anderes Katzenhaus geflossen, erst im Zuge der Ermittlungen entstanden sein könnte. Aiderbichl weist das zurück.

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Dieter Ehrengruber hat die Kosten für das Katzenstift in Traisen detailliert aufgelistet und an die Staatsanwaltschaft übergeben (siehe Faksimile). Umschichtungen von Geldern erklärt man damit, dass es ein Konto für „Projekte in Bau“ gebe. Erst später würden sie den konkreten Tier-Unterkünften zugewiesen.
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Ein ehemaliger Aiderbichl-Mitarbeiter sagt aus

Im März 2017 machte der ehemalige Gutsverwalter des deutschen Aiderbichlhofs in Iffldorf eine Aussagen bei der oberösterreichischen Polizei. Der Mann zeichnete für Patenschaften und den ganzen Betrieb verantwortlich. Ihm seien eigenartige Abläufe im Umgang mit Einnahmen aufgefallen, gab er bei einer Zeugenvernehmung zu Protokoll. Es habe unterschiedliche Listen gegeben, nach denen die Einnahmen kategorisiert worden seien. Getrennt nach Speisen und Getränken, „Sonstiges“ (was Merchandising betraf), Gelder von Tierpaten (getrennt nach Bar- und Kontozahlung). Täglich habe ein Mitarbeiter des Gut Aiderbichl aus Salzburg die drei verschiedenen Banktaschen abgeholt. Alle Daten seien zudem elektronisch übermittelt worden.

„Sonstige Einnahmen“

„Eigenartig an der Sache kommt mir vor, dass ein Bereich der Einnahmen als ,sonstige Einnahmen‘ bezeichnet werden. Bei den Patenschaften ist es komisch, dass sowohl das Bargeld als auch die Bargeldquittung nach Salzburg überbracht werden muss, obwohl diese Datensätze ja schon in Salzburg vorhanden sind. Es ist eigentlich keine Kontrolle in Iffeldorf über die Einnahmen möglich. Iffeldorf wird von Salzburg aus kontrolliert.“

Auf die Frage der Ermittler, wohin diese Gelder seiner Meinung nach gekommen seien, heißt es, dass er von regelmäßigen Fahrten nach Südtirol oder in die Schweiz wüsste. „Ich kann mir gut vorstellen, dass dorthin diese Gelder fließen oder dass dort diese Gelder gewaschen werden. Das habe ich aber nur gehört auf Gut Aiderbichl in Henndorf.“

„Es wird Druck ausgeübt“

Er selbst sei als Gutsleiter vertraglich beauftragt gewesen, potenzielle Spendenkunden auf den Hof zu führen und sie zu ihrer finanziellen Lage zu befragen. Außerdem sollte er die familiäre Situation, etwa bezüglich Erben, abklären. Sobald sich herausstellte, dass jemand bereit wäre, höhere Geldbeträge oder Liegenschaften zu spenden, habe er die Angelegenheit Michael Aufhauser, Dieter Ehrengruber oder dessen Bruder übergeben. „Wenn festgestellt wird, dass dort Geld vorhanden ist, wird entsprechender Druck ausgeübt“, erklärte der ehemalige Gutsverwalter. Nach nur einem Monat habe es allerdings Streit mit Dieter Ehrengruber gegeben, weil er eine Frau gefragt hätte, warum sie 1,3 Millionen Euro an Aiderbichl übertragen wollte.

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Auszug aus der Zeugenbefragung des ehemaligen Mitarbeiters

Ein Flügel für 30.000 Euro

Seine Zeit auf dem deutschen Gnadenhof war daraufhin relativ rasch zu Ende. Er habe aber vieles in Erinnerung behalten. Etwa dass Ehrengruber mit einem Geschenk für seine Tochter geprahlt habe: einem Flügel um 30.000 Euro. Insgesamt äußerte er den Verdacht gegenüber den Ermittlern, dass die beschriebenen „sonstigen Einnahmen“ in die Privattaschen von Michael Aufhauser und Dieter Ehrengruber geflossen seien – und nicht in die Stiftung. Außerdem würden die Tiere nicht im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Aufwendiger Lebensstil

„Ich habe mir nie erklären können, wie sich Ehrengruber einen neuen A6 leisten konnte. Das war im Jahr 2010. Ehrengruber führte einen Lebenswandel, den er sich sonst nicht leisten konnte. Nachdem er sich Aufhauser zugewandt hatte, war ersichtlich, dass er plötzlich vom armen Bauern- zum High-Society-Burschen aufgestiegen war. Für mich ist es verwerflich, dass die benützten Fahrzeuge von der Stiftung oder der Gut Aiderbichl GmbH angekauft werden und diese Gelder eigentlich für die Tiere gedacht wären.“

Ermittlungen eingestellt

Der ehemalige Mitarbeiter wurde nach seinen Aussagen von Aiderbichl-Manager Dieter Ehrengruber wegen Verleumdung geklagt. Die Staatsanwaltschaft Wien hat die Ermittlungshandlungen allerdings nach kurzer Zeit eingestellt. Aufgrund der Angaben des Zeugen wurden Konten in Deutschland, der Schweiz und Südtirol geöffnet. Damit folgten die Polizisten laut Akt den Vermutungen des Zeugen, „dass dorthin Spendengelder veschoben werden“.

Aiderbichl teilt mit, dass Florian H. niemals, wie von ihm behauptet, „Gutsleiter“, sondern lediglich einen Monat lang Gästebetreuer gewesen sei.

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Sieben Eigentumswohnungen in sieben Jahren

Ein Whistleblower behauptete Anfang 2017 gegenüber der Korruptionsstaatsanwaltschaft, dass Eigentumswohnungen auf den Namen enger Mitarbeiter von der Stiftung Gut Aiderbichl angekauft würden. Darunter Michael Aufhauser, Dieter Ehrengruber und vier weitere Personen. Dazu laufen offenbar noch Ermittlungen. Schon längere Zeit ist öffentlich bekannt, dass Dieter Ehrengruber sieben Eigentumswohnungen innerhalb von sieben Jahre in bester Lage erworben hat. Zu den Salzburger Wohnungen heißt es in den Akten der Korruptionsstaatsanwaltschaft: „Die Verantwortung des Beschuldigten ist bisher nicht widerlegbar.“

Dieter Ehrengruber teilt mit, dass seine Wohnungen über Kredite finanziert worden seien, alles habe seine Ordnung. Er sei zuversichtlich, dass die Staatsanwaltschaft bald erkennen würde, dass diese wie alle anderen Vorwürfe falsch seien. Das Spendenaufkommen entwickle sich gut, bei Mitgliedschaften und Besucherzahlen könne man ein erfreuliches Plus verzeichnen. Aktuelle Zahlen bleibt Aiderbichl aber trotz Nachfrage schuldig.

Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft betont derweilen, sie könne derzeit keinen Endzeitpunkt der Ermittlungen abschätzen. Diese seien allerdings schon weit fortgeschritten.

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Abfertigungsvermerk vom Juni 2016 der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft

In den Addendum vorliegenden Akten ist zumindest von einem frühesten Ende der Erhebungen Anfang 2018 die Rede. Eine Abschlussbefragung von Dieter Ehrengruber hat jedenfalls bereits stattgefunden.

„Dem Gründer geht es besser“

Die zentrale Person des Geschehens, Michael Aufhauser, konnte aufgrund seines Gesundheitszustandes von der Anklagebehörde noch nicht befragt werden. Hinweisgeber informierten die Ermittler allerdings darüber, dass es Aufhauser angeblich weitaus besser gehen soll, als von Aiderbichl behauptet. Dieter Ehrengruber verweigerte dazu – mit Hinweis auf seinen Beschuldigtenstatus – die Aussage. Die Mittelbayerische Zeitung berichtet jedenfalls über ein „Weihnachts-Wunder“, das Dieter Ehrengruber vor kurzem am Gnadenhof Deggendorf gegenüber Tierpaten verkündet haben soll: „Dem Aiderbichl-Gründer geht es nach seiner schweren Erkrankung vor zweieinhalb Jahren besser, und vielleicht kann er 2018 bei einem Patentreffen wieder mit dabei sein.“ 

Das Rechercheteam

Mathias Dechant
Team Experten

Mathias Dechant hat Rechtswissenschaften an der Universität Wien studiert. Danach Ausbildung zum Rechtsanwalt; Schwerpunkte in den Bereichen Zivilrecht, Corporate und M&A sowie IP. Er war seit den Anfängen des Studiums bis zuletzt in Wiener und Salzburger Wirtschaftskanzleien tätig.

Christine Grabner
Team Investigative Recherche

Christine Grabner war die letzten 12 Jahre als Redakteurin für das ORF Reportage-Format „Am Schauplatz“ tätig. Ihr Schwerpunkt sind gesellschaftspolitische und investigative Themen. Davor war sie viele Jahre freiberuflich unter anderem für den ORF „Report“, ATV, Spiegel-TV oder die Berliner Zeitung tätig. Die gebürtige Kärntnerin hat an der Berliner „Freien Universität“ ein Magister-Studium der Publizistik/ Philosophie und Neueren Geschichte abgeschlossen.

Markus „Fin“ Hametner
Team Daten

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

Christoph Hanslik
Team Investigative Recherche

Christoph Hanslik war in den vergangenen 17 Jahren als Unternehmer am internationalen Finanzmarkt tätig. Seine Erfahrungen stellte er drei Jahre im Parlament als Fachreferent für die Bereiche Budgetausschuss, Finanzausschuss, ESM-Ausschuss sowie als Teamleiter des HYPO-Untersuchungsausschuss zur Verfügung. Jetzt berät er das investigative Rechercheteam von Addendum.

Johannes Kaiser
Team Experten

Johannes Kaiser studiert Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Neben dem Studium war er in einer Wiener Bankenrechtskanzlei tätig, bevor er ins Parlament wechselte. Dort arbeitete er als Analyst im HYPO-Untersuchungsausschuss und später im Finanz- und Budgetbereich. Addendum ist seine erste Station in der Medienbranche.

Georg Renner
Projektleitung

Georg Renner hat Rechtswissenschaften studiert, weil er wissen wollte, wie Dinge (Staaten, Städte, die Gesellschaft …) funktionieren, was sie zusammenhält. Nachdem ihm dort kein Erfolg beschieden war, geht er dieser Frage nun journalistisch nach; zuvor bei „NZZ.at“ und „Die Presse“.

Stefan Schett
Team Social Media
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Stefan Schett hat in Wien Politikwissenschaft studiert und arbeitet nebenbei an seinem Zweitstudium Publizistik. Er war lange Zeit als freier Journalist und Social Media Manager tätig, journalistische Erfahrung sammelte er unter anderem beim “Kurier” und bei Puls 4. Für Addendum kümmert er sich um die Konzeption und Erstellung von Social Media-Content.

Andreas Wetz
Team Investigative Recherche

Andreas Wetz mag Recherchen mit überraschenden Ergebnissen. Bei der Veröffentlichung halfen bisher „Kleine Zeitung“, „Kurier“ und „Die Presse“.

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