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Bild: Lukas Ilgner | Verlagsgruppe News
Agentenkrimi um Ölfirma: Die Justiz ermittelt gegen Gerald Karner
6. Mai 2018 Spionage Lesezeit 12 min
Wegen eines Auftrags an die Privatagentin Christina Wilkening startete die Justiz Ermittlungen gegen den prominenten Bundesheer-Offizier und Sicherheitsberater Gerald Karner sowie gegen einen Anwalt. Hintergrund sind Eigentümer-Turbulenzen bei der Wiener Ölbohrfirma „Petro Welt“. Diese beschäftigen seit Jahren den Staatsanwalt. Addendum zeigt, was ein – verborgen agierender – russischer Geschäftsmann damit zu tun hat.

Die DDR ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert Geschichte. Das hinderte die mittlerweile berüchtigte Privatagentin Christina Wilkening aus Berlin jedoch nicht daran, auch im Jahr 2015 noch ihren Decknamen aus Stasi-Zeiten zu Benutzen. Ein – mit „LG Nina“ gezeichnetes –  E-Mail sollte weitreichende Folgen haben.

Wie Addendum erfahren hat, ermittelt die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien gegen den „Brigadier außer Dienst“ des Österreichischen Bundesheeres und nunmehrigen Sicherheitsberater Gerald Karner. Der Strategieexperte ist als Militäranalytiker aus Funk und Fernsehen bestens bekannt. 2006 ließ er sich beim Heer karenzieren und wechselte in die Privatwirtschaft. 2011 wurde Karner Geschäftsführer beim neu gegründeten Sicherheitsdienstleister Aventus – einer Firma des C-Quadrat-Gründers und heutigen Deutsche-Bank-Aufsichtsrats Alexander Schütz.

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Aufträge für 600.000 Euro

Schütz stieg 2016 bei Aventus aus – eigenen Angaben zufolge wegen der Affäre um Christina Wilkening, mit der die Sicherheitsfirma Projekte durchgeführt hatte. In vorliegenden Justizakten wird Aventus sogar als Hauptauftraggeber Wilkenings im Zeitraum 2013 bis 2015 bezeichnet. Die Sicherheitsfirma soll der Privatagentin in diesen Jahren 600.000 Euro zukommen haben lassen.

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Gerald Karner
Brigadier a.D. und Sicherheitsberater
Gerald Karner (63) ist Geschäftsführer und Miteigentümer der Sicherheitsfirma Aventus in Wien. Bekannt ist der Brigadier außer Dienst des Österreichischen Bundesheeres für seine Militär-Analysen im Fernsehen. Zuletzt meldete er sich besonders kritisch in Zusammenhang mit dem sogenannten Golan-Massaker zu Wort. Über Aventus arbeitete Karner intensiv mit der deutschen Privatagentin Christina Wilkening zusammen. Im April 2016 führte das Bundeskriminalamt nach einem Rechtshilfeersuchen aus Deutschland in der Causa Wilkening bei Aventus eine Hausdurchsuchung durch. Es ging darum, die Auftragsverhältnisse der Agentin zu durchleuchten. Karner galt bei der Durchsuchung nicht als „Beschuldigter“, sondern also „Betroffener“. Vorwürfe lagen damals gegen ihn keine vor.

Die Agentin, der Brigadier und der Anwalt

Eines der Aventus-Projekte mit Agentin „Nina“ beschäftigt nun die Ermittler. Der Hintergrund: Im Jänner 2015 erhält Aventus einen Auftrag von einer großen Wiener Anwaltskanzlei. Diese vertritt Maurice Dijols, der im Rahmen einer – als feindlich eingestuften – Übernahme damals gerade dabei ist, die Wiener Ölbohrfirma CAT Oil unter seine Kontrolle zu bringen. CAT Oil firmiert heute als Petro Welt und notiert an der Frankfurter Börse. Die heftigen Eigentümer-Turbulenzen rund um die Übernahme beschäftigen seither die Staatsanwaltschaft, Gerichte und Behörden – doch dazu später.

Gerald Karner führt Anfang 2015 den delikaten Auftrag nicht alleine aus. Er holt Christina Wilkening als Sub-Auftragnehmerin an Bord. Diese agiert offiziell als „Unternehmensberaterin“. Konkret ist die heute 71-jährige Dame allerdings im Bereich der privaten Informationsbeschaffung tätig. Dass eine ihrer Quellen ein Kriminalhauptkommissar in Mecklenburg-Vorpommern ist, der illegal gegen Bezahlung am Polizeicomputer Personenabfragen tätigt, wird Privatagentin „Nina“ Anfang des Jahres 2017 eine Verurteilung einbringen.

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Verdächtige Kalkulation

Zwei Jahre zuvor funktioniert das Geschäftsmodell von Christina Wilkening allerdings noch blendend: Das CAT-Oil-Projekt trägt den klingenden Namen „Centurion“. Ziel ist es, die Gegenspieler des neuen Mehrheitseigentümers Dijols und deren Aktivitäten unter die Lupe zu nehmen. Und bevor es losgeht, schickt Agentin Wilkening per Mail eine „Kalkulation“ an Karner – gezeichnet mit „LG Nina“. Dieses Dokument wirkt stellenweise überraschend offenherzig. Etwa gleich am Beginn:

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Nach ersten gründlichen Recherchen in

–       Deutschland (ND und LKA Niedersachsen)

–       Russland (Industrieagentur des Kreml – Energiefragen / FSB / Steuerbehörden und Föderaler Antimonopoldienst)

(…)

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Der deutsche Nachrichtendienst (ND), ein Landeskriminalamt (LKA) sowie Behörden und der Geheimdienst in Russland sind keine Stellen, bei denen Privatpersonen einfach so sensible Informationen recherchieren können. Was muss man tun, um dort detaillierte Auskünfte zu Personen und Unternehmen zu erhalten? Darauf gibt möglicherweise die konkrete Kostenkalkulation, die sich im Schreiben der Privatagentin findet, einen Hinweis:

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Fremdkosten:

2 Dt. Behörden      10.000,00 €

Österreich                2.000,00 €

(…)

RUSSLAND

Fremdkosten (drei Behörden)      12.000,00 €

(…)

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Das steht in der Anzeige

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Nun sind weder der deutsche Bundesnachrichtendienst noch der russische Inlandsgeheimdienst FSB, aber auch nicht ein deutsches Landeskriminalamt oder russische Steuerbehörden staatliche Institutionen, die ihre Erkenntnisse gegen Zahlung von Gebühren an private Informationsinteressenten weitergeben. Was mit „Fremdkosten“ gegenüber deutschen und russischen Behörden gemeint war, liegt auf der Hand: nämlich Bestechungsgeld. Das dürfte für Gerald Karner angesichts seines beruflichen Hintergrundes (er war bis 2006 hoher Offizier im Österreichischen Bundesheer) unmittelbar auf der Hand gelegen haben. Es kommt hinzu, dass er seit 2013 mit Christina Wilkening eng zusammengearbeitet und ihr in den vergangenen Jahren Honorare in Höhe von 600.000 Euro hat zukommen lassen. Ihm dürfte angesichts des vertrauten Umgangs mit Frau Wilkening auch nicht entgangen sein, dass ihre Informationsquelle ein LKA-Beamter in Mecklenburg-Vorpommern ist.

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Strafanzeige in Wien

„Fremdkosten“ von mehr als 20.000 Euro bei Behörden? Das sind wohl nicht Gebühren für zwei, drei simple Melderegisterabfragen. Das Schreiben von Christina Wilkening an Karner ist in einer Strafanzeige zitiert, die ein renommierter Hamburger Rechtsanwalt Ende 2016 an die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien geschickt hat. Diese hat die Anzeige zum Akt genommen, das Papier liegt Addendum vor. Der Anwalt aus Hamburg, der bis zur feindlichen Übernahme selbst lange Organfunktionen bei CAT Oil innehatte, formuliert darin einen klaren Bestechungsverdacht.

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Das sagt der Brigadier

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Karner meint: „Frau Wilkening verfügte aus ihrer jahrelangen Tätigkeit vor allem in Osteuropa glaubhaft über einen großen Kreis an Quellen, zu denen auch (vor allem ehemalige) Angehörige von Behörden zählten. Sie hat uns allerdings glaubwürdig immer wieder versichert, dass diese nicht im Rahmen ihrer dienstlichen Tätigkeit, sondern im Rahmen von – genehmigten – Nebentätigkeiten ihr Wissen, ihre Erfahrung, um bestimmte Vorgänge richtig einschätzen zu können, sowie ihre Kontakte zur Verfügung stellen. Da im konkreten Fall besonders auch Ermittlungen in Russland durchgeführt werden sollten, schienen die angeführten Fremdkosten grundsätzlich gerechtfertigt. Dass in der Kalkulation von Frau Wilkening statt Personen Behörden angegeben waren, habe ich ihrer mitunter etwas übertriebenen Art zugeschrieben, ihre Möglichkeiten darzustellen.“

Karner nimmt den involvierten Anwalt aus der Schusslinie. Tatsache ist, dass Aventus der Kanzlei ein Angebot gelegt hat, in dem die „Fremdkosten“ nicht ausgewiesen waren, sondern nur ein Pauschalpreis angeführt wurde. „Aufschlüsselung erfolgte keine“, teilt Karner mit. Hat der Anwalt „Fremdkosten“ für Behörden freigegeben? Karner sagt: nein.

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Abfragen am Polizeicomputer

Tatsächlich führte ein deutscher Kriminalkommissar, der mit „Nina“ zusammenarbeitete, für das CAT-Oil-Projekt Personen- und Kfz-Abfragen durch. Die Ergebnisse soll er an Wilkening übergeben und von ihr mindestens 3.000 Euro in bar erhalten haben. Dies sollte später – als einer von mehreren Punkten – zu einer Anklage am Landgericht Schwerin führen. Christina Wilkening und der Kommissar wurden 2017 nach Geständnissen unter anderem wegen Bestechung bzw. Bestechlichkeit zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

In Wien wird noch ermittelt. Die Anzeige des Hamburger Rechtsanwalts richtete sich unter anderem gegen Karner und den Anwalt, der den Auftrag erteilt hatte. Karner bestätigt auf Anfrage, vor einigen Wochen als Beschuldigter einvernommen worden zu sein. Er weist allerdings sämtliche Vorwürfe zurück: „Frau Wilkening hat mir mehrmals versichert, dass ihre Quellen stets korrekt und im Rahmen der Gesetze arbeiten würden“, erklärt der Sicherheitsunternehmer: „Mir war nicht bekannt, dass Frau Wilkening einen deutschen LKA-Beamten für Personenrecherchen einsetzt.“ Wilkening hätte dafür sorgen sollen, „dass vor Ort, also in Russland, festgestellt wird, ob die russischen Töchter der CAT Oil AG verkauft würden oder nicht“.

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Eine Zusammenfassung von im Internet leicht auffindbaren Informationen

Anwalt bestreitet Vorwürfe

Im Akt der Staatsanwaltschaft findet sich auch eine schriftliche Stellungnahme aus dem August 2017 des – zumindest damals – mitbeschuldigten Anwalts. Er bestreitet darin ebenfalls sämtliche Vorwürfe: „Die Beauftragung von Aventus erfolgte im Rahmen der Gesetze. (…) Herauszustreichen ist hierbei auch, dass ausschließlich eine Beauftragung des Unternehmens Aventus erfolgte. Frau Wilkening wurde dem Beschuldigten als Partnerin von Aventus vorgestellt (…).“ Die interne Kostenaufstellung, in der die „Fremdkosten“ angeführt waren, habe der Anwalt im Zuge der Strafanzeige zum ersten Mal gesehen.

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Kunde zahlte nicht

Christina Wilkening stellte Aventus für das Projekt „Centurion“ mehr als 20.000 Euro in Rechnung, die ursprüngliche Gesamt-Kalkulation hatte sogar 47.000 Euro ausgemacht. Laut Karner wurde jedoch „gar nichts“ gezahlt, weil der Auftraggeber – also die Anwaltskanzlei – ihrerseits nicht an Aventus bezahlt habe. Aus der Stellungnahme des Anwalts bei der Staatsanwaltschaft geht hervor, dass „die Mandanten“ die Zahlung verweigert hätten, da ein gelieferter Bericht „aus Sicht der Mandanten“ ausschließlich „eine Zusammenfassung von im Internet leicht auffindbaren Informationen“ gewesen sei.

Wie die Staatsanwaltschaft das alles beurteilt, ist noch offen. Eine Sprecherin erklärt auf Addendum-Anfrage: „Ich kann bestätigen, dass diese Anzeige bei uns eingegangen ist und Teil des Ermittlungsverfahrens ist. Wir müssen erst prüfen, ob die enthaltenen Vorwürfe zutreffend sind. Das ist Sinn und Zweck des Ermittlungsverfahrens.“

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Match um Millionen

Die Anzeige wurde also in die bereits seit 2015 laufenden Ermittlungen rund um CAT Oil einbezogen. Ausgangspunkt waren damals Anzeigen der neuen Unternehmensführung nach der Übernahme 2015 gegen frühere Schlüsselpersonen – darunter auch jene, über die Agentin Wilkening Informationen einholte. Der Grundvorwurf: Einzelne ehemalige Führungskräfte hätten Geld abgezweigt. Alle haben sämtliche Vorwürfe immer bestritten.

Es ist also ein Match der neuen CAT-Oil-Führung gegen die alte, die die Übernahme verhindern wollte. Dabei geht es um viel Geld. Die Turbulenzen reichen bis hinauf in die Eigentümersphäre, wobei Addendum nun ein Dokument vorliegt, das völlig neue Hinweise auf den Ursprung des Konflikts liefert. Dieses Papier führt uns direkt zur internationalen Dimension dieser Geschichte. Und eines ist schnell klar: In einem Spiel dieser Größenordnung sind Karner und Wilkening bestenfalls Randfiguren. 

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Semyon Vainshtock
Ex-Transneft-Boss
Der russische Geschäftsmann (70) taucht immer wieder in den Medien auf – allerdings in sehr unterschiedlicher Schreibweise. Für den Vornamen sind die Varianten Semyon, Semjon und Semen gängig, für den Nachnamen unter anderem Vainshtock, Weinstock, Vainsthok oder Vainchtok. Bekannt wurde er jedenfalls als „Putins Pipeline-Zar“. Von 1999 bis 2007 leitete Vainshtock den staatlichen russischen Ölpipeline-Monopolisten Transneft und galt als einer der mächtigsten Männer des Landes. Bekannt wurde er nicht zuletzt dadurch, dass er 2007 – während eines Streits zwischen Russland und Weißrussland – die Ölpipeline schloss, die auch Westeuropa versorgt. Nach seinem Abschied bei Transneft wurde er von Präsident Wladimir Putin mit der Leitung der Baufirma Olimpstroi betraut, die aus Sotschi eine Olympiastadt machen sollte. 2008 folgte dort allerdings sein überraschender Abgang. In den vergangenen Jahren tauchte sein Name unter anderem in Zusammenhang mit einem Kraftwerksprojekt in Israel auf.

Putins Pipeline-Zar

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Über CAT Oil schwebt seit vielen Jahren ein großes Fragezeichen. Wer steckt wirklich hinter dem Ölfeld-Dienstleister? Immerhin handelt es sich um ein börsenotiertes Unternehmen. Da sollte eigentlich ein Höchstmaß an Transparenz gelten. Und doch besteht schon lange der Verdacht, dass weit mehr hinter der komplizierten Eigentümerstruktur stehen könnte, als an der Oberfläche erkennbar ist. Wie sich nun zeigt, war dieser Eindruck – zumindest in der Vergangenheit – zutreffend. Die Folgen davon wirken bis heute nach.

Das Magazin News berichtete im Juni 2016 über eine mögliche Involvierung von Ex-Transneft-Boss Semyon Vainshtock bei CAT Oil. Transneft ist die staatliche russische Ölpipeline-Betreiberfirma. Ein Schiedsspruch des „Arbitration Institute of the Stockholm Chamber of Commerce“ vom 13. Juni 2017 zeigt nun, dass Vainshtock tatsächlich maßgebliche wirtschaftliche Interessen an CAT Oil hatte, dass er diese trotz Börsegangs vor der Öffentlichkeit verbergen konnte und dass er die Übernahme Ende 2014 selbst ermöglicht haben dürfte.

Laut Schiedsspruch hatte zumindest seit dem Jahr 2000 eine Zusammenarbeit zwischen Vainshtock und einem deutschen Wirtschaftstreuhänder bestanden. Letzterer war Vainshtock von einer persönlichen Bekannten und Geschäftsfreundin vorgestellt worden, der der Transneft-Boss vertraute. Für Vainshtock sei wichtig gewesen, dass seine Eigentümerschaft in der „CAT Group“ anonym blieb. Der Wirtschaftstreuhänder und die Geschäftsfreundin halfen ihm dabei.

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Eigentümerstruktur von CAT Oil bei der Übernahme Ende 2014

Verborgene Beteiligung

Vainshtocks verborgene Beteiligung an der Ölbohrfirma erfolgte über eine Firma namens Coraline Limited auf Zypern. Ursprünglich hielt der deutsche Wirtschaftstreuhänder im Rahmen einer Treuhandschaft die Anteile für den Russen. Ein Jahr vor dem Börsegang 2006, bei dem der tatsächliche Eigentümer offengelegt werden musste, wurde das Treuhandverhältnis aber beendet und durch eine Aktienleihe ersetzt.

Vainshtock borgte seine Anteile dem Wirtschaftstreuhänder, auf den per Vertrag die rechtliche und wirtschaftliche Eigentümerschaft uneingeschränkt überging. Dem Ex-Transneft-Boss sollten zwar – grob gesagt – 90 Prozent aller Dividenden zustehen, seine wirtschaftlichen Interessen konnten aber im Dunkeln bleiben.

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Die 100-Millionen-Euro-Frage

Das Schiedsgericht hält eine solche Konstruktion nicht für ungewöhnlich und vergleicht sie mit einer Schenkung unter Ehepartnern. Eine Tarnung von Geschäftsinteressen, bei der man sein Eigentum tatsächlich aus der Hand gibt, setzt aber größtes Vertrauen unter den Beteiligten voraus. Und das dürfte im Fall CAT Oil ab einem bestimmten Punkt nicht mehr gegeben gewesen sein.

Im Herbst 2011 wurde beschlossen, 100 Millionen Euro zu verteilen. Über komplizierte Verträge sollte gesichert werden, dass die Summe – aus steuerlichen Gründen – als Dividende vor dem Jahr 2012 anzusehen war, tatsächlich aber erst in den Folgejahren von der Zypern-Firma Coraline flüssiggemacht werden müsste. Der deutsche Wirtschaftstreuhänder sollte 12,66 Millionen Euro erhalten, Vainshtock 87,34 Millionen Euro.

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Russe leitete Übernahme ein

Coraline zahlte erste Raten an den Wirtschaftstreuhänder. Doch dann übertrug Vainshtock im Oktober 2014 seine Rechte als Treugeber aus einem früheren Treuhandvertrag an Dijols Firma JOMA. Das dürfte der Startschuss für die CAT-Oil-Übernahme gewesen sein. Dijols sicherte sich durch weitere Transaktionen die Kontrolle im Eigentümergeflecht auf Zypern. Zahlungen der Coraline an den Wirtschaftstreuhänder aus der Dividende fanden nicht mehr statt. Plötzlich tauchte der Vorwurf auf, er und andere hätten Vainshtock betrogen und Gelder veruntreut.

Dies ähnelt dem Grunde nach jenen Vorwürfen, um die es – soweit bekannt – in der Causa CAT Oil in Wien geht: Früheren Führungspersonen der CAT Oil wurde in Anzeigen vorgeworfen, Geld abgezweigt zu haben. Die Betroffenen haben sämtliche Vorwürfe immer bestritten. Ohne Kenntnis aller Details ist die Stichhaltigkeit schwer einzuschätzen. Zum möglichen Ausgangspunkt der Turbulenzen – dem Verdacht Vainsthocks, übervorteilt worden zu sein – spricht das Schiedsgericht in Stockholm jedoch eine klare Sprache.

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Schiedsspruch vom 13. Juni 2017

Schiedsgericht sieht keinen Betrug

Der deutsche Wirtschaftstreuhänder forderte bereits 2015 beim Schiedsgericht den offenen Teil der Dividende – immerhin 9,2 Millionen Euro – ein. Ob er diesen Schritt gewagt hätte, wenn er wirklich etwas auf dem Kerbholz hätte, sei dahingestellt. Das Schiedsgericht führte umfassende Schritte durch, um den Sachverhalt zu ermitteln. Es sichtete nicht nur Dokumente, sondern befragte auch Auskunftspersonen – darunter Vainshtock per Videoschaltung.

Der Russe gab an, seiner früheren Geschäftsfreundin und dem deutschen Wirtschaftstreuhänder völlig vertraut zu haben. Geschäftstreffen liefen so ab, dass die Frau das, was der Treuhänder sagte, auf Russisch übersetzte und dieser dann vorgelegte Dokumente unterschrieb. Vainshtock sprach – zumindest früher – nämlich weder Deutsch noch Englisch.

Im Schiedsverfahren behauptete Vainshtock, ab 2010 sei nach und nach eine „Doppelzüngigkeit“ seiner Geschäftsfreundin ans Licht getreten. Er glaube nun, sie und der Wirtschaftstreuhänder wären „skrupellose und verschwörerische Personen“, die alles tun würden, um ihren Willen zu bekommen. Mit diesen Aussagen biss Vainshtock beim Schiedsgericht allerdings auf Granit. Es glaubte nicht, dass der Russe betrogen worden sei und sprach dem Wirtschaftstreuhänder die 9,2 Millionen Euro zu.

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In der Folge bewilligte das Bezirksgericht Innere Stadt Wien am 26. 7. 2017 auf Basis des Schiedsspruchs die Exekution.

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Der geheimnisvolle „Boris“

Die Frage ist, ob sich Vainshtock mit dem Eintritt Dijols in die Eigentümerstruktur Ende 2014 in jeder Hinsicht von CAT Oil gelöst hat oder ob er immer noch wirtschaftliche Interessen an der Unternehmensgruppe verfolgt. Dijols Anwalt wollte diese und alle anderen Fragen nicht beantworten. Der Verfasser der Strafanzeige mit Bezug auf Christina Wilkening scheint aber eine weitere Involvierung aus dem Personenkreis um Vainshtock zu vermuten. In einer Projektinformation, die Karner seinerzeit an Wilkening schickte stand nämlich:

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Die Situation hat sich am 22.01. erheblich verschärft, als durch einen Vertrauten von Herrn Dijols („Boris“) bekannt wurde, dass „der Vorstand bereits begonnen habe, die russischen Beteiligungen zu verkaufen“.

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Schiedsgericht: Russe selbst verantwortlich

Das Schiedsgericht bildete sich aber auch eine Meinung zur geschäftlichen Vorgehensweise Vainshtocks bei CAT Oil. Der Russe soll laut Schiedsspruch nicht einmal Dokumente aufgehoben haben. Dabei ging es um Multi-Millionen-Euro-Interessen. Das Schiedsgericht schreibt übersetzt:

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Herr Vainshtock hat sich selbst in die Hände (der Geschäftsfreundin, Anm.) begeben, daher ist es begründet, ihm jedes Risiko von Fehlinformation oder nicht vollständiger Information zuzurechnen, das durch die Involvierung (der Geschäftsfreundin, Anm.) entsteht. Herr Vainshtock entschied oder war durch die Umstände gezwungen, sein Geschäft mit dem oder durch den (Wirtschaftstreuhänder, Anm.) zu führen, ohne Aufzeichnungen zu behalten – etwa Kalkulationen, die die korrekte Aufteilung der Einnahmen aus (der Coraline, Anm.) erklären. Das ist ein Geschäftsmodell, dessen Konsequenzen Herr Vainshtock selbst tragen muss.

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Der Anzeiger aus Hamburg merkt dazu an:

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Bei dem hier erwähnten „Boris“ dürfte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Boris L. (voller Name der Redaktion bekannt, Anm.) handeln. Boris L. ist der Schwiegersohn des Semyon Vainsthok (sic!). Mit Semyon Vainsthok, langjähriger Präsident der „Transneft“ (…) hatten (die Geschäftsfreundin, Anm.) und (der Wirtschaftstreuhänder, Anm.) von 1994 bis 2014 eng und vertrauensvoll beim Aufbau des CAT-Oil-Konzerns zusammengearbeitet. Es ist zu vermuten, dass der in 2014 vollzogene Bruch (…) auf ein Ränkespiel des Boris L. zurückgeht.

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Nur ein Oligarchenstreit?

Vielleicht irrt sich der Anzeiger diesbezüglich. Falls nicht, hieße das aber, dass das heimische Justizsystem seit Jahren als Schlachtfeld in einem Oligarchenstreit benützt wird: ausgehend von einem geheim agierenden reichen Russen, der Unterlagen nicht aufbewahrte, die Sprache nicht verstand, sich aber plötzlich verraten fühlte.

Eines steht fest: Karner und Wilkening sollten die schnelle Eingreiftruppe in einem Kampf um viel Geld sein. Die Methoden, die die Agentin dabei einsetzte, haben sie vor Gericht und ins Gefängnis gebracht. Die Rolle ihres Auftraggebers wird die Justiz klären.  

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