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Bild: Hertha Produziert | Addendum
Wie in Österreich umverteilt wird
15. April 2018 Staat Lesezeit 7 min
Wen belasten Steuern und Abgaben in Österreich und wer profitiert von den bereitgestellten Leistungen? Ein Blick auf umfangreiches Datenmaterial zeigt, wie der österreichische Staat über seine Ausgaben umverteilt – und über seine Einnahmen nicht.

Verteilungskonflikte stehen in der Mitte einer jeden wirtschaftspolitischen Debatte. Von wem nimmt der Staat Geld, wem gibt er es? Eine Einschätzung über diesen Sachverhalt liefern sowohl das WIFO als auch das Inequality Institut der WU Wien. Letztere haben umfassendes Datenmaterial zusammengestellt, um auf Basis von Haushaltseinkommen die Verteilungswirkung der Einnahmen und Ausgaben zu analysieren.

Welcher Anteil des Einkommens geht an den Staat?

Um die Abgabenlast grafisch aufzubereiten, ist es eine gute Methode, die Haushalte in Österreich von Arm nach Reich in hundert Gruppen – sogenannte Perzentile – von links nach rechts aufzuschlüsseln. Ein Blick auf die erste Grafik zeigt, wie hoch die durchschnittliche Abgabenlast in jedem dieser Perzentile ist. Die Werte bemessen sich hier zunächst an den durchschnittlichen Einkommen in den Gruppen und damit an der Leistungsfähigkeit der Besteuerten.

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Es handelt sich hier um die Haushaltseinkommen, umgerechnet auf volljährige Personen im jeweiligen Haushalt. Damit wird berücksichtigt, dass wirtschaftliche Ressourcen geteilt werden. Darüber hinaus hängt die Position in der Einkommensverteilung so nicht von der Größe des Haushaltes ab.

Progressiv vs. regressiv

Eine Steuer wird als progressiv bezeichnet, wenn sie höhere Einkommens- oder auch Vermögensschichten prozentuell höher belastet. Für ein Bruttoeinkommen von 2.000 Euro fallen in Österreich beispielsweise 155 Euro oder in etwa 7,75 Prozent des Einkommens an Lohnsteuer an. Für ein Bruttoeinkommen von 3.000 Euro dagegen 424 Euro oder 14,1 Prozent. Der Sprung der prozentuellen Last macht die Einkommensteuer progressiv. Wirkt die Steuer umgekehrt, so wird sie als regressiv bezeichnet. Bleibt die Belastung in Prozent gleich, so spricht man von einer Flat Tax. Hebt man bei jeder Person oder jedem Haushalt einen konstanten absoluten Betrag ein, würde man von einer Kopfsteuer sprechen. Diese wäre regressiv.

Relativ zu seinem Einkommen zahlt ein Haushalt zwischen 30 und 45 Prozent seines Einkommens an den Staat, wobei die Abgabenlast über weite Strecken konstant bei etwa 35 bis 40 Prozent liegt. Die meisten Haushalte tragen damit in etwa proportional zu ihren Einkünften zur staatlichen Finanzierung bei. Einzelne Steuern, die dieses Charakteristikum aufweisen, werden auch als „Flat Tax“ bezeichnet. Die einzelnen Abgaben entfalten dabei aber sehr verschiedene Wirkung. Steuern auf Konsum belasten vor allem die unteren Einkommensschichten stärker – sie wirken damit regressiv. Der tägliche Einkauf im Supermarkt, das Tanken oder der Konsum von Tabak, sorgen hier gemeinsam für einen Großteil der Belastung. Die Abgabenlast sinkt mit steigendem Einkommen, weil die relativen Konsumausgaben sinken. Reichere Haushalte verbrauchen nicht ihr gesamtes Einkommen, sondern sparen einen tendenziell größer werdenden Teil. Wer weniger Geld ausgibt, muss weniger Konsumsteuern abführen, und auf der Bank werden lediglich die Erträge des veranlagten Einkommens besteuert, nicht aber die Substanz.

Steuern auf Einkommen entfalten dagegen eine progressive Wirkung, da zahlungskräftige Gesellschaftsschichten prozentuell mehr abführen müssen. Welche Abgaben auf Einkommen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei einem Bruttogehalt von 2.400 Euro anfallen, erklärt das folgende Video:

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Weitgehend unbedeutend wirkt sich die Kapitalertragssteuer aus: Sie zeigt nur für die obersten Einkommen eine spürbare Belastung. Nicht ganz uninteressant ist der leichte Abfall der Belastung in den obersten Perzentilen. So liegt die Höhe der Abgaben mit 39,7 Prozent der 1 Prozent reichsten Gemeinschaften unter jenen der Haushalte davor, die bei etwa 45 Prozent rangieren. Dieser Effekt ergibt sich zum einen durch den höheren Anteil an Kapitaleinkommen, die im Vergleich zu hohen Arbeitseinkommen geringer besteuert sind, und zum anderen durch die Höchstbeitragsgrundlage bei den Sozialversicherungen.

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In den Daten berücksichtigt sind Umsatzsteuer, Steuern auf Energie, Versicherungen, Tabak und auf Alkohol.

Hohe Beitragszahlungen bei Spitzeneinkommen

Ein Blick auf die nächste Grafik mag zunächst verwundern: Ein großer Teil der absoluten Einnahmen aus Steuern und Abgaben wird bei den zehn Prozent der reichsten Haushalte eingenommen.

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Die großen Unterschiede in den absoluten Beträgen ergeben sich hier durch die Einkommensunterschiede und damit durch die Belastbarkeit der Haushalte. Oder plakativer formuliert: Arme Haushalte zahlen wenig, weil sie arm sind. Reiche Haushalte leisten wesentlich höhere Beiträge aufgrund ihres hohen Einkommens, nicht aufgrund höherer prozentueller Steuerbelastung. Beginnt man die obersten Perzentile aus der Grafik herauszunehmen, so ergibt sich ein relativ konstanter und wesentlich flacherer Anstieg der Abgaben. Ein Indiz für die in Österreich über weite Strecken relativ gleiche Einkommensverteilung, aber stärkerer Konzentration von Einkünften bei Topverdienern.

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Wem der Staat das Einkommen aufbessert

Mit der Erläuterung der Abgaben ist nur die halbe Miete getan. Mit den eingehobenen Steuern und Beiträgen werden zum Teil die Einkommen vieler Haushalte aufgestockt, von denen die Belastung erst eingehoben wurde. Eine Grafik zur Zusammensetzung der Haushaltseinkommen darf daher nicht fehlen. Unter dem Punkt Transfers finden sich staatliche Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld oder Familienbeihilfe sowie private Transfers wie Alimente, die aber einen kleineren Teil ausmachen.

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Haben Sie aufgepasst?

Können sie die Höhe der absoluten Transferleistungen analog zur zweiten Grafik rekonstruieren? Wer erhält mehr Geld? Untere Einkommen, Mittelschicht oder obere Einkommen?

Am unteren Ende der Verteilung finden sich hier viele Haushalte, deren Einkommen staatlich gestützt sind. Der Anteil aus Erwerbsarbeit ist relativ gering, und ein essenzieller Teil stammt aus staatlichen und privaten Transferleistungen. Aber auch obere Einkommen sind Empfänger von staatlichen Transfers, da diese in Österreich nicht unbedingt an ein niedriges Einkommen gekoppelt sind. Vor allem Pensionen nehmen in absoluter Höhe mit steigendem Haushaltseinkommen wesentlich zu, auch wenn sie relativ gesehen sinken. Unter der Bezeichnung Eigenverbrauch verstecken sich maßgeblich die unterstellten Mieten für selbst genutzten Wohnraum. Hier wird der größere Anteil an Wohnungseigentum bei oberen Hauhalten sichtbar. Die Darstellung der Geldtransfers an ärmere Haushalte blendet hier noch aus, das der Staat viele Sachleistungen bereitstellt, von denen Arm und Reich wohl auch verschieden intensiv profitieren, aber deren Umverteilungswirkung nicht leicht zu erfassen ist. Öffentliche Verkehrsmittel, Straßen, Schulen, Krankenhäuser und Polizei dienen der gesamten Gesellschaft und können schwieriger mit ihrem Wert auf den Einzelnen umgerechnet werden.

Umverteilung findet über Ausgaben statt

Wie kann man nun von diesen Perspektiven auf die Wirkung staatlicher Umverteilung schließen? Betrachtet man die relativen Abgaben und Einkommen, so ist erkenntlich, dass der Staat Österreich hauptsächlich ausgabenseitig umverteilt. Er greift hier insbesondere den 20 Prozent der ärmeren Haushalte unter die Arme, indem er deren Einkommen mit Geldleistungen stützt. Zusätzlich ist davon auszugehen, dass viele der erwähnten Sachleistungen für die Allgemeinheit tendenziell stärker durch die oberen Haushalte finanziert werden. Damit die Bilanz hier ausgeglichen wäre, müssten obere Schichten nämlich diese öffentlichen Güter proportional zum Ausmaß ihrer absoluten Steuerlast nutzen, was aber meist unrealistisch ist. Über die Einnahmen wird jedoch wenig umverteilt – regressive Konsumsteuern und progressive Einkommensteuern sorgen für eine etwa gleichmäßige Aufteilung der Belastung.  

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