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Startup lernt man nicht, man macht es

In Österreich entwickelt sich die Gründerszene erst seit wenigen Jahren. Investoren werden nur vereinzelt oder langsam aktiv. Andere Städte und Länder genießen schon seit Jahren den Ruf von Startup-Hotspots. Was ist der große Unterschied? Was macht ein erfolgreiches Startup-Ökosystem aus?

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Arm, aber sexy: Diesen Slogan kann sich Berlin vielleicht nicht mehr lange leisten. Aber einiges andere. Immerhin liegt die Stadt wegen der verhältnismäßig niedrigen Lebenskosten auf Platz sechs des European Digital City Index. Das zieht künstlerisches und unternehmerisches Talent an. Genau dieses künstlerische Kapital hat Berlin den Standortvorteil gebracht, der es zur Gründermetrople des deutschsprachigen Raume gemacht hat. Eine industrielle Geschichte hat die Stadt im Gegensatz zum Großteil des deutschsprachigen Raums nicht vorzuweisen. Aber aus Berlin stammen gleich zwei Startup-Unicorns, die heute börsenotiert sind: Zalando mit einem geschätzten Marktwert von 10,4 Milliarden Euro, und Rocket Internet, 3,5 (vormals 6,4) Milliarden Euro wert.

650.000 Arbeitsplätze

Rocket Internet ist nicht nur ein wertvolles Unternehmen, sondern gründete seinerseits einige wichtige Startups nach dem Vorbild US-amerikanischer Firmen. Mittlerweile gilt Rocket als Inkubator, fokussiert also darauf, neue Startups hochzuziehen. Gegründet wird aber auch ohne die Hilfe von Rocket Internet ausreichend, allein 2016 gab es laut „Gründen in Berlin“ 39.000 Unternehmensneugründungen. In manchen Fällen führt das zum Entstehen einer Blase, für die Stadt ist das Risiko aber eher gering: Scheitern trifft die Gründer, nicht die Stadt. Scheitern scheint aber nicht der Normalfall zu sein, bisher wurden laut Startup Hubs Europe in Berlin 653.471 Arbeitsplätze durch Startups geschaffen. Zur Einordnung: In Österreich sollen durch das Startup-Paket 2016 100.000 Arbeitsplätze bis 2020 geschaffen werden.

Die Stadt bemüht sich um Investoren

Daran beteiligt ist auch die Taktik der Berliner Politik. Der Wirtschaftssenat unterstützt Startups nicht unbedingt über direkte Förderungen, sondern setzt einen größeren Schwerpunkt auf den Aufbau des Ökosystems. So entstanden Netzwerke für Startups, die Kreativbranche wird mit eigenen Initiativen unterstützt, und die Stadt bemüht sich aktiv um Venture-Capital-Investoren. Dadurch wurden 2015 fast 69 Prozent des deutschen Investitionsvolumens an Wagniskapital in Berlin investiert. Ein entscheidender Faktor könnte auch sein, dass in Berlin eine enge Kollaboration zwischen den Partnern herrscht.

Start Alliance Wien-Berlin

Das Portal „Gründen in Berlin“ wird beispielsweise von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer und der Investitionsbank Berlin betrieben. Kooperation statt Konkurrenz also, nicht nur bei Startups, sondern auch bei den anderen Playern im Ökosystem. Auf diese Kooperation setzt man jetzt auch in Österreich. Ende November wurde das Projekt Start Alliance zwischen Wien und Berlin unterschrieben. In Wien will man so von den bisherigen Berliner Erfahrungen und den internationalen Netzwerken des Projekts profitieren, aber auch Wiener Startups nach Berlin bringen und umgekehrt Dependancen von Berliner Startups nach Wien locken.

Schauplatzwechsel: Auch Israel gilt als annähernd ideales Ökosystem für Gründer, und zwar schon seit Jahrzehnten. Wann genau das begonnen hat, ist nicht eindeutig zu sagen. Manchen Theorien zufolge war der Versuch, eigene Kampfflugzeuge (der IAI Lavi Anfang der 1980er) zu produzieren, ausschlaggebend. Andere sagen, der entscheidende Impuls wurde vom Zerfall der UdSSR und der damit beginnenden Einwanderung von technisch hochqualifiziertem Personal ausgelöst. Beide Situationen haben jedenfalls zu einem Überschuss an Fachkräften geführt, die – auch in Zusammenarbeit mit dem Militär – begonnen haben, innovative Produkte zu entwickeln. Der Staat legte 1993 das Yozma-Programm auf, mit dem erstmals Internationale Venture Capital-Investoren nach Israel gelockt wurden.

Das Militär erzieht zum Entscheiden

Wo genau also der Ursprung der israelischen Startup-Szene zu identifizieren wäre, ist wie bei vielen gewachsenen Ökosystemen schwer abzugrenzen. Klar ist aber, dass das Militär auf vielen Ebenen die große Zahl der Neugründungen beeinflusst. Einerseits, weil der verpflichtende Militärdienst 18-Jährigen rasch Verantwortung überträgt und rasche Entscheidungen verlangt. Dadurch haben viele Frauen und Männer schon zu Beginn ihres Studiums Erfahrung mit sogenannten Gründeraufgaben. Andererseits sorgt das Militär mit seinen Forschungsprogrammen natürlich auch für Innovation und fördert auf diese Weise die Gründerszene.

Das Heer als Station in der Startup-Laufbahn

Die Verteidigungsaufgaben wandeln sich permanent, der weltweite technologische Fortschritt trägt dazu bei. Dazu kommt: Israel ist sozusagen eine Insel, die politischen Beziehungen zu den Nachbarländern sind schwierig bis feindselig. Also muss die Innovation aus dem Landesinneren kommen, manche Einheiten des Heeres werden als „extrem wichtige Stationen in der Laufbahn eines späteren Startup-Gründers“ bezeichnet. Laut Yifat Inbar, Wirtschaftskonsulin der israelischen Botschaft in München, haben davon vor allem drei Bereiche profitiert: Business Intelligence, Artificial Intelligence und Big Data. Bereiche also, die weltweit eine immer größere Rolle spielen.

Die Großen sind da

Auch deshalb kann Israel ausländische Investoren an Land ziehen. 2016 sind 60 Prozent der Investments aus dem Ausland gekommen. Wie in vielen anderen Ländern liegt das auch an Israel als Wirtschaftsstandort für ausländische Firmen. Mit Microsoft, Google, Facebook, Apple, Siemens und weiteren internationalen Unternehmen sind zumindest Großkonzerne als Investoren direkt vor Ort und dementsprechend auch dort tätig. Die Rolle des Staates ist also im Vergleich zu Österreich nur eine geringfügige.

Günther Schabhüttl, Österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Israel über die Startup-Szene: 

It’s the mentality, stupid

Viel wichtiger ist aber, wenn man den Berichten glauben kann, die Mentalität. Die Geschichte Israels ist geprägt vom Widerstand der Nachbarn, das hat zu einem höheren Resilienz-Niveau geführt. Feedback wird ehrlich und direkt gegeben, aber vorurteilsfrei und als konstruktiv aufgefasst. Improvisation und Flexibilität werden als typisch israelisch gesehen, Eigenschaften, die man in der Gründungsphase eines Betriebs häufig braucht. Ein Schlüsselelement dürfte aber vor allem Chuzpe sein, die Bereitschaft, auch einmal unhöflich zu sein, bestehende Normen umzuwerfen, selbst wenn man sich damit unbeliebt macht. Zumindest Medienberichten und Experten zufolge ein wirksames Mittel, immerhin gibt es in Israel 5.000 bis 7.000 Startups.

Noch 2010 war Irland der wirtschaftliche Verlierer Europas und musste als erstes Land unter den Euro-Rettungsschirm ESM. Mittlerweile zählt das Land aber zu den Technik-Centern Europas, unter anderem wegen der vielen internationalen Betriebe, die ihre europäischen Hauptquartiere in Irland haben; einerseits wegen der geografischen Lage – Irland präsentiert sich selbst gerne als Tor zwischen Europa und den USA; andererseits: Wegen seiner niedrigen Steuer auf Unternehmensgewinne ist Irland bei internationalen Konzernen wie Starbucks, Apple und Google beliebt und sorgt damit innerhalb der EU für Ärger. Die internationalen Konzerne fördern aber auch die irische Startup-Szene und damit deren gesamtes Ökosystem: das Ökosystem, das auch im Fokus der nationalen Agenturen steht.

„Weiche Unterstützungen“

Unter denen ist Enterprise Ireland die wichtigste Agentur für die Startup-Szene in Irland. Genau dort wird gefiltert, welche Startups Potenzial haben, was in welcher Branche passiert und wer Förderungen bekommt. Allerdings eben nicht einfach Förderungen für neu gegründete Firmen, sondern „weiche Unterstützungen“, wie Niall McEvoy von Enterprise Ireland es nennt. Die Frage der Regierung an Enterprise Ireland war nicht „Wie fördern wir Startups?“, sondern „Wie können wir das Startup-Ökyststem unterstützen?“. Das beeinflusst auch den eigenen Umgang mit Startups, der Staat tritt quasi selber als Equity Investor auf, macht also den Job von Business Angels oder Venture-Capital-Gesellschaften.

Wie können wir das Startup-Ökyststem unterstützen?
Niall McEvoy, Enterprise Ireland

„Matched Funding“

Damit Startups nicht schon bei der Gründung vom Staat abhängig sind, werden Förderungen auf einem „matched funding“-Prinzip vergeben. Enterprise Ireland verlangt von Startups also, von privaten Geldgebern Finanzmittel in der Höhe der Fördersumme aufzutreiben. Um dieses Gleichgewicht zwischen privaten und öffentlichen Mitteln zu fördern, gibt es auch für Business Angels Steuererleichterungen. Aber nicht nur Business Angels fördern die Startup-Szene, sondern auch die schon erwähnten internationalen Konzerne. Sie werden von der IDA (Industrial Development Authority) extra nach Irland gelockt, weltweit versuchen die Mitarbeiter der Agentur in 20 Büros, Irland als Wirtschaftsstandort schmackhaft zu machen.

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Gründen im Wachstum

Das sorgt in Irland für neue Jobs, für mehr Know-how und langfristig auch für mehr neue Firmen. Google zum Beispiel betreibt mehrere Accelerator und Startup-Labs. Den Rest erledigt für Irland derzeit die Konjunktur selbst. Die Wirtschaft wächst seit 2012 wieder kontinuierlich, 2015 kam es laut Eurostat sogar zu einem Rekordwachstum von 25,6 Prozent. Auch die Bevölkerung wächst, 40 Prozent der unter 30-Jährigen kommen aus dem Ausland – ein gutes Zeichen für Firmengründer. Schließlich kommen laut McEvoy viele nur, um in Startups zu arbeiten oder selber in Irland zu gründen. Was auch erklärt, warum die Zahl der Firmengründungen seit 2013 zugenommen hat. 

Wirtschaftswachstum in diesen Größendimensionen ist extrem selten. Ausschlaggebend dürfte zu einem großen Teil die Verlegung von Firmensitzen und die Verschiebung von Aktiva nach Irland sein. Das Land lockt mit seinen 12,5 Prozent Körperschaftsteuer insbesondere US-Firmen an. Werden deren Gewinne versteuert und Aktiva vor Ort abgeschrieben, fließen diese in die Berechnung des BIP ein. So könnten auch einige wenige große Firmen den Anstieg verursacht haben.

Das Rechercheteam

Stefanie Braunisch
Team Investigative Recherche
Rainer Fleckl
Team Investigative Recherche

Rainer Fleckl will den Dingen auf den Grund gehen. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und startete seine ersten investigativen Recherchen im Sportressort des „Kurier“, dessen Leitung er 2008 übernahm. 2010 wurde er mit dem Aufbau einer Rechercheabteilung betraut. Vor seinem Engagement bei Quo Vadis Veritas war Fleckl als Bereichsleiter bei ServusTV und in der Chefredaktion von „News“ tätig.

Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Claudia Grünwald
Team TV
Markus „Fin“ Hametner
Team Daten

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

Alexander Millecker
Team TV
Elisabeth Oberndorfer
Projektleitung

Elisabeth Oberndorfer startete ihre journalistische Karriere in der Innenpolitik-Redaktion von derStandard.at und war unter anderem stellvertretende Chefredakteurin des Medienwirtschaft Verlags. 2013 ging sie als freie Korrespondentin nach San Francisco. Für Gründerszene, Wired Germany, NZZ.at und andere deutschsprachige Medien berichtete sie über Wirtschaft, Technologie und Silicon Valley. Während ihrer Zeit in Kalifornien gründete das Online-Magazin Fillmore.at. Bei Addendum verantwortet sie als Chefin vom Dienst die Plattform.

Sebastian Reinhart
Team Experten

Sebastian Reinhart hat Politikwissenschaft und Wirtschaftsrecht an der Universität Innsbruck studiert. Danach war er im Nationalrat als Referent für die Fachbereiche Finanzen, Budget, ESM und Europa verantwortlich. Seit dem Hypo-Untersuchungsausschuss sieht er Österreich mit anderen Augen.

Stefan Schett
Team Social Media
stefanschett

Stefan Schett hat in Wien Politikwissenschaft studiert und arbeitet nebenbei an seinem Zweitstudium Publizistik. Er war lange Zeit als freier Journalist und Social Media Manager tätig, journalistische Erfahrung sammelte er unter anderem beim “Kurier” und bei Puls 4. Für Addendum kümmert er sich um die Konzeption und Erstellung von Social Media-Content.

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