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Lisa Fassl, Geschäftsführerin der Austrian Angel Investor Association || Bild: Nikolaus Ostermann | Addendum
Woher das Geld für österreichische Startups kommt
5. Dezember 2017 Startups Lesezeit 9 min
Experten loben das Fördersystem für Gründer in Österreich: Viele Programme, hohe Summen. Bund und Länder lassen sich das jedes Jahr Millionen kosten. Aber: Transparente Erfolgskontrollen, Chancengleichheit für Förderungswerber sowie privates Kapital für Unternehmenswachstum fehlen.

Bis zu 200.000 Euro in der Vorgründungsphase von Hochtechnologie-Unternehmen.
Bis zu 50.000 Euro für das Einreichen eines innovativen Projekts in der Kreativwirtschaft.
Bis zu 10.000 Euro für das Auftreten auf internationalen Messen pro Jahr.

Bund und Länder greifen österreichischen Gründern auf ihren ersten Schritten mit Förderungen unter die Arme. In internationalen Untersuchungen führt das regelmäßig zu Bestnoten: Österreich führt beispielsweise das Ranking des Global Entrepreneurship Monitors im Bereich der staatlichen Unternehmerprogramme an: Mit 6,3 von 9 Punkten landet Österreich vor allen anderen 63 untersuchten Volkswirtschaften.

Der Staat als Fremdkapitalgeber

Mittel des Bundes und der Länder sind die häufigste Quelle von Fremdkapital: 55 Prozent der befragten Gründer haben Förderungen der öffentlichen Hand erhalten. Dafür hat der Bund im Vorjahr viel Geld ausgegeben: Die Förderbank Austria Wirtschaftsservice vergab 725 Millionen Euro an Krediten und Garantien und 74 Millionen Euro an Zuschüssen für Unternehmen. An Jungunternehmen, die nicht länger als fünf Jahre im Geschäft sind, gingen vom Gesamtbetrag etwa 245 Millionen Euro.

Wie groß ist die Rolle des Staates?

Die zweite wichtige Anlaufstelle, die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), hat ihr Startup-Programm mit 62 Millionen Euro ausgestattet. Daneben gibt es eigene Programme der Bundesländer. Beispiel Wien: Die Wiener Wirtschaftsagentur hat 2016 rund 7,4 Millionen Euro an Förderungen für 70 Startups vergeben. Die Rolle des Staates als Kapitalgeber ist in Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern überproportional groß. In Ausnahmejahren wie 2014 kamen staatliche Agenturen für 76 Prozent der verfügbaren Private-Equity-Mittel auf. Das ist 9,5-mal so viel wie im europäischen Durchschnitt.

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Rückzug der Finanzdienstleister

Auch in Jahren, in denen mehr Risikokapital verfügbar war, war die öffentliche Hand stark vertreten. Weil Banken seit der Wirtschaftskrise strengeren regulatorischen Vorgaben unterliegen, haben sie sich über weite Strecken als Kapitalgeber verabschiedet. Institutionelle Anleger wie Pensionskassen oder Versicherungsgesellschaften nahmen sich ebenfalls aus dem Spiel. Bis zum Jahr 2014 war das Private-Equity-Kapital deshalb rückläufig, wie aus einer Untersuchung von Invest Europe hervorgeht.

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Warum ist das so?

Das Wirtschaftsministerium ortet deshalb ein Marktversagen: Ohne den Bund gäbe es zu wenig Investitionen in der ersten Phase von Neugründungen. Nun gibt es erste Zeichen eines Aufschwungs: „Es gibt immer mehr privatwirtschaftliche Initiativen. Marktversagen ist immer weniger gegeben. Bund und Länder sollten ihre Programme langsam zurückfahren. Als Privatperson kann ich gegen einen mit Steuergeld subventionierten Player im Wettbewerb schwer mithalten. Und das sollte nicht die Rolle des Staates sein“, sagt etwa Berthold Baurek-Karlic.

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In unserem Förderdschungel ist für jeden etwas dabei.
Berthold Baurek-Karlic, Investor

Baurek-Karlic ist Venture-Capital-Experte und Business Angel. Er sieht die Förderpolitik kritisch: „In unserem Förderdschungel ist für jeden etwas dabei. Es wird großzügig mit der Gießkanne hantiert.“

Die meisten kommen durch

Die Vermutung, dass viele öffentliche Gelder in Projekte mit wenig Überlebenschancen gesteckt werden, lässt sich aber schwer überprüfen. In einem Papier des Wirtschaftsministeriums ist etwa zu lesen, dass von der Förderbank Austria Wirtschaftsservice (AWS) geförderte Projekte sechs Jahre nach der Förderung in 80 Prozent der Fälle noch existieren. Unternehmen ohne Förderung schaffen es demnach auf eine Überlebensquote von 63 Prozent. Details wie diese sind nur auszugsweise bekannt.

Hälfte hat mehr Mitarbeiter

Aber auch die Prüfung von 48 AWS-geförderten Projekten aus dem Jahr 2013 deutet auf eine hohe Überlebensrate hin: Nur eines der unterstützten Unternehmen hat seither Insolvenz angemeldet. Das geht aus einer Firmenbuchprüfung jener Unternehmen hervor, die in der Preseed-Phase – also noch vor der Unternehmensgründung – gefördert wurden. Ähnliches gilt für Startups, die von der Wiener Wirtschaftsagentur Gelder erhalten haben: 2012 bekamen 34 Startups insgesamt 2,9 Millionen Euro. Vier dieser Unternehmen sind heute aufgelöst. Von den verbleibenden lässt sich bei 16 Betrieben die Beschäftigtenzahl erheben. Die Hälfte der Betriebe hat mehr Mitarbeiter als im Förderjahr, bei sechs gibt es keine Veränderung, zwei sind geschrumpft.

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Addendum, 5. Dezember 2017:

Die AWS übermittelt uns folgende Stellungnahme: „Selbstverständlich können wir auf „Knopfdruck“ sämtliche Details zu allen von uns geförderten Unternehmen transparent darstellen. Eine Veröffentlichung dieser firmenbezogenen Daten bedarf jedoch in jedem Einzelfall einer Zustimmung des involvierten Unternehmens – bei der Vielzahl der geförderten Unternehmen wäre dies sehr aufwändig.“ Bis dato ist bei Addendum noch keine Liste geförderter Unternehmen eingegangen.

Intransparenz

Wie erfolgreich diese Unternehmen heute wirtschaften, lässt sich daraus nicht ablesen. Ein detailliertes Kennzahlensystem, mit dem sich der beschäftigungspolitische Erfolg geförderter Unternehmer messen ließe, ist für die Öffentlichkeit nicht verfügbar. Das Erstellen einer Liste geförderter Unternehmen seit Bestehen der Förderbank würde „mehrere Menschen mehrere Wochen beschäftigen“, antwortete das AWS auf eine entsprechende Anfrage von Addendum.

Nicht nur an die Kleinen

Aus dem Leistungsbericht der Förderbank geht hervor, dass durch die Förderungen des AWS 4.750 neue Arbeitsplätze entstanden seien. Darin ist ebenso zu lesen, dass Projekte in Form von Zuschüssen, Garantien und Krediten mit einem Barwert von 106,6 Millionen Euro unterstützt wurden. Dieser Betrag geht nicht ausschließlich an Startups, es sind auch Leistungen für etablierte Klein- und Mittelunternehmen (KMU) und Großunternehmen enthalten. Ein großer Teil der Leistungen der Förderbank geht nicht an Einzelkämpfer und kleine Teams, wie sie im gern propagierten Bild von Gründern zu sehen wären.

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Was heißt Barwert?

Das EU-Wettbewerbsrecht verlangt die Umrechnung jeder Förderung auf einen Barwert. Kredite und Garantien sind nicht mit 100 Prozent einzurechnen. Stattdessen wird der Zinsvorteil gegenüber den marktüblichen Konditionen in einen Barwert umgerechnet. Ein Zuschuss hat einen Barwert von 100 Prozent.

Hier kommen zwei Kritikpunkte an der österreichischen Förderlandschaft zusammen: einerseits die Komplexität und Unübersichtlichkeit der Förderungen, die bei Gründern viel Zeit in Anspruch nimmt. Diese Situation begünstigt Großunternehmen, weil sie Personen dafür abstellen können. So beschreibt es etwa Johann Bernhardt, Gründer von Exomys:

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Lücke Anschlussfinanzierung

Diese Kritik teilt Rudolf Kinsky. Er ist Präsident der „Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation“ (AVCO), des Dachverbands der privaten Kapitalgeber in Österreich. Er ortet in der Anschlussfinanzierung nach den Förderungen für die Wachstumsphase eine Lücke: „Bis zu einer Million Euro geht meistens alles gut. Mehr kriegt man in Österreich schwer, und ein amerikanischer Fonds steigt nicht ein. Der will nicht eine Million Euro investieren, sondern mehr als zehn.“ Am eigenen Startup sind diese Probleme Wolfgang Auer widerfahren. Er hat eine intelligente Ohrmarke für Kühe entwickelt, die erkennt, ob die Tiere gesund sind. Das Kapital für die Wachstumsphase hat er im Ausland gesammelt, wie er schildert:

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Um mehr private Investoren und damit mehr privates Risikokapital nach Österreich zu bringen, hat der Dachverband AVCO seine Empfehlungen in einem Maßnahmenkatalog zusammengefasst. Unter anderem fordern die Vertreter, dass die Förderbank AWS sich auf eine Rolle als Dachfonds zurückzieht und als Ankerinvestor etabliert.

Smartes Geld

Ein Segment der Privatinvestoren ist in Österreich jedenfalls stark vertreten, das der „Business Angels“. Darunter versteht die Startup-Szene Investoren, die in einer frühen Gründungsphase mit einem relativ kleinen Betrag, dafür aber auch Beratung und Mentoring einsteigen. „Smart Money“ nennt es Lisa Fassl, Geschäftsführerin der Interessenvertretung „Austrian Angel Investors Association“ (AAIA). Dem Verband, der von Investor Hansi Hansmann initiiert wurde, gehören eigenen Angaben zufolge 200 Investoren an. Fassl rechnet mit einer Dunkelziffer von bis zu 400 weiteren Frühinvestoren. „Das heißt, wir haben etwa 600 Personen, die in Richtung Business Angels gehen.“ International gesehen sei das eine „annehmbare Quote“, im Europavergleich sieht Fassl ihre Investorenschicht genau in der Mitte.

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Lisa Fassl, AAIA-Geschäftsführerin

120.000 Euro je „Business Angel“

„Aber das bedeutet nicht, dass wir nicht noch mehr Personen haben könnten, die sich für das Thema interessieren. Geld gibt’s genug in Österreich“, sagt die AAIA-Chefin. Die öffentlichen Förderungen würden das private Kapital in diesem Bereich nicht bremsen. „Förderungen und Business Angels sind Instrumente, die sich ergänzen.“ Denn Startups würden Förderagenturen besonders in einer „extremen Frühphase“ nutzen, wo kaum ein Angel-Investor einsteigen würde. Eine Mitgliederumfrage der AAIA in diesem Jahr ergab, dass der österreichische „Business Angel“ durchschnittlich 120.000 Euro investiert und sieben Beteiligungen hat. Insgesamt hat er 970.000 Euro in Jungunternehmen aus den Bereichen IT, Finanztechnologie oder Medien investiert.

Inwiefern und ob die neue Koalition an den Rahmenbedingungen für Kapitalgeber oder der Förderlandschaft etwas ändert, ist noch unklar. Die Tagesordnungsthemen der Verhandler in der Gruppe Standort standen noch nicht fest. 

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