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Bild: Philipp Horak | Addendum
Wexelerate, oder: Yes, we Kern?
6. Dezember 2017 Startups Lesezeit 4 min
Der Wiener Startup-Hub Wexelerate galt schon lange vor seiner Eröffnung als Leuchtturmprojekt. Der Kanzler schnürte gleich zu Beginn seiner Amtszeit 2016 ein Startup-Paket, seine Frau wirkte maßgeblich am Aufbau des Ökosystems im zweiten Wiener Gemeindebezirk mit. Im Hintergrund lief einiges schief: Der Wexelerate-Geschäftsführer musste eine Woche vor der Nationalratswahl gehen, weil er von seiner Vergangenheit eingeholt wurde.

Hans Othmar S.* hatte nicht unbedingt den Ruf, ein entscheidungsschwacher Manager zu sein. Nur wenn es um seinen Vornamen ging, schien der Ex-Geschäftsführer des Startup-Hubs Wexelerate unter gewissen persönlichen Präferenzproblemen zu leiden. Im Ausland nannte sich der ehemalige Profisportler jahrelang Othmar S., in Österreich gab er sich in unzähligen Interviews vor der Eröffnung des Startup-Zentrums im Design-Tower am Wiener Donaukanal jedoch als Hans S. aus, obwohl er auch im Firmenbuch als Othmar eingetragen war.

Strafrechtliche Probleme

Tatsache ist, dass ein gewisser Hans Othmar S. laut Addendum-Recherchen in der jüngeren Vergangenheit im Ausland massive strafrechtliche Probleme hatte. Im Sommer 2014 verurteilte ihn ein Obergericht in einem europäischen Land zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten. Dem damaligen Manager S. waren unter anderem die Delikte Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und Entführung zur Last gelegt worden. Damals betonte S. laut einem Zeitungsbericht im Gerichtssaal: Er sei zwar unschuldig, aufgrund der nervlichen Belastung aber nicht mehr imstande, weiterzuprozessieren.

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Eveline Steinberger-Kern und Hans Othmar S.

Nur noch beratende Funktion?

Ein Mann mit einem derart ungewöhnlichen Lebenslauf passt nicht zu einem Startup-Zentrum, das als größter Hub Europas konzipiert und von der Ehefrau des österreichischen Bundeskanzlers maßgeblich mitentwickelt und medial gepusht worden war. Eveline Steinberger-Kern ließ sich ab Entwicklung des Hubs im Herbst 2016 als Quelle der Inspiration vermarkten, als weitere Gründungsmitglieder wurden Markus Wagner (i5invest) und Dominik Greiner (Camouflage Ventures) genannt; ein Jahr später hat es den Anschein, dass zumindest Eveline Steinberger-Kern bei der Beschreibung ihrer Rolle lieber auf Understatement setzt. Sie sei nur noch in leitender Funktion im Advisory-Board tätig, sagte sie zwei Tage vor der Nationalratswahl dem Standard, Anteile halte sie nicht.

Geschäftsführer abberufen

Wenige Tage zuvor, am 8. Oktober 2017, war bekannt geworden, dass Hans Othmar S. als geschäftsführender Gesellschafter der Wexelerate GmbH abberufen wird. Zur Frage der Entscheidungsfindung kursierten bislang zwei Versionen: Die einen hatten den Eindruck, S. habe ganz plötzlich, wenige Tage nach der offiziellen Eröffnung und wenige Wochen vor dem Grand-Opening, aus persönlichen Gründen das Handtuch geworfen. Die anderen sahen in S.’ Abtauchen einen Zusammenhang mit Recherchen, die der Blog „fass-ohne-boden“ am 1. Oktober publiziert hat. Darin hinterfragte Herausgeber Alexander Surowiec das Naheverhältnis von Eveline Steinberger-Kern zu Rechtsanwalt Markus Singer, der im November 2016 mit seiner MS-Beteiligungsgesellschaft die Anteile an der Blue Minds Solutions GmbH von Steinberger-Kern übernommen hat. Ebendiese Blue Minds Solutions hält 17,6 Prozent an Wexelerate. Zudem beleuchtete „fass-ohne-boden“ eine Förderung der Wirtschaftsagentur Wien (ein Fonds der Stadt Wien) für den Startup-Hub, die am letzten Tag der Ausschreibung von Wexelerate eingebracht und in Höhe von 277.026 Euro bewilligt worden war. „Die bevorstehende Idee eines Startup-Hubs“, notierte Surowiec, „passt wie die Faust aufs Aug für die Initiative.“

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Erhöhte Nervosität im Wahlkampf?

Addendum-Recherchen in den letzten Wochen ergaben nun, dass nicht nur die Steinberger-Kern-Tangente zum Wiener Rechtsanwalt Markus Singer gewisse Fragen aufwirft. Singer unterhält nämlich auffallend enge Kontakte zu Christian Kerns Kanzleramtsminister Thomas Drozda und zu seiner Wissenschaftsministerin Sonja Hammerschmid. Auch der Abgang von Hans Othmar S. als Wexelerate-Geschäftsführer legt bei näherer Betrachtung die Vermutung nahe, dass Eveline Steinbergers vielschichtige Startup-Aktivitäten im Finish des Wahlkampfs für erhöhte Nervosität im Kern-Team gesorgt haben dürften. Darauf deuten vertrauliche Dokumente hin, die Addendum vorliegen.

Hektische Betriebsamkeit

Ab 1. Oktober erscheinen kritische Berichte über Wexelerate. Unmittelbar danach muss hinter den Wexelerate-Kulissen hektische Betriebsamkeit ausgebrochen sein. Obwohl der geschäftsführende Gesellschafter Hans Othmar S. in den Blog-Berichten gar nicht im Zusammenhang mit seiner Vergangenheit im Gerichtssaal auftaucht, wird im Zirkel der Gesellschafter offensichtlich über seinen sofortigen Rückzug diskutiert. Der Anwalt Markus Singer zeichnet in einer E-Mail vom 6. Oktober 2017, 8.31 Uhr, seinen Wexelerate-Mitgesellschaftern Wege auf, wie „S.“, der sich offensichtlich nicht mehr an eine Vereinbarung vom 5. Oktober erinnern wolle, als Geschäftsführer abberufen werden könne – notfalls auf gerichtlichem Wege. „Ich habe auch kein Problem, die Abberufungsklage plus einstweilige Verfügung in Auftrag zu geben oder vorzubereiten. Vielleicht sollte man das dem Herrn kommunizieren. Nach der Abberufung werde ich mich mit der gleichen Leidenschaft und Akribie seinem Ausschluss widmen.“

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Aufschlussreiches E-Mail

Am 8. Oktober, wenige Tage nach der Eröffnung, ist Hans Othmar S. bei Wexelerate dann Geschichte.

Am 13. Oktober gibt Eveline Steinberger-Kern dem Standard ein Interview. Darin wird sie behaupten: Sie sei keine Gesellschafterin und als leitendes Mitglied des Advisory Boards nicht in derartige Entscheidungen eingebunden.

Vielleicht sollte Eveline Steinberger-Kern noch einmal ihre E-Mails kontrollieren. Und nachsehen, ob sie am 6. Oktober, 8.31 Uhr, nicht doch – wie andere Wexelerate-Gesellschaftervertreter – eine Nachricht ihres Vertrauensanwalts Markus Singer erhalten hat.

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Eveline Steinberger-Kern, Markus Singer, Markus Wagner und Hans Othmar S. waren, trotz mehrmaliger Nachfrage, nicht zu einer Stellungnahme bereit. 

*Name und Orte von der Redaktion geändert

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