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Psychisch Kranker bekam Sterbehilfe: „Ich denke, dass er beeinflusst war“

2013 nahm ein 34-jähriger, körperlich gesunder, aber depressiver Kärntner in der Schweiz assistierten Suizid in Anspruch. Mitarbeiter einer Agentur, die dabei halfen, sollten Millionen erben. Ein Interessenkonflikt? Oder nur Selbstbestimmung? Wir haben das Leben und Sterben des Kärntners Rüdiger Struck nachgezeichnet.

26.11.2018
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Es ist der 25. März 2013. Im schweizerischen Lachen am Zürichsee sitzt der damals 34-jährige Rüdiger Struck in seiner Wohnung in der Feldstraße 2. Er wartet – buchstäblich – auf den Tod. Der körperlich gesunde junge Mann stammt aus Kärnten und wird in den nächsten Minuten eine letale Dosis Gift schlucken. Gift, das Mitarbeiter einer Organisation mitbringen werden, die sogenannte Freitodbegleitungen durchführt. Der Name der Organisation: Dignitas.

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Der assistierte Suizid, viele sagen auch Sterbehilfe dazu, ist in der Schweiz legal. Und wird auch Ausländern angeboten. Meistens handelt es sich um todkranke und schmerzgeplagte Menschen, die ihn nachfragen. Auf Rüdiger Struck trifft das nicht zu. Er ist – aus Laiensicht gesprochen – „nur“ depressiv, physisch jedoch gesund, aber zu diesem Zeitpunkt vermutlich medikamentenabhängig und: wohlhabend.

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Als Mittel der Wahl für Sterbehilfe hat sich das Barbiturat Natriumpentobarbital, kurz NaP, durchgesetzt. Es bewirkt ein rasches, vor allem aber schmerzloses Einschlafen. Anschließend tritt Herz- und Atemstillstand ein. Es kann durch Schlucken einer Lösung oder intravenös verabreicht werden und ist auch zum Einschläfern von Tieren in Gebrauch.

Unter dem allgemeinen Betriff der Sterbehilfe ist eine Reihe unterschiedlicher Vorgänge zusammengefasst.

Aktive Sterbehilfe: Auch als Tötung auf Verlangen bezeichnet. Dabei verursacht erst die bewusste Handlung eines Dritten den Tod eines Menschen. Nur in wenigen Ländern erlaubt, z.B. den Niederlanden.

Passive Sterbehilfe: Darunter versteht man den Verzicht auf lebenserhaltende Maßnahmen. Kann auch in Österreich durch eine vorher abgeschlossene Patientenverfügung vom Betroffenen angeordnet werden.

Assistierter Suizid: Der Patient muss selbst dazu in der Lage sein, sich zu töten, etwa den Hahn einer tödlichen Infusion zu öffnen oder ein tödliches Medikament zu schlucken. Bei der Vorbereitung dieses Akts kann er jedoch Hilfe in Anspruch nehmen – wie zum Beispiel in der Schweiz.

Einer seiner Ärzte schrieb von einer „kombinierten Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen Elementen“.

Weil ich jetzt sterben werde.
Rüdiger Struck im Telefonat mit seinem Anwalt

Struck greift in seiner Wohnung ein letztes Mal zum Hörer und wählt die Telefonnummer seines Rechtsanwalts. Der befindet sich 30 Minuten Autofahrt entfernt in seiner Zürcher Kanzlei gerade in einer wichtigen Besprechung. Auf Strucks Wunsch unterbricht er sie dennoch kurz. Es sei nämlich wichtig. Sehr wichtig, gibt Struck der Assistenz zu verstehen. „Ich habe Ihnen gerade ein Testament gefaxt“, sagt Struck dann zum Anwalt. Warum, will der Jurist wissen. „Weil ich jetzt sterben werde.“ Der schockierte Mann versucht Struck den Suizid auszureden, bestellt ihn in die Kanzlei.

In diesem Moment nimmt der Anwalt über den Telefonhörer wahr, dass am anderen Ende der Leitung offenbar die Türglocke zur Wohnung läutet. Struck sagt: „Nein, das geht nicht mehr, die Dignitas-Leute sind schon da.“ Er legt auf.

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Unter dem allgemeinen Betriff der Sterbehilfe ist eine Reihe unterschiedlicher Vorgänge zusammengefasst.

  • Aktive Sterbehilfe: Auch als Tötung auf Verlangen bezeichnet. Dabei verursacht erst die bewusste Handlung eines Dritten den Tod eines Menschen. Nur in wenigen Ländern erlaubt, z.B. den Niederlanden.
  • Passive Sterbehilfe: Darunter versteht man den Verzicht auf lebenserhaltende Maßnahmen. Kann auch in Österreich durch eine vorher abgeschlossene Patientenverfügung vom Betroffenen angeordnet werden.
  • Assistierter Suizid: Der Patient muss selbst dazu in der Lage sein, sich zu töten, etwa den Hahn einer tödlichen Infusion zu öffnen oder ein tödliches Medikament zu schlucken. Bei der Vorbereitung dieses Akts kann er jedoch Hilfe in Anspruch nehmen – wie zum Beispiel in der Schweiz.

Das sind die letzten Szenen, die aus dem kurzen Leben Rüdiger Strucks überliefert sind. Noch am selben Abend wurde sein Anwalt von der Polizei zur Identifizierung der Leiche in die Lachener Wohnung gerufen. Einen Tag später erfuhr die Familie des Verstorbenen davon. Die Behörden schließen den Fall später als einen von über 200 begleiteten Freitoden von Ausländern in diesem Jahr. Alle auf ihre Weise tragisch, aber unverdächtig.

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Mehr als fünf Jahre nach diesen Ereignissen stießen wir bei unseren Recherchen auf eine Reihe von Aussagen, Dokumente und Indizien, die einige Fragen aufwerfen. Die interessantesten:

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  • Warum taucht der Name des Gründers von Dignitas, Ludwig Minelli, in einem mehrere Millionen Euro schweren Testament (dem ersten von zweien) Strucks auf? Und zwar im Zusammenhang mit einem zweiten, von ihm geführten Verein, der Dignitas nahesteht. Minelli ist in der Schweiz und in Europa ein prominenter Sterbehilfe-Aktivist und Rechtsanwalt, der Struck laut einer ärztlichen Niederschrift bei der Regelung seines Nachlasses „beraten“ haben soll.
  • Wie kann man einen suizidwilligen, körperlich gesunden 34-Jährigen in einem Gutachten Handlungs-, Urteils- und Testierfähigkeit bescheinigen, obwohl dieser ärztlichen Gutachten zufolge dauerhaft einen ganzen Cocktail bestehend aus starken Psychopharmaka und Opioiden schluckt? Darunter Präparate, die – ausgerechnet – Suizidgedanken auslösen können.
  • Was kann es bedeuten, wenn Struck unmittelbar vor seinem Tod mit zittriger Hand niederschrieb: „Gierig wollte er alles für sich.“? Und damit einen Bekannten und Standeskollegen Minellis meinte, der für Struck einst den Nachlass regeln, dessen Verein jedoch gleichzeitig ebenso in Millionen-Euro-Höhe begünstigt werden sollte.

Wir haben Rüdiger Strucks Geschichte nachgezeichnet, trafen anklagende Hinterbliebene und Freunde in ganz Österreich, beschafften Dokumente, reisten in die Schweiz und sprachen mit den Suizid-Helfern des Vereins Dignitas, die bis heute auf die Ordnungsmäßigkeit des Falls und das ultimative Selbstbestimmungsrecht des Verstorbenen pochen. Unser Fazit: Strucks Ableben war ein Grenzgang. Für alle Beteiligten.

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Assistierter Suizid in der Schweiz

Die Schweiz ist weltweit das einzige Land, in dem der assistierte Suizid vergleichsweise einfach auch für Ausländer möglich ist. Dignitas deckt mit etwa 200 Freitodbegleitungen jährlich den größten Teil ab. Es folgen Eternal Spirit (etwa 80) und Ex International (50).

In der Regel verlangen diese Vereine, dass die Kandidaten Vereinsmitglieder sind, also jährlich eine kleine Gebühr bezahlen, um eine gewisse Grundstruktur finanzieren zu können.

Für eine Freitodbegleitung müssen anschließend die Urteilsfähigkeit sowie eine unheilbare Krankheit festgestellt werden. Bei psychisch Kranken ist ein psychiatrisches Gutachten zwingend nötig, das feststellen muss, dass der Todeswunsch kein unmittelbares Symptom der Erkrankung ist.

Auch Österreicher gehen für den Freitod in die Schweiz, zwischen drei und sieben im Jahr. Vor einigen Jahren stand in Kärnten ein Mann vor Gericht, der seiner an ALS erkrankten Frau geholfen hatte, für den Freitod in die Schweiz zu reisen. Ein Nachbar hatte ihn im Anschluss bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Im Prozess wurde er freigesprochen.

1978 in Innsbruck geboren, wuchs Struck in der kleinen Kärntner Gemeinde Guttaring (Bezirk St. Veit) in einer wohlhabenden Familie auf. Sein Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann aus Deutschland, verstarb früh und vermachte schon zu Lebzeiten der Familie ein beträchtliches Vermögen. Nach der Reifeprüfung begann der österreichisch-deutsche Doppelstaatsbürger Hans Rüdiger Carlo Struck, wie er mit vollem Namen hieß, in Graz Medizin zu studieren, brach jedoch ab und wechselte an den Wiener Standort der internationalen Webster University (Wirtschaft).

Dort begann auch seine „Psychiater-Karriere“. Der Grund dafür dürfte nach Angaben mehrerer Hinterbliebener seine immer stärker hervortretende Homosexualität gewesen sein. Das beschäftigte ihn. Genauso wie die anfängliche Fehldiagnose Hebephrenie.

Als Student in die Schweiz

Als er im Mai 2007 den Master of Business Administration (MBA) verliehen bekam, konsumierte er schon eine Reihe von Medikamenten, hatte bereits eine erste lebensgefährliche Tablettenvergiftung hinter sich.

Seinen Bezug zur Schweiz hatte Struck während seiner Auslandszeit an der Webster University in Genf hergestellt. 2008 offenbarte er schließlich seiner Mutter, dass er Vereinsmitglied bei Dignitas geworden war. Von seiner Wohnung am Zürichsee aus besuchte er eine Reihe von Psychiatern und Kliniken. Doch mit Zunahme des Medikamentenkonsums wurde der psychische Zustand des – bis auf die chronischen Rückenschmerzen – sonst gesunden jungen Mannes immer schlechter. Darf man so jemandem helfen, sich selbst zu töten?

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Mutter kritisiert Sterbehelfer

„Nein.“ Die Antwort kommt vom Birgitt Struck, Rüdigers Mutter. Nach Zwischenstationen auf Mallorca und Dubai lebt sie heute wieder in Guttaring in der Nähe von St. Veit in Kärnten. Nach dem von Dignitas unterstützten Suizid ihres Sohnes in der Schweiz ließ sie seinen Leichnam zurück nach Österreich holen. Dort ruht er heute keine 500 Meter von seinem Elternhaus entfernt auf dem Gemeindefriedhof.

Am Grab ihres Sohnes stehend erzählte uns Birgitt Struck, dass es „unwürdig“ sei, einem Menschen den Tod anzubieten, der sich zwar „phasenweise am Boden“ befinde, aber seine Freude am Leben an sich nicht verloren habe, denn: „Das war bei Rüdiger nicht der Fall. Er hat sehr wohl können.“ Und sie sagte noch mehr:

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Doch Rüdiger Strucks Freitod in seiner Wohnung am Zürichsee erzählt weit mehr als die Geschichte einer trauernden Mutter. Er erzählt auch von der Urangst jener, die Sterbehilfe kritisch gegenüberstehen. Was nämlich, wenn die, die finanziell vom Ableben eines Menschen profitieren, diesen (im Fall eines psychisch kranken, aber sonst gesunden jungen Mannes gilt dies besonders) leichtfertig bei seinem Vorhaben unterstützen?

Die Dokumente, die uns vorliegen, lassen einen breiten Raum für Interpretationen zu, werfen freilich auch ethische Fragen auf.

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Millionen für die Sterbehelfer

Da wäre zum Beispiel ein Testament, das Struck etwa ein Jahr vor seinem Freitod niedergeschrieben hat. In dem Dokument setzte er seine Familie, also Mutter und Bruder, auf den Pflichtteil und begünstigte mit dem Rest jene jeweils zur Hälfte, die ihn beim Freitod unterstützten: Die Schweizerische Gesellschaft für die Europäische Menschenrechtskonvention (SGEMKO) und den Zürcher Tierschutz.

Gründer der SGEMKO, die eng mit Dignitas verwoben ist und die sich dasselbe Postfach als Zustelladresse mit ihr teilt, ist: Ludwig Minelli.

Damaliger Präsident des ebenso begünstigten Zürcher Tierschutzes war ein befreundeter Rechtsanwalt von Ludwig Minelli, Hans H. Schmid. Struck schrieb sein Testament auf das persönliche Büropapier von Schmid, setzte diesen ebenso als seinen Willensvollstrecker ein. All das am 30. März 2012, also knapp ein Jahr vor seinem Suizid.

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Psychiater gab grünes Licht

Bei kritischer Betrachtung erscheint allein das interessant. Noch interessanter wird die Konstellation durch ein Gutachten des Psychiaters Ralph Kaiser. Kaiser ist einer von einer Handvoll Psychiater in der Schweiz, die die zwingend notwendigen Facharzt-Gutachten für Freitodbegleitungen psychisch Kranker durchführen. Da überrascht es auch nicht, dass Dignitas Struck an den Mediziner weitervermittelte. Seine Ordination befindet sich 50 Minuten Autofahrt von Rüdiger Strucks damaliger Wohnung entfernt.

Er war es, der seinem Patienten das Rezept für das tödliche Natriumpentobarbital (NAP) ausstellte. Er war es, der Struck in einer Art Freibrief für den Tod Handlungs-, Zurechnungs- und Testierfähigkeit bescheinigte. Und einen Tag bevor Struck jenes Testament aufsetzte, in dem er u.a. Ludwig Minelli und die SGEMKO begünstigte, folgenden Satz aus einem Gespräch mit ihm in sein Gutachten schrieb:

„Sein Geld, das ihm noch geblieben sei, möchte er Leuten in einer analogen Situation vermachen (ohne, dass dies seine Mutter wieder ändern könne, weshalb er diese Frage mit RA Minelli besprechen wolle).“

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Rechtsanwalt

Darunter versteht man eine Unterform der Schizophrenie. Symptome: Denkstörungen, Halluzinationen und Handlungen im Affekt.

Struck schreibt in dem Papier fälschlicherweise von der „schweizerischen Gesellschaft für die EMRK von Hr. Minelli“.

Die Mutter des Verstorbenen, Birgitt Struck, hat dieses Gutachten im Lauf der vergangenen Jahre wieder und wieder gelesen. Und sich ihre Meinung darüber gebildet, wie das erste Testament ihres Sohnes zustande gekommen sein könnte: „Ich denke, dass er sehr beeinflusst war.“

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Birgitt Struck spekuliert darüber, wie das erste Testament ihres Sohnes zustande kam.

Er, ihr Sohn Rüdiger, hat die Hintergründe der Geschichte mit ins Grab genommen. Doch Ludwig Minelli, Gründer und Generalsekretär von Dignitas und SGEMKO, kann nach wie vor dazu befragt werden. Dem 85-Jährigen eilt der Ruf voraus, nur dann Interviews zu geben, wenn es ihm und seiner Mission, der Legalisierung des assistierten Suizids auch außerhalb der Schweiz, nützt. Das erzählten uns Journalisten in der Schweiz.

Zwei schriftliche Anfragen und ein langes Telefonat später bot er uns dennoch einen persönlichen Termin in der Schweiz an. Vor der TV-Kamera. Für diese Recherche und unsere TV-Reportage06.

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Ich kann nicht beeinflussen, was der Psychiater in seinem Gutachten schreibt.
Ludwig Minelli

Minelli (auf dem Foto im Anzug in der Mitte) empfing das Addendum-Team im Besprechungsraum von Dignitas. Mit ihm stellte sich sein Vereinsleiter Silvan Luley unseren Fragen. In den bunten Aktenordnern hinter den Beiden sind Unterlagen von Vereinsmitgliedern, durchgeführten Freitodbegleitungen sowie Patientenverfügungen gesammelt.

„Ich kann nicht beeinflussen, was der Psychiater in seinem Gutachten schreibt. Ich weiß auch nicht, was Herr Struck dem Psychiater gegenüber gesagt hat“, argumentierte Minelli. Der ehemalige Spiegel– und TV-Journalist ist für seine Kritiker eine Reizfigur und für Anhänger eine Art liberaler Heiland. Uns trat er als freundlicher, erfahrener, kontrollierter, sehr belesener und auch humorvoller Vorkämpfer für die totale menschliche Selbstbestimmung gegenüber. Im geheimen Dignitas-Büro am Stadtrand von Zürich.

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Minelli liebt laut eigenen Angaben schwarzen Humor. Im Dignitas-Büro hängt folgendes Karikatur-Original an der Wand.

 

Nirgendwo am Gebäude sind Logos zu sehen. Es gibt nicht einmal ein Türschild. Zu oft, so der mit Minelli zum Interview02 erschienene Vereinsleiter Silvan Luley, seien an der alten, öffentlichen Adresse Todkranke am Empfang gestanden und hätten um Aufnahme in die „Sterbeklinik“ gebeten. Das wolle man am neuen Standort vermeiden. Deshalb bat man uns auch darum, keine Außenaufnahmen von dem Gebäude zu machen.

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Dignitas von Rechtmäßigkeit überzeugt

Dass Rüdiger Struck ihn, oder präziser, einen seiner Vereine mit einer hohen Erbschaft bedacht habe, habe er nicht gewusst und nun gewissermaßen von uns erfahren. Es sei nicht unüblich, dass es Probleme gäbe, wenn jemand mit seinen Angehörigen nicht im Reinen sei und in den Suizid gehe. Er selbst berate nicht in Erbschaftsangelegenheiten. Insgesamt sei er folgender Meinung: „Ich bin überzeugt davon, dass das richtig abgelaufen ist.“ Minellis vollständige Stellungnahme zu den Auffälligkeiten des Falls haben wir im folgenden Clip zusammengeschnitten:

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Doch Minellis Antworten werfen weitere Fragen auf. Der Anwalt, an den Minelli Struck nach eigenen Angaben für Erbrechtsangelegenheiten verwiesen haben will, war demnach Hans H. Schmid. Dieser wurde im ersten Testament als Nachlassverwalter bestimmt. Auf seinem Kanzleipapier wurde das Dokument verfasst. Und er war – Sie erinnern sich – damals Präsident des neben Minellis SGEMKO hauptbegünstigten Zürcher Tierschutzes.

Auch Minellis Behauptungen bezüglich des Testaments („Ich kenne es nicht.“, „Ich höre jetzt von Ihnen, dass eine Gesellschaft von mir bedacht wurde.“) sind unglaubwürdig. Spätestens zwei Monate nach Strucks Tod muss er davon erfahren haben. Damals nämlich, am 23. Mai 2013, informierte das zuständige Bezirksgericht alle potenziellen Erben. Uns liegt das entsprechende Dokument vor.

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Gierig wollte er alles für sich.
Rüdiger Struck am Tag seines Todes über seinen Nachlassverwalter

Denn letztlich war die Angelegenheit schwierig. Am Tag seines Todes schrieb Rüdiger Struck mit zittriger Hand ein zweites Testament. In dem Papier, das er kurz vor seinem Ableben seinem Anwalt faxte, entzog er Hans H. Schmid den Auftrag zur Nachlassverwaltung, weil sich dieser „nicht im Geringsten“ darum gekümmert habe, seine Familie zu enterben und seinen Hund zu versorgen. „Gierig“, schrieb Struck in Bezug auf Schmid, „wollte er alles für sich“.

Doch die SGEMKO (von Minelli) und der Zürcher Tierschutz (unter Präsident Hans H. Schmid) bestanden gegen die Familie von Struck und vor der Schweizer Justiz auf ihrem Millionenerbe.

Erfolglos. Am Ende einigte man sich mit Strucks Familie auf einen Vergleich. Die beiden Vereine mussten sich 100.000 Franken teilen (siehe folgendes Faksimile). Die Familie erhielt etwas mehr als eine halbe Million. Der Großteil ging entsprechend Rüdigers Wunsch an mildtätige Vereine.

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Die Auseinandersetzung am Kantonsgericht Schwyz offenbart bei Durchsicht der Akten noch ein weiteres, spannendes Detail. Uns gegenüber sagte Ludwig Minelli, dass die beiden von ihm gegründeten und geführten Organisationen, Dignitas und SGEMKO, unabhängig voneinander seien. In einem uns vorliegenden Schreiben ans Gericht argumentierte seine Anwältin jedoch diametral anders. Zitat: „Der Erblasser (Struck, Anm.) war der SGEMKO sehr verbunden. Sein Vertrauen in diese Gesellschaft war derart groß, dass er sich entschied, mit der Unterstützung dieser Organisation am 25. März 2013 aus dem Leben zu scheiden.“

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Wir haben Hans H. Schmid, damals Präsident des mit Ludwig Minellis SGEMKO hauptbegünstigten Zürcher Tierschutzes, damit konfrontiert und erreichten ihn in seiner Zürcher Wohnung. Trotz mehrfacher Nachfrage wollte er nicht dazu Stellung beziehen: „Dieser Fall ist für mich erledigt.”

Die eigene Familie sollte laut dem Text des zweiten Testaments enterbt werden. Das Verhältnis zu Rüdiger war angespannt. Insgesamt stand damals ein Vermögen von 4 Millionen Schweizer Franken (ca. 3,5 Millionen Euro) in bar zur Verfügung. Das zeigt ein Auszug von November 2012 in entsprechender Höhe. Folglich ging es um jeweils etwa 2 Millionen Schweizer Franken.

Kritik von Freunden der Familien

Während Strucks Freitodbegleiter aus der Schweiz und die dortigen Behörden keine Anhaltspunkte für Kritik sehen, ist das bei Freunden der Familie anders. Dazu gehören der Wiener Geschäftsmann Paul Tanos und die Rechtsanwältin Waltraud Künstl. Beide kannten Rüdiger Struck gut. Künstls Sohn war mit Struck befreundet, Tanos, heute selbstständig, einst Vorstand von Wienerberger und Aufsichtsratsvorsitzender von Palmers, hatte mit dem Verstorbenen kurz vor seinem Tod einen Autohandel in der Schweiz eröffnet und ihn einmal durch ein Telefonat vom Suizid bei Dignitas abgehalten.

Beide sind bis heute über die Vorkommnisse von damals empört. Künstl, die Rechtsanwältin, ist überzeugt davon, dass Struck in einer Krise steckte, die überwindbar war. Die genannte Firmengründung sowie der Kauf zweier Eigentumswohnungen könnten darauf hindeuten, dass Rüdiger Struck Pläne für die Zukunft hatte. Doch anstatt ihm zu helfen, habe man ihn in den Tod begleitet. „Ich hätte es als erforderlich gesehen, das der strafrechtlichen Untersuchung zuzuführen.“ Vor der Kamera beschrieb sie uns ihren Standpunkt ausführlich:

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Künstl bezweifelt in ihrem Interview mit uns also eines der Hauptargumente der Dignitas. Nämlich dass das psychiatrische Gutachten, das für Strucks Freigabe für den Freitod zwingend notwendig war, dem Stand der Forschung entsprach. Sie beruft sich dabei auf eine Bekannte, die US-Gerichtspsychiaterin Sylvia D. Askin. Deren Stellungnahme liegt uns vor, ebenso eine ausführliche Beurteilung des Suizid-Gutachtens durch den Psychiater und Primararzt Sigurd Hochfellner. Hochfellner kannte Struck persönlich, behandelte ihn eine Zeit lang.

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Der renommierte Nervenarzt weist in seinem 67 Seiten langen Schreiben auf eine Reihe von Widersprüchen und Fehlern hin, die Struck und der Dignitas letztlich den assistierten Suizid erst ermöglichten. Hochfellners dramatisches Fazit: „Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass bei entsprechend intensiver psychiatrisch-psychotherapeutischer Betreuung mit kurzfristiger Hospitalisierung in Krisenphasen Herr Rüdiger Struck heute noch leben würde.“

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Lesen Sie hier eine Auswahl kritischer Bemerkungen Hochfellners zum Freitod-Gutachten Ralph Kaisers:

• „In Absatz 2 der Seite 17 gibt Dr. Kaiser in krassem Gegensatz zum sehr ausführlichen und fachgerechten Arztbrief der Klinik Cliena Littenheid vom 13.05.2009 an, dass die chronisch rezidivierenden Depressionen „nie zum Abklingen gebracht werden konnten“ und führt als Argument für diese wider besseres Wissen aufgestellte Behauptung einen angeblichen älteren Suizidversuch im Jahre 2002 als Beweis an (jedenfalls erfolgt noch vor Beginn der kontinuierlichen ambulanten und zeitlich aufwändigen, einmaligen stationären Therapie).“

• „In Absatz 4 auf Seite 17 erweckt der Gutachter den Eindruck, dass eine komplexe kombinierte Persönlichkeitsstörung gewissermaßen nicht therapierbar sei (was in krassem Gegensatz zum derzeitgen Stand psychiatrsich psychotherapeutischen Wissens steht).“

• „Ebenso bezeichnet er die therapeutischen Möglichkeiten als äußerst beschränkt und ausgeschöpft (Anmerkung: Dies ist für Länder der Ersten Welt mit einer entwickelten psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung zweifelsohne vollkommen unrichtig).“

• „Aus den objektiv vorliegenden Fachbefunden ist eine chronische Suizidalität des Herrn Struck Rüdiger nicht ableitbar“

• „Bezeichnenderweise schreibt Herr Struck Rüdiger dieses Testament am Tag nach der Erstellung des psychiatrischen Selbstmordgutachtens Dr. Ralph Kaiser, in dem selbst der Gutachter Dr. Kaiser eine fast „fast schizotyp-psychotische Störung“ festhält, wobei aktuell psychotische Störungen sowie ein wie durch Dr. Kaiser selbst im aktuell psychopathologischen Befund festgehaltenes „paranoides Erleben“ nach internationalen Kriterien eine juridische Diskretions- und Dispositionsfähigkeit definitiv ausschließt.“

• „Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass bei entsprechend intensiver psychiatrisch- psychotherapeutischer Betreuung mit kurzfristiger Hospitalisierung in Krisenphasen Herr Rüdiger Struck heute noch leben würde.“

• „Aus fachärztlicher Sicht bestand zu allen drei Zeitpunkten keine Testierfähigkeit bedingt durch eine hochgradige psychosewertige Störung des Diskretions- des Urteils und des Dispositionsvermögens.“

Medikamente in großen Mengen

Darauf war Kaiser, der mit der positiven Beurteilung Strucks letztlich das grüne Licht für dessen Freitod gab, trotz vorhandener Informationen gar nicht ernsthaft eingegangen: Sein suizidwilliger Patient nahm eine Unzahl an Medikamenten, darunter ein Opioid mit starker Suchterzeugung und mehrere Psychopharmaka. Eines davon kann laut einer Information der US-Nahrungs- und Arzneimittelbehörde sogar Suizidgedanken auslösen. Strucks – nach eigenen Angaben – exzessiver Tablettenkonsum umfasste nach den vorliegenden Arztbriefen folgende Produkte (davon sieben gleichzeitig):

    • Risperdal (Neuroleptikum gegen Schizophrenie)
    • Ritalin (gegen Aufmerksamkeitsstörung)
    • Akineton (gegen mögliche Nebenwirkungen anderer Medikamente)
    • Seroquel (gegen mögliche bipolare Störung)
    • Concerta (gegen Aufmerksamkeitsstörung)
    • Remeron (Antidepressivum, kann Suizidgedanken auslösen)
    • Seroxat (Antidepressivum)
    • Lyrica (gegen Angststörung, kann Opioidentzug leichter machen)
    • Oxycodon (starkes Opioid für Schmerztherapie, starke Suchterzeugung)
    • Efexor (Antidepressivum)
    • Strattera (gegen Aufmerksamkeitsstörung, erhöhtes Suizidrisiko bei Kindern)
    • Extroxin (Schilddrüsen-Präparat)

Wir haben Ralph Kaiser mit der Kritik an seinem Gutachten über Rüdiger Struck konfrontiert. Er sagt: Er dürfe nicht antworten. Das Patientengeheimnis verbiete es ihm. Gleichzeitig übte er umgekehrt Kritik an Hochfellner. Ihm wirft er nämlich Bruch dieses Berufsgeheimnisses vor. Seine vollständige Antwort finden Sie hier.

Was bleibt also? Der verantwortliche Psychiater schweigt. Und jene, die ihm bei Planung und Durchführung des Suizids halfen, sagen: Ethisch und rechtlich sei am ganzen Prozess nichts auszusetzen gewesen.

Birgitt Struck, Rüdigers Mutter, kann das bis heute nicht verstehen:

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Sehr geehrter Herr Wetz

Besten Dank für Ihre Anfrage. Gerne antworte ich Ihnen wie folgt:

Als Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie habe ich, wie jeder andere Arzt auch, das Patientengeheimnis zu respektieren. Dieses gilt über dessen Tod hinaus. Somit darf ich mich nicht zum angesprochenen Fall äussern.

Es ist nicht unüblich, dass verschiedene Gutachter zu verschiedenen Ergebnissen gelangen. Dies ist in verschiedenen Fachbereichen der Fall. Dass aber ein Fachkollege das Patientengeheimnis missachtet – Sie erwähnen, dass er den Patienten gekannt und behandelt hatte –, in dem er Informationen daraus an Dritte trägt, und dies auch noch tut, ohne sich zuvor mit dem kritisierten Fachkollegen auszutauschen, zeigt meines Erachtens sowohl ein fragwürdiges Verständnis des kollegialen Berufsethos, wie auch ein Mangel an Respekt vor dem Patientengeheimnis, und damit auch vor dem Patienten. Ein solches Verhalten ist – milde ausgedrückt – unprofessionell und unseriös. Zudem zeugen die Aussagen des österreichischen Kollegen, so wie Sie diese mitteilen, von einer völligen Unkenntnis der schweizerischen Gesetzgebung und der hiesigen medizinischen Richtlinien bezüglich Sterbehilfe-Begleitung, sowie auch generell des Selbstbestimmungsrechts von Patienten. Die abschätzige und abstruse Bezeichnung „Selbstmordgutachten“ spricht Bände…

Mit freundlichen Grüssen

DR. MED. RALPH KAISER

Sie steht an seinem Grab in Guttaring und erinnert sich daran, dass die Verhältnisse innerhalb der Familie nicht immer die besten gewesen seien. Aber das passiere doch überall, erkläre nicht, was da geschehen sei. „Alleine hätte er das nicht gemacht.“ 

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Hilfe in Krisen

Für Menschen in Krisensituationen und deren Angehörige gibt es eine Reihe von Anlaufstellen. Unter www.suizid-praevention.gv.at findet man Notrufnummern und Erste Hilfe bei Suizidgedanken.

Telefonische Hilfe im Krisenfall gibt es auch bei:

● Telefonseelsorge 142, täglich, von 0 bis 24 Uhr.

Kriseninterventionszentrum 01/406 95 95 (Montag bis Freitag, 10–17 Uhr); auch persönliche und E-Mail-Beratung.

● Sozialpsychiatrischer Notdienst / PSD Täglich, 0 bis 24 Uhr, Tel.: 01/31330

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26.11.2018

Das Rechercheteam

Andreas Wetz
Projektleitung

Andreas Wetz mag Recherchen mit überraschenden Ergebnissen. Bei der Veröffentlichung halfen bisher „Kleine Zeitung“, „Kurier“ und „Die Presse“.

Mathias Dechant
Team Recherche

Mathias Dechant hat Rechtswissenschaften an der Universität Wien studiert. Danach Ausbildung zum Rechtsanwalt; Schwerpunkte in den Bereichen Zivilrecht, Corporate und M&A sowie IP. Er war seit den Anfängen des Studiums bis zuletzt in Wiener und Salzburger Wirtschaftskanzleien tätig.

Simone Egarter
Team Web-TV
Jane Hardy
Team TV
Ralph Janik
Team Recherche

Ralph Janik hat in Wien und Alcalá de Henares (Madrid) Rechtswissenschaften und Politikwissenschaft studiert. Danach Studium in internationalem Recht und Europarecht an der Universität Amsterdam. Beruflich unter anderem wissenschaftlicher Assistent an der Universität Amsterdam und an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Moritz Moser
Team Recherche
Hubertus J. Schwarz
Creative Director

Hubertus Schwarz ist seit 2007 in der Medienbranche tätig. Seine journalistische Laufbahn startete er beim ZDF-Auslandsstudio Südosteuropa. Über mehrere Stationen als Autor, unter anderem für den „Spiegel“ und „Die Zeit“ ging es 2015 zurück zum Fernsehen. Zuletzt war er bei ServusTV Redakteur für den „Talk im Hangar-7“.

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