loading...
Bild: Peter Mayr
Bild: Peter Mayr | Addendum
Kleines Lexikon der Dschihadistenkultur
4. Oktober 2017 Terrorismus Lesezeit 7 min
Terrorgruppen wie Al-Kaida und der „Islamische Staat“ folgen dem Gedanken des „salafistischen Dschihadismus“. Diese komplexe Ideologie lässt sich anhand von fünf zentralen und miteinander zusammenhängenden Begriffen erklären, die in Literatur, Popkultur und Rhetorik von Dschihadisten eine Sonderstellung einnehmen: Dschihad, Takfir, Al-Walā’ wa-l-barā, Tauhid und Hakimiyya.

Die fünf Begriffe, um die es hier geht, finden sich auch in der allgemeinen islamischen Tradition und Geschichte. Allerdings haben sie durch die Dschihadistenkultur einen maßgeblichen Bedeutungswandel erfahren. Islam-Debatten kreisen oft um Begriffsverwirrungen. Nicht immer ist klar, wer die Deutungshoheit hat.

0
Kommentare
Kommentieren

Dschihad

Kaum ein Begriff polarisiert im Zusammenhang mit dem Islam so stark wie jener des „Dschihad“. Rein sprachlich bedeutet er glaubensgerichtete Anstrengungen, im eigentlichen Sinne den bewaffneten Glaubenskampf.

Der Dschihad genießt einen zentralen Stellenwert in den Schriften und Reden von Gruppen wie Al-Kaida oder „Islamischer Staat“: Yusuf al-Ayeri, der erste Anführer von Al-Kaida in Saudi-Arabien, charakterisierte ihn als eines der Rituale, die traditionell den Kern des Islam bilden. Abū Mus’ab az-Zarqāwī, einer der führenden Köpfe im Kampf gegen die US-Okkupation im Irak, sprach von der Fortführung des Kampfes bis zum Tag des Jüngsten Gerichts, und der Salafistenkleriker Abu Qatada bezeichnet den Dschihad als „Identität des Muslims in seiner Existenz“.

Die Idee des „Heiligen Krieges“ lässt sich im Islam bis zur Wanderung Mohammeds nach Medina zurückverfolgen. Gemeint sind sowohl Defensivmaßnahmen – etwa der Kampf gegen fremde Invasoren wie die Besetzung des Irak durch die USA ab 2003 – als auch die Eroberung neuer Gebiete. Der Ursprung des globalen (salafistischen) Dschihadismus geht auf Abdallah Azzam zurück, der anlässlich der sowjetischen Invasion in Afghanistan die Pflicht eines jeden Muslims zum bewaffneten Kampf gegen ungläubige Usurpatoren formulierte.

Azzam machte den Dschihad zu einem Eckpfeiler des Glaubens, auf einer Stufe mit dem Fasten und dem Gebet. Dabei bezog er sich auch auf eine Aussage des geistigen Vordenkers der Muslimbrüder, Sayyid Qutb: „Wenn der Dschihad ein vorübergehendes Phänomen des Islam wäre, hätte der Bote Allahs nicht bis zum Tag des Jüngsten Gerichts die folgenden Worte zu jedem Muslim gesagt: ,Wer stirbt, ohne im Dschihad gekämpft oder sich dazu entschlossen zu haben, stirbt auf einem Zweig der Scheinheiligkeit.‘“

Der von Azzam formulierten Pflicht zum Dschihad folgten zahlreiche arabische Kämpfer (Mudschaheddin), bei ihrer Heimkehr wurde die Ideologie in den arabischen Raum gebracht: Fortan sollten vom Glauben abgefallene und dem Westen hörige Regimes ebenso bekämpft werden wie die USA und ihre Präsenz im Nahen und Mittleren Osten. Mit Osama bin Laden begann außerdem die Idee des Kampfs gegen den Westen als die Wurzel allen Leids in der islamischen Welt. Der Feind war nun also „der Westen“ mit dem globalen Staatensystem und all seinen Begleiterscheinungen – Völkerrecht, Bankenwesen, Entwicklungshilfe und internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen –, die als Werkzeuge des modernen Kolonialismus gesehen werden. Der „Islamische Staat“ hat diesen Kampf gegen den Westen und alles, was als „westlich“ gilt, fortgeführt. In seinen Propagandamagazinen finden sich dementsprechend stets Kampfansagen und Verweise auf den immerwährenden Dschihad:

„Wir werden nirgendwo anders von unserem Dschihad ruhen als unter den Olivenbäumen Roms.“

Dieser Satz steht auf jeder Titelseite des IS-Magazins „Rumiyah“ (arabisch für Rom – die Eroberung Roms hat einen zentralen Stellenwert in der Ideologie des „Islamischen Staats“).

0
Kommentare
Kommentieren

Der gedankliche Urvater des salafistischen Dschihadismus

Als gedanklicher Urvater des salafistischen Dschihadismus gilt Abu Muhammad al-Maqdisi. In den 1980er Jahren war er einer der Ersten, der die dabei zentralen Gedanken und Interpretationen formulierte. Damit beeinflusste er maßgebliche spätere Vertreter des Dschihadismus wie Abū Mus’ab az-Zarqāwī, den Gründer von Al-Kaida im Irak und gewissermaßen auch des „Islamischen Staats“ oder Turki al-Binali, den im Mai 2017 getöteten Chefideologen und Mufti des „Islamischen Staats“. Heute hat al-Maqdisi seinen Einfluss weitgehend verloren.

Takfir

Takfir bezeichnet den Vorgang, in Zuge dessen einem anderen Muslim oder einer ganze Gruppe erklärt wird, dass sie vom Glauben abgefallen ist (Apostasie).

Damit hängt auch die Definition des Ungläubigen – Kuffar – zusammen. Dhimmi, also vorwiegend Juden und Christen, haben als Angehörige der Religion des Buches und des Eingottglaubens bei Leistung einer eigenen Steuer einen eingeschränkten Rechtsstatus in der islamischen Gemeinschaft. Selbst der „Islamische Staat“ hielt sich an diesen Grundsatz und erklärte vollmundig, den in seinem Gebiet lebenden Christen ein Aufenthaltsrecht zu gewähren. Sie wurden vor die Wahl gestellt, zu konvertieren oder eine Sondersteuer zu zahlen – sollten sie sich weigern, drohte die Todesstrafe.

0
Kommentare
Kommentieren

Das Bildkonzept:

Für die Bebilderung unseres Projekts haben wir einen MAN TGL 8.18 12t Lastkraftwagen mit Kofferaufbau an prominenten Plätzen Österreichs festgehalten, da in letzter Zeit ähnliche Fahrzeugtypen als Waffen bei diversen Terroranschlägen in Europa verwendet wurden. Schließlich ist die Frage, die wir uns stellen: Müssen wir mit Terror leben lernen? Und zwar eben auch in Österreich. 

Das Bekenntnis zum Glauben alleine reicht jedenfalls nicht aus, um als Muslim zu gelten. Der Islam muss auch praktiziert und aktiv gelebt werden: Durch Gebet, Almosen, Fasten und die Pilgerfahrt. Im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche bestehen kaum (objektive) Formalitäten für den Ausschluss aus der Glaubensgemeinschaft. Dementsprechend kann Takfir als Druckmittel dienen, um (westlich orientierten) Reformern oder sonstigen verfeindeten Gruppen die (religiöse) Legitimität abzusprechen oder auch den Kampf gegen sie zu rechtfertigen. Der „Islamische Staat“ ist dabei besonders weit gegangen und hat selbst die gesamte schiitische Glaubensgemeinschaft zu Ungläubigen erklärt.

Umgekehrt gilt die fälschliche Anwendung von Takfir ihrerseits als Abfall vom Glauben, weswegen zahlreiche führende Kleriker in diesem Punkt zur Vorsicht aufrufen.

Eine zentrale Instanz besteht zu derartigen Fragen – wie allgemein für die Auslegung des Korans und des islamischen Rechts – jedenfalls nicht. Daher können umgekehrt auch Mitglieder des „Islamische Staats“ zu Ungläubigen erklärt werden.

0
Kommentare
Kommentieren

Müssen wir mit Terrorismus leben lernen?

Die wichtigsten Erkenntnisse: 

  • Es gibt bis heute keine einheitliche Terrorismusdefinition
  • Der „neue“ Terror ist brutaler als der „alte“ und zielt vor allem auf die Zivilbevölkerung
  • Der Westen hat mit seinen militärischen Interventionen viele Fehler gemacht
  • Der Staatsschutz glaubt, ohne Bundestrojaner blind zu sein
  • Wien kann von Tel Aviv lernen

Alle Artikel zum Projekt Terrorismus

Al-Walā‘ wa-l-barā

Dieses – äußerst vage formulierte – Konzept beschäftigt sich mit dem Verhalten von Muslimen und der höchstpersönlichen Pflicht, sich von Nichtmuslimen zu unterscheiden: Sei es durch die Kleidung, Begrüßungsformeln oder Feste, aber letztlich auch durch die Vermeidung von gemeinschaftlichem Handeln. Demgemäß überschneidet es mit jenem des Takfir. So soll die Gruppenzusammengehörigkeit gestärkt und der Verunreinigung des Glaubens durch fremde Lehren vorgebeugt werden. Seit Ende der sowjetischen Besetzung Afghanistans dient es als Instrument zur Mobilisierung von Gläubigen gegen ihre eigenen Regierungen.

Dementsprechend wird muslimische (Gruppen-)Identität und Loyalität der Mitglieder als Abgrenzung zum modernen Lebensstil und seinen Proponenten betont. Allianzen mit fremden und feindlichen Kulturen werden daher untersagt, Muslime sollen vielmehr unter sich bleiben und nur einander vertrauen. Wie auch bei Takfir kann Staaten beziehungsweise Regierungen (Saudi-Arabien aufgrund der Kooperation mit den USA) oder (bewaffneten) Gruppen auf Grundlage dieses Konzepts die Legitimität abgesprochen werden.

0
Kommentare
Kommentieren

Tauhid

Tauhid meint den Glauben an nur einen – allmächtigen – Gott, die bedeutsamste Säule des Islam. Der Eingottglaube erfüllt zwei Funktionen: Zum einen dient er als Grundlage für die Einigkeit unter Muslimen. Zum anderen wendet er sich gegen jegliches Risiko von Polytheismus und Götzendienst (Shirk).

Als politisches Mittel hat Tauhid nach den Anschlägen vom 11. September Bedeutung erlangt. Zum einen erklärte Osama bin Laden in einer seiner ersten Reden nach den Anschlägen, dass sein Verständnis von Tauhid einen Kampf mit den USA verlangt: Die Umsetzung von Tauhid sei wesensnotwendig mit der Herstellung des Glaubens selbst verwoben. Damit wendet es sich gegen die Anerkennung tyrannischer Regierungen wie jener Saudi-Arabiens und gegen politische Kompromisse mit Feinden. Daraus folgt letzten Endes auch die Verpflichtung zum bewaffneten Kampf: Dschihad bedeutet, die Essenz des Islam – den Glauben an Allah und Allah allein – praktisch umzusetzen.

0
Kommentare
Kommentieren

Hakimiyya

Das Konzept der Hakimiyya hat sich im Laufe der Jahre als ein Teilbereich vom Eingottglauben etabliert, indem Regierungsangelegenheiten zu einer religiösen Frage erhoben wurden. Hakimiyya ist die Antwort auf die Idee des Laizismus. Ihr zufolge herrschen Allah und sein Recht allumfassend, also auch in politischen Angelegenheiten. Im dschihadistischen Verständnis des Islam gibt es keine mit der biblischen Parole „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ vergleichbare Grundlage für eine Trennung zwischen Kirche und Staat. Indem Menschen zu Gesetzgebern gemacht werden und durch die Betonung der individuellen Freiheitsrechte des Einzelnen fördern Konzepte wie Laizismus, Säkularismus oder Demokratie den Polytheismus und Götzendienst.

In diesem Zusammenhang ist auch das von Sayyid Qutb geprägte Konzept der Dschāhilīya bedeutsam: Damit beschrieb er in seinem Buch „Milestones“ aus dem Jahr 1964 nicht nur den kapitalistischen Westen und den kommunistischen Osten, sondern auch die unterschiedlichen islamisch-geprägten Staaten (Qutb selbst wurde 1966 in Ägypten wegen der mutmaßlichen Teilnahme an einer Verschwörung gegen Nasser verurteilt und erhängt). Gemeint ist die gesellschaftliche Missachtung göttlicher Führung, die „auf der Rebellion gegen Gottes Herrschaft auf Erden fußt. Sie überträgt die größten Eigenschaften Gottes, nämlich die Herrschaft, auf den Menschen und macht manche Menschen zu Herrschern über andere […] sie beansprucht das Recht für sich, Werte zu bestimmen, Gesetze zum allgemeinen Zusammenleben zu verabschieden und über das eigene Leben zu bestimmen, ohne die Vorschriften Gottes zu beachten.“

Auf dem Grundgedanken Qutbs aufbauend, können Dschihadisten – zumindest in der Theorie – bei der Frage des richtigen Staatswesens keine Kompromisse eingehen. Außerdem folgt daraus die Notwendigkeit zu einem umfassenden und revolutionären – letztlich gewaltsam herbeigeführten – Wandel des jeweiligen Staats- und Gesellschaftssystems bis hin zur internationalen Staatengemeinschaft. Ebenjene Schritte, die der „Islamische Staat“ mit aller Konsequenz umgesetzt hat. 

0
Kommentare
Kommentieren
loading...