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Die Ideologien hinter dem Terror in Europa

Ein Rechtsextremist ermordete in Halle zwei Menschen. Zuvor scheiterte sein Anschlag auf eine jüdische Synagoge. Eine Datenanalayse zeigt, welche politischen Weltbilder hinter Attacken seit 1970 standen.

Daten
12.10.2019

Ein 27-Jähriger Rechtsextremist erschoss am Mittwoch zwei Menschen in der deutschen Großstadt Halle an der Saale.
Ein islamistischer Attentäter erstach vier Polizisten Anfang Oktober in Paris.
Die nationalistische „Neue IRA“ tötete im April eine Journalistin bei Auseinandersetzungen mit der Polizei.

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Drei Terroranschläge auf europäischem Boden, die Todesopfer zur Folge hatten, drei Ideologien. Die Weltanschauungen der Täter sind ein Abbild davon, welche Ideologien hinter den Anschlägen der vergangenen 48 Jahre standen. Denn aus einer Analyse von rund 6.400 Vorfällen der Global Terrorism Database lässt sich ablesen, welches weltanschauliche Fundament für die Taten vorherrschte. Es zeigt sich: Ethno-nationalistisch motivierter Terror war in Europa historisch für die meisten Todesopfer und Verletzten verantwortlich: Fast jedes zweite Terroropfer von den mehr als 27.000 Toten und Verletzten, die auf Anschläge seit 1970 zurückzuführen sind, geht auf Taten mit dieser Ideologie zurück.

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Über die Kategorisierung der Ideologien

Addendum hat die ideologischen Hintergründe aller Terrorgruppen, die in Europa Menschen verletzt und/oder getötet haben, recherchiert und in Kategorien eingeteilt. Die Kategorien entsprechen jenen von Rothenberger & Müller (2015), sind jedoch um rechtsgerichteten Terror erweitert.

  • Religiös: umfasst alle Terrorgruppen mit religiös fundamentalistischen Motivationen. Diese Form des Terrorismus ist in der Geschichte aller Weltreligionen zu finden, die aktuell gewalttätigste Form ist der islamistische Terror.
  • Ethno-nationalistisch: umfasst Terrorgruppen, die eine Minderheit oder eine unterdrückte Gruppe der Bevölkerung darstellen und deren Hauptziel ein eigener Staat oder eine andere Form politischer Autonomie ist. Da diese Gruppen oft die Bedeutung ihrer eigenen Kultur betonen, die sie durch Modernisierung, Migration oder den wachsenden Zentralstaat bedroht sehen, ist eine scharfe Trennung zu rechtsgerichtetem Terror teilweise schwer durchführbar.
  • Links: umfasst alle Terrorgruppen, die sich ausdrücklich oder implizit auf Karl Marx und historisch nachfolgende Ideologien berufen. Diese Gruppen wollen eine radikale Reformation politischer und sozialer Strukturen. Diese wollen sie durch bewaffneten Widerstand gegen Kapitalismus, Imperialismus und globale Ungleichheit durchsetzen.
  • Rechts: umfasst alle Gruppen, die ihre Herkunft und Kultur durch andere Bevölkerungsgruppen bedroht sehen und/oder ein faschistisches Gesellschaftsmodell mit Gewalt durchsetzen wollen. Zusätzlich werden in dieser Kategorie alle Vorfälle erfasst, deren Tätergruppen zwar unbekannt sind, sich jedoch gegen eindeutige Ziele wie Asylwerberheime richten.

Die Einteilung mancher Terrorgruppen in nur eine dieser Kategorien ist schwierig. Manche haben mehr als eine Motivation. Der „Islamische Staat“ ist zum Beispiel zwar hauptsächlich religiös motiviert. Er hat aber auch das Ziel eines eigenen Staates und könnte deshalb auch als ethno-nationalistisch bezeichnet werden. Ein weiterer schwieriger Fall ist Anders Behring Breivik, er bezieht sich in seinem Manifest vielfach auf die christliche Religion, verfolgt jedoch primär faschistische Ziele. In diesen Fällen wurde immer versucht, die Hauptmotivation der Terrorgruppen zu identifizieren, konkret wurde der „Islamische Staat“ als „religiös“ und Anders Behring Breivik als „rechts“ kategorisiert.

Eine wichtige Grundlage für die Einteilung waren die Dossiers des Terrorism Research & Analysis Consortium, das umfangreiche Berichte zu terroristischen Organisationen verfasst. Bei vielen Vorfällen ist nicht bekannt, wer für sie Verantwortung trägt bzw. eine klare Ideologie konnte nicht zugewiesen werden. Deshalb sind bei jedem sechsten Opfer die ideologischen Hintergründe des Täters unbekannt. Demnach stellen die angegebenen Werte für die weiteren Ideologien eine untere Grenze dar.

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Die bedeutendsten Gruppen für diese Bilanz sind unter den Kürzeln IRA und ETA bekannt: die Irisch-Republikanische Armee verübte in Nordirland Anschläge, „Euskadi Ta Askatasuna“ im Nordosten Spaniens. Sie drängten mit terroristischen Mitteln auf die Unabhängigkeit ihrer Region. In den jüngsten 15 Jahren haben aber die Anschläge islamistischer Organisationen und Gruppen die Nationalisten als Hauptakteur abgelöst.

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Die Terrorwellen des Islamischen Staates forderten 2015 und 2016 in Belgien, Frankreich und Deutschland noch hunderte Opfer. 2017 reduzierte sich die Gesamtzahl der Anschläge mit Toten und Verletzten, 2018 flacht die Opferzahl dann deutlich ab. Die Forscher der Universität Maryland (USA) zählten in ihrer Datenbank insgesamt 135 Tote bzw. Verletzte. Jedes zweite Opfer ist einer religiösen Gruppe oder einem Einzeltäter zuzuschreiben, einer von zehn einer rechtsextremen, faschistischen Ideologie, wie sie auch der Täter des Angriffs auf die Synagoge in Halle verfolgt.

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Opfer rechtsextremer Anschläge

Die Zahl der Toten und Verletzten durch rechtsextremistische Attentate in Europa tendenziell rückläufig. Insgesamt können Tätern mit rechtsextremer, faschistischer Ideologie in Europa seit 1970 zumindest 2.300 Opfer zugerechnet werden – 400 Tote, 1.900 Verletzte. Das jüngsten, blutigsten Anschlag verübte 2011 Anders Breivik, der dem 27-Jährigen deutschen Attentäter ebenso als Vorbild gelten soll wie der Attentäter von Christchurch, Neuseeland.

Rechtsextreme Terroranschläge

Rechtsextreme Anschläge mit der höchsten Zahl an verletzten bzw. getöteten Personen von 1970 bis 2018 in Europa. Je größer der Punkt, desto mehr Opfer forderte der Anschlag. 

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Geografisch betrachtet geschahen Anschläge mit rechtsextremer Täterschaft in den vergangenen fünf Jahrzehnten also vor allem in Deutschland. Das Oktoberfest-Attentat in München im Jahr 1980 zählt mit zwölf Toten und mehr als 200 Verletzten zum schwersten Terrorakt Deutschlands seit 1940. Gundolf Köhler, Anhänger einer neonazistischen Wehrsportgruppe, gilt als mutmaßlicher Einzeltäter des Vorfalls. Zudem gab es bei rassistisch motivierten Ausschreitungen in Rostock 1992 dutzende Verletzte – die meisten davon waren Polizisten.

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In Österreich sind Anschläge, die eindeutig mit rechtsextremer Ideologie in Verbindung gebracht werden können, gemäß der Global Terrorism Database vergleichsweise selten: Bei der Bombenserie von Franz Fuchs starben 1995 vier Roma in Oberwart. Bei seinen völkischen, rassistischen Attentaten mit Brief- und Rohrbomben sind zudem 15 Menschen zum Teil schwer verletzt worden. 

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Methodik

Über die Datenquelle
Die primäre Datenquelle dieses Artikels ist die Global Terrorism Database (GTD). Die GTD ist eine öffentlich zugängliche Datenbank über weltweite terroristische Vorfälle von 1970 bis 2018. Sie wird vom National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START) und der University of Maryland erhoben und ist eine der wichtigsten Quellen der akademischen Terrorforschung.

Wann kommt ein Vorfall in die Datenbank?

Dafür müssen drei Kriterien erfüllt sein:

  • Die Gewalt muss von einem nichtstaatlichen Akteur ausgehen.
  • Dieser wendet Gewalt vorsätzlich gegenüber Objekten oder Menschen an.
  • Der Akteur will mit seinem Handeln politische, religiöse oder soziale Ziele erreichen.

Wie werden die Daten gesammelt?
Die Forscher filtern computergestützt aus mehr als einer Million Medienberichten jene heraus, die terroristische Angriffe thematisieren. Danach bleiben etwa 400.000 Artikel pro Monat, die analysiert werden müssen. Mithilfe von Natural Language Processing und Machine Learning werden die Ergebnisse weiter verfeinert. Die verbleibenden 16.000 Artikel pro Monat werden von GTD-Forschern begutachtet und in die Datenbank eingepflegt.

Was sind die Schwächen der Datenbank?
Vor 2011 hatten die Wissenschaftler kein ausgefeiltes System, um alle potenziellen Ereignisse zu sammeln. Demnach ist die Zahl der Anschläge vor diesem Zeitpunkt tendenziell höher als angegeben. Das Jahr 1993 ist nicht in der Datenbank erfasst.

 

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12.10.2019

Das Rechercheteam

Gerald Gartner

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

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