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Kann Trump überhaupt zum ökonomischen Nationalismus zurückkehren?

Die US-Industrie zerbröckelt, und Donald Trump verspricht eine Lösung: Protektionismus soll zum Erstarken der Wirtschaft führen. Wird das Arbeitsplätze in den USA retten und sie bei uns gefährden? Warum lieben Ökonomen den Freihandel eigentlich so, und was spricht gegen ihn?

20.01.2018
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Wurde Donald Trump mehrheitlich von Menschen aus niedrigen Einkommensschichten gewählt? Die korrekte Antwort auf diese Frage ist seit geraumer Zeit Gegenstand einer medialen Debatte. Zu Beginn war das eine gängige Erklärung für seinen überraschenden Wahlerfolg, inzwischen sprechen viele von einem Mythos. Fest steht, dass Trump der Arbeiterschicht im Wahlkampf ein wesentliches Versprechen gemacht hat: die Rückkehr der Jobs in die US-Industrie. Denn alles andere als ein Mythos ist der Abstieg des verarbeitenden Gewerbes in den USA. Die letzten beiden wirtschaftlichen Krisen gingen dort mit starken Einbrüchen in der Beschäftigung einher – Arbeitsplätze, die nie wieder zurückgekommen sind.

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Die Hauptschuldigen sind laut Trump vor allem Deutschland und China, die sich unfairer Tricks bedienten07, um den Freihandel für ihre Zwecke zu missbrauchen. Verbrauchs- und Konsumgüter werden aus China importiert, um den hohen Konsum der Bevölkerung zu befriedigen. Teure Investitionsgüter wie Maschinen beschaffen sich US-Unternehmer aus Deutschland.

Zölle & Subventionen

Als Lösung verspricht der US-Präsident eine protektionistisch ausgerichtete Wirtschaftspolitik und damit Zölle, Einfuhrbeschränkungen und Exportsubventionen. Bisher beschränken sich seine Schritte auf die Aufkündigung von Gesprächen über Freihandelsverträge wie TPP. Der Präsident, so das Wording, könne einen besseren Deal herausholen. Ob tatsächlich härtere Maßnahmen wie Zölle auf deutsche Autos, Einfuhrbeschränkungen oder Exportsubventionen kommen, hängt von seiner Durchsetzungsfähigkeit gegenüber seinen republikanischen Kollegen ab. Denn derartige Maßnahmen würden mit der politischen Orthodoxie brechen: Jahrzehntelang waren die USA Vorreiter im Abbau von Handelsbarrieren und im Initiieren von Freihandelsverträgen. Sowohl die führenden Republikaner als auch die Demokraten haben sie – mit kleineren Ausnahmen – mitgetragen.

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Ökonomen und der Freihandel

War die Gegnerschaft zum Freihandel unter den Merkantilisten bis ins 18. Jahrhundert noch gang und gäbe, so hat sich das Blatt in der Zwischenzeit gewendet. Tatsächlich genießt der Abbau von Handelsbarrieren unter Ökonomen eine Zustimmung, wie sie sonst in fast keinem Bereich des Fachs zustande kommt. Das mag angesichts breiterer Ablehnung in weiten Teilen der Bevölkerung – etwa gegen TTIP und CETA – verwundern.

Die gängige Argumentationslinie für den Freihandel verläuft entlang von Effizienzüberlegungen, ähnlich jener für Automatisierung und technologischen Fortschritt. Tatsächlich ist die oben abgebildete Grafik eine Versinnbildlichung der von Ökonomen kaum noch unterscheidbaren Effekte von Globalisierung und Automatisierung. Während der Wert der produzierten Güter im langfristigen Trend noch immer nach oben zeigt, ist das Beschäftigungsausmaß rapide zurückgegangen. Zum einen durch bessere Maschinen, zum anderen durch die global erhöhte Arbeitsteilung. Unternehmen, die international nicht konkurrieren konnten, sind aus dem Markt ausgeschieden. Die im Wettbewerb verbliebenen Firmen weisen eine wesentlich höhere Arbeitsproduktivität auf und sind innerhalb von langen Wertschöpfungsketten auf kleinere Nischen spezialisiert. Weltweit gesehen kann so mit dem Einsatz von weniger Arbeitsressourcen mehr Wert erzeugt werden.

Verlierer: Die Industriearbeiter

Die Benachteiligten in diesem Prozess sind die Menschen, deren Arbeitsplätze verloren gehen – in diesem Fall die amerikanischen Industriearbeiter. Sie werden häufig als „Modernisierungsverlierer“ bezeichnet. Ein guter Teil der Diskussion dreht sich deshalb darum, wie auch diese am gesteigerten Wohlstand beteiligt werden können – und wie langfristig sichergestellt werden kann, dass Arbeitnehmer jene Fähigkeiten erwerben, die in der moderneren Arbeitswelt nachgefragt werden. Der Rückzug in den Protektionismus ist Trumps Versuch, den „Modernisierungsverlierern“ unter die Arme zu greifen.

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Protektionismus als Industrialisierungsstrategie

Von Entwicklungsökonomen wird oft hervorgehoben, dass protektionistische Maßnahmen wichtiger Bestandteil für die gezielte Industrialisierung eines Landes sein können. Ein Beispiel dafür wäre Südkorea, das lange Zeit durch staatliche Interventionen zunächst für eine international wettbewerbsfähige Wirtschaft gesorgt und erst anschließend von Exportsubventionen und Zöllen Abstand genommen hat. Heute zählt es zu den höchstentwickelten Ländern der Welt.

Re-Industrialisierung

Nicht selten wird den Befürwortern des Freihandels auch die Tatsache entgegengehalten, dass keiner der heutigen hochentwickelten Staaten seine Industrialisierung in einer Phase ohne Handelsbarrieren durchgemacht hat. Der Abbau von Zöllen fand im Wesentlichen im 20. Jahrhundert statt – lange nach dem wirtschaftlichen Aufstieg der Ersten Welt und der Vision liberaler Ökonomen. Ein ähnlicher Gedanke steckt hinter der wirtschaftspolitischen Ausrichtung von Trump: die US-Industrie durch staatlichen Schutz mittels Handelsbarrieren wieder auf Vordermann bringen. Eine Re-Industrialisierung sozusagen.

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Kommen die Arbeitsplätze wieder?

Aus dieser Perspektive betrachtet scheint es nicht unrealistisch, dass langfristig wieder mehr industrielle Produktion in den USA über protektionistische Maßnahmen aufgebaut werden kann. Allerdings stehen dem auch viele Bedenken entgegen. Es ist ziemlich unumstritten, dass Konsumenten und Unternehmer in den USA, je nach Ausmaß der protektionistischen Maßnahmen, zunächst mit höheren Preisen konfrontiert wären. Die US-Firmen würden durch verteuerte Zukäufe stark unter Druck geraten. Die globale und nationale Wirtschaft ist heute so stark verflochten wie nie zuvor, und Produktionsprozesse sind in hohem Maße arbeitsteilig. Verteuerte intermediäre Güter würden daher entlang aller Wertschöpfungsketten auch zu Verlusten von Arbeitsplätzen führen. Sollte längerfristig wieder mehr Produktion im industriellen Sektor geschaffen werden, dann also nur zu einem hohen Preis. Die Herstellung der meisten Güter ist nun einmal in den USA um einiges teurer als in China. Hier sorgt die höhere Produktivität in den USA nur bedingt für eine Abschwächung.

Abstieg und Aufstieg

Umgekehrt könnte sie der Schaffung von Arbeitsplätzen für geringer qualifizierte Arbeitnehmer sogar im Weg stehen. Die Anforderungen an einen Industriearbeiter in den USA haben sich mit den verbesserten Produktionstechnologien in den letzten Jahrzehnten drastisch geändert. Der damalige „blue collar worker“ muss heute wesentlich mehr Fähigkeiten besitzen. Handelsbarrieren werden an diesem technologischen Wandel nichts ändern. „The clock cannot be turned back“ – so drückt es der Wirtschaftswissenschaftler Douglas A. Irwin aus. Darüber hinaus muss man sich die Frage stellen, ob ein derartig reicher Staat eine Rückkehr zur Industrie überhaupt nötig hat. Denn in Wirklichkeit geht es der US-Wirtschaft recht gut. Die Beschäftigung abseits des verarbeitenden Gewerbes ist im langfristigen Trend gestiegen. Dies verdeutlicht die Entwicklung der USA vom Industrie- zum Dienstleistungsstaat. Dem Abstieg der einen steht also der Aufstieg der anderen entgegen.

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Konsequenzen für Österreich und Deutschland

Zwar geht nur in etwa ein Zehntel der gesamten deutschen Exporte in die USA, das täuscht aber ein weiteres Mal über die Tatsache hinweg, wie verflochten heutige Produktionsprozesse sind. So würden Zölle in den USA nicht nur der deutschen Exportwirtschaft, sondern auch der gesamten deutschen Industrie und in weiterer Folge der österreichischen schaden. Grundsätzlich werden sich die Auswirkungen aber in Grenzen halten, sollten andere Staaten den Weg von Donald Trump nicht mitgehen. Denn die größeren Befürchtungen liegen im Ausbruch eines globalen „Handelskriegs“. Man wird daher die Reaktion der großen Industriestaaten abwarten müssen.  

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20.01.2018

Das Rechercheteam

Jane Hardy
Team TV
Ralph Janik
Projektleitung

Ralph Janik hat in Wien und Alcalá de Henares (Madrid) Rechtswissenschaften und Politikwissenschaft studiert. Danach Studium in internationalem Recht und Europarecht an der Universität Amsterdam. Beruflich unter anderem wissenschaftlicher Assistent an der Universität Amsterdam und an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Dennis Meyer
Team TV

Dennis Meyer glaubt an die Macht der Bilder und des Wortes. Der Kulturwissenschaftler wurde also Fernsehjournalist. Nach Stationen beim ZDF und bei Spiegel TV zog der Hamburger nach Salzburg. Zunächst arbeitete er als freier Autor und Gestalter, dann in der Redaktion von „Talk im Hangar-7“. Jetzt widmet er sich Reportagen und Dokumentationen über Themen, die bewegen.

Michael Mayrhofer
Team Social Media

Michael Mayrhofer hat an der Universität Wien Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre studiert. Während verschiedener Praktika im Journalismus bei Puls4 und ORF entdeckte er seine Liebe zum Social-Media-Journalismus. Die Menschen mit Information zu verführen – das ist sein Motto. Nebenbei war er auch Teil des Interview-Podcasts „Was soll das?“. Zuletzt war er freier Mitarbeiter im Social-Media-Team der Zeit im Bild.

Lukas Schmoigl
Team Experten

Lukas Schmoigl hat Volkswirtschaft und Statistik an der Wirtschaftsuniversität und an der Universität Wien studiert. Seine Expertise liegt auf dem Gebiet der quantitativen empirischen Forschung und Datenanalyse. Neben dem Studium war er in den vergangenen Jahren in der Abteilung IT-SERVICES an der WU tätig.

Andreas Wetz
Team Investigative Recherche

Andreas Wetz mag Recherchen mit überraschenden Ergebnissen. Bei der Veröffentlichung halfen bisher „Kleine Zeitung“, „Kurier“ und „Die Presse“.

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