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„ERDOĞAN, ERDOĞAN! Wir stehen hinter unserem Präsidenten.“
21. Juni 2018 Türken in Österreich Lesezeit 4 min
Für „Im Kontext – Die Reportage“ ist Benedikt Morak nach Bosnien gereist, um bei einem Wahlkampfauftritt des türkischen Präsidenten dabei zu sein. Hier berichtet er über seine Erfahrungen.

19.5.2018

Flughafen Wien-Schwechat

Zusammen mit meinem Kamerateam warte ich auf den Abflug nach Sarajevo zum einzigen europäischen Wahlkampfauftritt von Recep Tayyip Erdoğan. Ich erkunde die Lage und hoffe, auf Erdoğan-Schlachtenbummler mit Fahnen, T-Shirts und Schals zu treffen, doch meine Suche ist vergeblich. Erst bei genauerem Hinsehen fallen mir einige Männer um die 40 in Anzügen auf. Sie unterhalten sich angeregt auf Türkisch und Deutsch. An ihrem Revers erkenne ich in Rot gehaltene Anstecker mit Halbmond und Stern. Da sind sie also, die Erdoğan-Fans.

Ich überlege, gleich hinzugehen, um sie anzusprechen, doch die Stimme aus dem Mikrofon übertönt meinen Übermut: „Ich bitte alle Passagiere für den Flug OS757, sich zum Boarding bereit zu machen.“

Im Flugzeug hat mein Kameramann das Glück, neben einer Gruppe junger Erdoğan-Fans zu sitzen. Er erfährt, dass in der Maschine auch Fatih Zingal sitzt, der Pressesprecher des Vereins UETD Deutschland (Union Europäisch-Türkischer Demokraten). Wenn man unseren Medien glauben darf, ist dieser Verein der verlängerte Arm der AKP, der Partei von Präsident Erdoğan.

Nach der Landung spreche ich den höflichen Mann gleich an, und wir tauschen unsere Kontaktdaten aus, um am späteren Nachmittag ein Interview zu führen.

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Sarajevo

In Sarajevo angekommen, fahren das Kamerateam und ich in unser Hotel. Das Erste, was mir auffällt: die durchlöcherten Wohnblöcke. Einschusslöcher. Eine traurige Erinnerung an den Bosnienkrieg. Obwohl der schon mehr als 20 Jahre vorüber ist, ist er allgegenwärtig.

Einige Zeit später, nach einem kurzen Aufenthalt im Hotel, treffen wir in der Innenstadt von Sarajevo ein. Türkische Fahnen an jedem Eck. Bilder des türkischen Präsidenten. Die Stadt ist voller Menschen. Zwischen den zahlreichen Kirchen, Moscheen und basarartigen Geschäften und Lokalen herrscht aufgeregte Stimmung.

Wenn man den Menschen auf der Straße zuhört, fühlt man sich eher an Köln oder Frankfurt erinnert als an eine orientalisch-europäische Stadt, denn es wird Hochdeutsch gesprochen. Ich als Österreicher habe also kein Problem, mich zu verständigen.

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„Wir sind stolz zu sagen, wir sind Türken“

Vor der Gazi-Husrev-Beg-Moschee, der wahrscheinlich bedeutendsten muslimischen Pilgerstätte in Sarajevo, sammeln sich die Besucher. Hier wird gebetet, und man tauscht die neuesten Nachrichten aus der österreichischen und deutschen Heimat aus.

Dort treffe ich Fatih Zingal wieder, inmitten einer Menschentraube. Mitten unter seinen Fans wirkt er fast wie ein Popstar. Es werden Selfies mit ihm gemacht, und man gratuliert ihm. Mehrheitlich auf Deutsch. „Es ist wie ein Volksfest, wenn unser Präsident auftritt. Bei den Menschen herrscht richtige Partylaune“, meint der UETD-Sprecher.

Ich erkundige mich bei den Besuchern, was sie an Erdoğan so fasziniert: „Wir gehen jetzt erhobenen Hauptes durch die Straßen. Wir sind stolz zu sagen, wir sind Türken.“

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20.5.2018 Der große Auftritt

9 Uhr, Abfahrt vom Hotel. Als der Taxifahrer unser Kameraequipment sieht, ist ihm klar, wohin unsere Fahrt geht. Er führt uns direkt zum Olympiastadion von Sarajevo. Schon bei der Taxifahrt fällt auf: Die Menschen sind im Erdoğan-Fieber. Flaggen, T-Shirts und Schals, man fühlt sich eher an ein Fußballspiel erinnert als an eine politische Wahlveranstaltung. Hier sind sie also, die Schlachtenbummler. Als wir ankommen, hören wir auch schon die ersten Schlachtgesänge: „ERDOĞAN, ERDOĞAN!“

Die Stimmung ist ausgelassen, und die meisten sind uns freundlich gesinnt. Woher kommt ihr? Für welchen Fernsehsender filmt ihr? Ich versuche alle Fragen höflich zu beantworten. Dennoch spürt man eine gewisse Skepsis, die uns entgegengebracht wird. Manche machen kein Hehl daraus, dass wir hier nicht erwünscht sind. „Ihr berichtet sowieso nur schlecht über unseren Präsidenten“ oder „Lügenpresse“ sind nur einige der Phrasen, die wir hören. Genau die gleichen Schlagwörter und Sätze habe ich bereits auf Veranstaltungen einer österreichischen Partei gehört, als wir dort filmten ­– der FPÖ.

Gibt es also vielleicht mehr Ähnlichkeiten zwischen der AKP und der FPÖ, als den beiden lieb ist?

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Bild: Benedikt Morak
Bild: Benedikt Morak

50 Busse aus Österreich

Endlich kommen die Austrotürken, auf die ich gewartet habe. Laut meinen Informationen haben sich mehr als 50 Busse aus Österreich angekündigt. Die meisten haben eine Fahrt von mehr als 20 Stunden in Kauf genommen. Sie machen lautstark auf sich aufmerksam. „ERDOĞAN, ERDOĞAN!“, schreien die vorwiegend jungen Türken und Türkinnen. Während eines Interviews schreit plötzlich eine Türkin aus Wörgl in tiefstem Tirolerisch: „Wir stehen hinter unserem Präsidenten und werden ihn bis zum Tod respektieren.“ Ich bin verstört.

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In der Halle ist die Stimmung unterdessen am Kochen. Kinder, Erwachsene, junge Türken und Türkinnen, sie alle warten auf ihren Präsidenten. Immer wieder wird die Recep-Tayyip-Erdoğan-Hymne eingespielt. Am Schluss hätte sogar ich schon mitsingen können.

Dann ist es endlich so weit: Der Präsident tritt auf. Die Musik ist ohrenbetäubend, der Moderator der Erdoğan-Show überschlägt sich vor Begeisterung, die Menge tobt. Tausende Fahnen begrüßen den im Westen so angefeindeten Politiker. Einige der Besucher weinen sogar vor lauter Rührung beim Anblick ihres Präsidenten.

Ich kann die Aufregung um den eher blass wirkenden Politiker nicht nachvollziehen, bin aber wohl nicht das Zielpublikum.

Nach einigen Stunden ist alles vorbei. Die türkischen Fahnen werden zusammengerollt, die roten Schals und T-Shirts mit Halbmond verpackt, und für die meisten geht es mit ihren Bussen wieder retour nach Hause. Nach Österreich und Deutschland. 

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