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Säkulare Religion auf Türkisch

Obwohl die Türkei ein säkularer Staat ist, in dem Religionsfreiheit herrscht, regelt eine staatliche Behörde den Religionsunterricht, die Ausbildung von Imamen und die politische Richtung der Religion. Sie hat auch großen Einfluss auf im Ausland lebende Türken.

26.06.2018
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  • Trotz offizieller Trennung von Kirche und Staat bestimmt die staatliche Religionsbehörde Diyanet, wie Religion gelebt wird
  • Ein eigener TV-Sender und Radiostationen prägen türkische Communitys im Ausland
  • Wie viele Botschafter Diyanet international hat, ist nicht bekannt

Offiziell ist die Türkei seit 1924 ein säkulares Land, in dem also die Trennung von Staat und Kirche gilt. Doch schon 1927 wurde die Religionsbehörde Diyanet geschaffen, mittlerweile untersteht sie direkt dem Pendant zum Bundeskanzler in Österreich. Dieses Direktorat für religiöse Angelegenheiten, wie die Diyanet vollständig heißt, verwaltet Moscheen, bildet Imame aus, kümmert sich um den Erhalt von Klöstern und um die Inhalte von religiösen Schulbüchern. Die Diyanet bestimmt also, auf welche Art Religion in der Türkei gelebt und interpretiert wird. Allerdings nicht nur in der Türkei.

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Einerseits gibt es die Möglichkeit, über die Ausbildung von Imamen Einfluss auf die Religionspraxis in anderen Ländern zu nehmen. So können Diyanet-Imame in anderen Ländern die Inhalte, die die türkische Religionsbehörde ihnen auf den Weg gegeben hat, auch im Ausland verbreiten. Bis 2015 war es aufgrund eines zwischenstaatlichen Sondervertrags erlaubt, dass Imame in Österreich für ihre Tätigkeit in islamischen Glaubensgemeinden ihr Gehalt von der Diyanet bekommen. Das betraf hauptsächlich die Imame des Vereins ATIB05, der Verein ist sozusagen die offizielle Vereinsvertretung von Türken in Österreich. ATIB durfte daher Imame der Diyanet sozusagen ausborgen, diese waren weiterhin Staatsbedienstete der Türkei. Wie säkular staatlich verbeamtete Imame – also islamische Priester – sind, ist dabei eine andere Frage.

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Türkische Staatsbeamte als österreichische Religionsführer

In Österreich wurde diese Praxis mit dem Islamgesetz 2015 als Auslandsfinanzierung verboten. ATIB gab nach der angekündigten Ausweisung von rund 40 Imamen Anfang Juni zu, dass einige Imame des Vereins auch drei Jahre nach der Reform ihr Gehalt vom türkischen Staat bezogen. Mit dem staatlichen Gehalt standen die Imame im Dienst des türkischen Staates.

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Denn die Aufgabe der Diyanet ist laut Eigendefinition nicht nur die religiöse Erziehung und Ausbildung von türkischen Bürgern und Emigranten, sie schafft auch eine nationale Einheit, die über die Religion ausgelebt wird. So kann der türkische Islam, der von der Diyanet gestaltet wird, nationalistisch genutzt werden, um ausländische Communitys im türkischen Sinne zu prägen. Dafür stehen auch ein eigener Diyanet-Fernsehsender und drei Radiostationen zur Verfügung.

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Einfluss über Kulturzentren

Die Diyanet hat weltweit in vielen Botschaften Religionsattachés, also eigene Botschaftsmitarbeiter, die im jeweiligen Land für die religiöse Unterweisung der türkisch(stämmig)en Bevölkerung zur Verfügung stehen. Im Gegensatz zu den Kulturzentren der türkischen Regierung ist die weltweite Anzahl dieser Botschafterattachés nicht bekannt.

Zur Einordnung: Es gibt weltweit mehr als 40 Kulturzentren, mit deren Hilfe die türkische Regierung die türkische Sprache, Kultur und Kunst verbreitet. Die Anzahl der Religionsattachés ist allerdings nur bedingt relevant, da Diyanet auch ohne diese Attachés politischen Einfluss auf die regionale Ausprägung des (türkischen) Islam hat und diesen als kulturelles Spezifikum betrachtet.

Auf der Website der türkischen Botschaft in den USA beispielsweise wird kein Religionsattaché angeführt, dennoch gibt es in den USA 26 Moscheen, die offiziell der Diyanet unterstehen. Die türkische Religionsbehörde hat also auch ohne den Botschaftsposten direkten Einfluss.

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Genehmigte Einflussnahme

Ähnlich verhält es sich in Österreich. Diyanet konnte ab den 1960er Jahren beeinflussen, wie der Islam unter türkischen Muslimen in Österreich ausgelegt wurde. Mit der Zeit spaltete sich allerdings die Vereinslandschaft auf, bosnische oder arabische Vereine prägten die Glaubensgemeinschaft entscheidend mit. Da Diyanet auch Einfluss auf Türken zweiter Generation haben möchte, musste die Behörde ihre Strategie ändern. Seit 2010 – und damit ungefähr, seit Staatspräsident Erdoğan in seiner Politik aktiv den Islam instrumentalisiert – ist Diyanet auch in den hohen Räten der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich vertreten.

So kann sie beeinflussen, wie der islamische Religionsunterricht in Österreich aussieht. Nachdem 2017 publik wurde, dass der türkische Religionsattaché seinen Posten und die ATIB-Strukturen nutzte, um die türkische Bevölkerung auf ihre politische Gesinnung hin zu bespitzeln und diese Informationen für die türkische Regierung zu sammeln, wurde er allerdings abgesetzt.

Der Posten des religiösen Attachés wird nun nicht mehr auf der Botschaftsseite angeführt, stattdessen wird dort direkt auf die ATIB-Abteilung für religiöse Dienstleistungen verwiesen. Damit wird ein nach österreichischem Recht unabhängiger Verein genutzt, um einen Aufgabenbereich der türkischen Botschaft zu erfüllen. In Deutschland verhält sich die Situation mit dem Schwesternverein der ATIB – DITIB – übrigens genauso. Auch dort versuchen die Behörden, den staatlichen Einfluss der Türkei zurückzudrängen.

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Erstarkter Nationalismus

Problematisch an dieser Praxis ist vor allem, dass das Erstarken des türkischen Nationalismus unter Erdoğan sich auch in der religiösen Auslegung bemerkbar macht. So wird der Islam, der durch Diyanet und ATIB verbreitet wird, als osmanischer beziehungsweise türkischer Islam ausgelegt. Doch der Islam existiert eben nicht nur in seiner osmanischen Prägung, sondern ist eine eigenständige Religion, die beispielsweise in arabischen oder bosnischen Kreisen anders gelebt wird.

Allerdings führt der Einfluss der Diyanet nicht nur zu Problemen mit anderen Nationalitäten in der islamischen Glaubensgemeinschaft, sondern auch innerhalb der türkischen Community. Da der Kampf um die Vorherrschaft in der Glaubensgemeinschaft heikel ist, kommt es dabei immer wieder zu Intrigen und öffentlichen Anschuldigungen. So hat der Präsident der Glaubensgemeinschaft Ibrahim Olgun, der früher für die ATIB und damit die Diyanet tätig war, mit den österreichischen Behörden regen Austausch vor der Schließung von sechs arabischen Moscheen gehabt.

Abdi Tasdögen, Vizepräsident der Glaubensgemeinschaft und Vereinsmitglied der islamischen Föderation – also türkischstämmig, aber nicht im Einflussbereich der Diyanet – kritisierte daraufhin, dass der Hohe Rat der Glaubensgemeinschaft von Olgun keinerlei Informationen erhalten hätte, und forderte ihn zum Rücktritt auf. 

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Das Rechercheteam

Stefanie Braunisch
Team Experten

Stefanie Braunisch ist neugierig. Während des Journalismusstudiums an der FH Wien hat sie begonnen, im Kulturbereich journalistische Erfahrungen zu sammeln, dann hat die Neugierde doch gewonnen. In Folge hat sie zwei Jahre bei Dossier gearbeitet und versucht, alles mögliche über den Staat, Funktionsweisen und vor allem Steuergeldverschwendung herauszufinden. Jetzt ist sie investigativ für Addendum unterwegs.

Mathias Dechant
Team Experten

Mathias Dechant hat Rechtswissenschaften an der Universität Wien studiert. Danach Ausbildung zum Rechtsanwalt; Schwerpunkte in den Bereichen Zivilrecht, Corporate und M&A sowie IP. Er war seit den Anfängen des Studiums bis zuletzt in Wiener und Salzburger Wirtschaftskanzleien tätig.

Benedikt Morak
Team TV

Benedikt Morak, geboren 1981, hat sich als Fernsehjournalist auf Reportagen und Dokumentationen spezialisiert. 2013 machte er sich als Journalist und Filmemacher selbstständig. Er gestaltete u.a. für Sendereihen wie „Servus Reportage“, „ATV – Die Reportage“ und ORF 3.

Lukas Schmoigl
Team Experten

Lukas Schmoigl hat Volkswirtschaft und Statistik an der Wirtschaftsuniversität und an der Universität Wien studiert. Seine Expertise liegt auf dem Gebiet der quantitativen empirischen Forschung und Datenanalyse. Neben dem Studium war er in den vergangenen Jahren in der Abteilung IT-SERVICES an der WU tätig.

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