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Der verpasste Aufstieg der Türken in Österreich

Was den sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg betrifft, schneiden Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich schlecht ab. Während die Unterschiede zwischen Österreichern und anderen Einwanderergruppen kleiner werden, bleiben sie bei einer Gruppe seit Jahrzehnten auf einem ähnlichen Niveau: bei den Türken.

Daten
22.06.2018
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  • Schüler mit Muttersprache Türkisch fallen früher aus dem Bildungssystem als Schüler mit Muttersprache Bosnisch-Kroatisch-Serbisch
  • 18,6 Prozent der türkischen Staatsbürger in Österreich waren 2017 arbeitslos
  • Die Erwerbstätigkeitsquote bei türkischstämmigen Frauen ist geringer als bei Frauen mit anderem Migrationshintergrund

Der soziale und wirtschaftliche Aufstieg von Türkischstämmigen geht in Österreich schleppend voran. Auch Jahrzehnte nach den großen Einwanderungswellen zeigen sich im Vergleich mit Österreichern eklatante Unterschiede im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt. Die Unterschiede existieren zwar auch für andere größere Einwanderergruppen. In der türkischen Community manifestieren sie sich allerdings besonders stark.

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Wer sind „die Türken“?

Wenn es um die türkische Migration nach Österreich geht, fällt oft der Begriff „Gastarbeiter“. Gemeint sind damit die Menschen, die in den 1960er und 70er Jahren aus anderen Ländern geholt wurden, um die starke Nachfrage nach Arbeitskräften zu decken. Im Zuge dieser Entwicklung stieg die Zahl der türkischen Staatsbürger von der Volkszählung 1961 bis zu jener im Jahr 1981 von 219 auf zunächst 59.000 Menschen. Die zweite Welle der Einwanderung ab der Mitte der 80er Jahre geht in der öffentlichen Wahrnehmung meist unter: Durch sie erhöhte sich die Anzahl der Türken bis zum Jahr 1995 auf etwa 136.000.

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Viele von ihnen sind mittlerweile aus dieser Statistik verschwunden: Seit dem Jahr 1982 wurden insgesamt etwa 132.000 Türken zu Österreichern. Die größte Welle der Einbürgerungen von Türken fand um die Jahrtausendwende statt und erreichte den Spitzenwert von 13.680 Personen im Jahr 2003. Heute werden dagegen nur noch rund 800 Türken pro Jahr eingebürgert. Ein Anstieg der Zahl an türkischen Staatsbürgern durch Wanderung spielte in den letzten Jahren übrigens keine große Rolle mehr: 4.119 Personen sind im vergangenen Jahr aus der Türkei nach Österreich gezogen, 3.970 haben den umgekehrten Weg in die Türkei angetreten. Der Großteil davon sind türkische Staatsbürger. Die höhere Geburtenrate bei Türkinnen sorgt für den leichten Anstieg der Staatsbürgerzahlen.

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Verschiedene Hintergründe, gemeinsame Auffälligkeiten

So einfach sich die Zahl der türkischen Staatsbürger bestimmen lässt, so schwer fällt die Bestimmung der Personen mit türkischem Migrationshintergrund. Die Konstellationen sind vielfältig und verlaufen entlang von Staatsbürgerschaft, Geburtsland, Muttersprache oder Herkunft der Eltern: in Österreich Geborene mit türkischem Pass, österreichische Staatsbürger, die in der Türkei geboren sind, und auch Österreicher, deren Eltern eingewandert sind. Zu Beginn des Jahres 2018 befanden sich hierzulande 71.678 österreichische Staatsbürger, die in der Türkei geboren wurden. Zieht man als bestimmendes Merkmal das Geburtsland der Mutter heran, so leben in Österreich ca. 272.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.

Entlang vieler dieser Linien zeigt sich aber eins deutlich: Im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen stehen Türkischstämmige in Bezug auf Bildung und Arbeitsmarkt deutlich schlechter da. Und das sowohl im Kontrast zur alteingesessenen Bevölkerung als auch im Vergleich zu anderen großen Einwanderergruppen – etwa denen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die wohl bedeutendsten Probleme finden sich im formalen Bildungssystem.

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Der verfrühte Abschied aus dem Bildungssystem

Was die Bildungsintegration von Ausländern angeht, bekommt Österreich insgesamt eine schlechte Note. Bei Personen mit türkischem Migrationshintergrund fällt das Zeugnis besonders schlecht aus: Etwa 61 Prozent der hier lebenden Personen im Haupterwerbsalter mit türkischen Wurzeln verfügen lediglich über einen Pflichtschulabschluss.

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Dabei ist der Bildungsstand über eine so große Altersgruppe noch kein guter Indikator für den Grad der Bildungsintegration. Für viele, die im Erwachsenenalter nach Österreich kommen, ist das geringe Bildungsniveau ein Erbe aus ihren Heimatländern, das schwer aufgeholt werden kann. Relevanter ist daher das Abschneiden von Migranten in zweiter Generation und von jung nach Österreich Gekommenen. Doch auch gegenwärtig zeigt sich an den österreichischen Schulen ein Problem: Nach der Pflichtschule verschwindet ein vergleichsweise großer Teil der türkischstämmigen Jugendlichen aus dem formalen Bildungssystem.

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So liegt der Anteil der Kinder mit türkischer Muttersprache über den Pflichtschulbereich hinweg bei etwa 6 Prozent, nimmt danach aber rapide ab. In der 10. Schulstufe beläuft er sich nur noch auf 4,3 Prozent, in den für Matura und Lehrabschluss wichtigen 12. und 13. Schulstufen liegt der Anteil bei lediglich 3,3 bzw. 2,4 Prozent.

Eine vergleichbar große Gruppe stellen mit knapp unter 7 Prozent Kinder mit bosnisch-kroatisch-serbischer Umgangssprache. Deren Anteil an den weiterführenden Schulen nimmt zwar ebenfalls ab, sie können sich aber deutlich besser in der Schule halten. Auch nach Staatsbürgerschaft und Geburtsland zeigen sich in der Schulstatistik ähnliche Muster einer geringen Bildungsbeteiligung. Demgegenüber steigen erwartungsgemäß die Anteile der österreichischen und auch der meisten anderen EU-Staatsbürger in höheren Schulstufen an.

Viele türkischsprachige Jugendliche verlassen damit das formale Bildungssystem frühzeitig und ohne eine adäquate Ausbildung – schlechte Vorzeichen für eine in Österreich heranwachsende Generation. Diesem Problem soll vor allem die in der letzten Legislaturperiode beschlossene Ausbildungspflicht entgegenwirken. Deren Auswirkungen sind in den hier gezeigten Daten übrigens noch nicht sichtbar: Sie gilt erst für Personen, die mit dem Schuljahr 2017/2018 aus dem Pflichtschulbereich austreten. Zukünftig ist daher zu erwarten, dass die Anteile wesentlich stabiler bleiben.

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Verbesserung trotz großen Abstands

Dennoch ist ein Teil der Bildungsunterschiede eine Last älterer Generationen. Unter türkischen Staatsbürgern werden langsam Verbesserungen sichtbar: In den Survey-Daten der Arbeitskräfteerhebung besitzen lediglich 14 Prozent der Türken im Alter von 55 bis 64 eine weiterführende Ausbildung. Bei den 25- bis 34-Jährigen ist es immerhin etwa die Hälfte. Bei den ehemaligen Jugoslawen hat sich die Lage jedoch stärker verbessert.

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Nach wie vor bedenklich ist allerdings, dass mehr als die Hälfte der jungen türkischen Staatsbürger über keine weiterführende Ausbildung verfügt. Gerade Personen mit einem Pflichtschulabschluss oder weniger werden auf dem Arbeitsmarkt besonders schlechte Chancen gegeben – diese Erkenntnis scheint sich zumindest oberflächlich zu bestätigen.

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Von der Schule auf den Arbeitsmarkt

18,6 Prozent betrug die Arbeitslosenquote unter türkischen Staatsbürgern in Österreich im Jahresdurchschnitt von 2017. Zum Vergleich: Unter österreichischen Staatsbürgern lag die Arbeitslosigkeit bei 7,5 Prozent, bei Ausländern allgemein bei 12,5 Prozent und bei Bosniern bei 13,3 Prozent.

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Dabei zeigen sich in jungen Jahren zunächst kaum Unterschiede bei den gemeldeten Arbeitssuchenden. Erst ab einem Alter von etwa 25 Jahren beginnt sich der Abstand zu Ungunsten der türkischen Staatsbürger deutlich zu erhöhen. Von Altersarbeitslosigkeit scheinen Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft besonders betroffen. Dieses Phänomen besteht allerdings nicht nur unter den hier abgebildeten Türken und Bosniern.

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Erwerbstätigkeit unter Frauen

Besonders zäh verläuft die Integration in den Arbeitsmarkt bei türkischstämmigen Frauen. Betrachtet man die Erwerbstätigenquoten nach Migrationshintergrund, so zeigt sich ein hoher Anteil an türkischstämmigen Frauen, die keiner Beschäftigung nachgehen. Besonders auffällig ist dabei, dass der Anteil von einem jungen Alter ausgehend stagniert. Bei Frauen ohne Migrationshintergrund sowie bei Frauen mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien zeigt sich ein konträres Bild: Die Beteiligung am Erwerbsleben erhöht sich in jungen Jahren.

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Von den anderen abgehängt

Man könnte dieser Serie von Zahlen weitere hinzufügen und wahlweise die verwendeten Definitionen von Migrationshintergrund, Muttersprache und Staatsbürgerschaft in den bestehenden Datenquellen ausreizen. Eines bleibt aber doch recht deutlich: Türken und Türkischstämmige schneiden in allen Statistiken schlechter ab. Sie profitieren weniger als andere vom sozialen Aufstiegsprozess. Große Abstände zur Mehrheitsgesellschaft halten sich auch bei den Jungen hartnäckig. Das legt den Schluss nahe, dass Österreich der Verlust einer jungen Generation an Türken droht, die sich hier nicht zurechtfindet. 

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22.06.2018

Das Rechercheteam

Benedikt Morak
Team TV

Benedikt Morak, geboren 1981, hat sich als Fernsehjournalist auf Reportagen und Dokumentationen spezialisiert. 2013 machte er sich als Journalist und Filmemacher selbstständig. Er gestaltete u.a. für Sendereihen wie „Servus Reportage“, „ATV – Die Reportage“ und ORF 3.

Lukas Schmoigl
Team Experten

Lukas Schmoigl hat Volkswirtschaft und Statistik an der Wirtschaftsuniversität und an der Universität Wien studiert. Seine Expertise liegt auf dem Gebiet der quantitativen empirischen Forschung und Datenanalyse. Neben dem Studium war er in den vergangenen Jahren in der Abteilung IT-SERVICES an der WU tätig.

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