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Esoterik-Kurse auf Kosten der Steuerzahler

Strömen, Reflexzonenmassage und Kinesiologie: Österreichs Volkshochschulen haben 372 Kurse im Programm, die es nach ihren eigenen Richtlinien eigentlich nicht geben dürfte. Und die – zumindest teilweise – von den jährlich 35 Millionen Euro öffentlicher Förderung profitieren.

12.06.2019
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Keine spekulativen Verfahren ohne Wirkungsnachweis.“ So deutlich distanzieren sich die Volkshochschulen von Esoterikangeboten in ihren eigenen Richtlinien. Unsere vollständige Analyse von rund 13.000 Gesundheitskursen in allen Bundesländern zeigt den vielfachen Bruch dieser Regel. Wir haben in einer monatelangen Recherche 372 Kurse gefunden, die zumindest hinterfragenswert sind, und in manchen Fällen sogar gefährlich sein können.

Vom „Impuls-Strömen“ – einer Form von Handauflegen – über Fußreflexzonenmassage bis zur Kinesiologie reicht das Angebot der Bildungseinrichtung. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, haben wir die online verfügbaren Kurse abgefragt und nach Erwähnungen von häufigen alternativmedizinischen und esoterischen Begriffen durchsucht. Kurse, die keine Heilsversprechen abgaben, keine unwissenschaftlichen Reizwörter (wie „Energieblockaden“) verwenden, nicht für einzelne Personengruppen gefährlich sind oder für die in der Kursbeschreibung entsprechende Wirkungsnachweise vorliegen, sind in dieser Zahl nicht enthalten. Im Folgenden finden Sie das VHS-Kursbuch der Esoterik und Alternativmedizin zum Selbstdurchsuchen:

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Heilsversprechen und Energieblockaden

Gerald Gartlehner, Departmentleiter für evidenzbasierte Medizin an der Donau-Universität Krems, hat grundsätzlich nichts gegen Kurse zu alternativmedizinischen Methoden an Volkshochschulen einzuwenden, da das Thema an sich interessant sei. Aber: „Man muss mit offenen Karten spielen und den Leuten auch klar kommunizieren, dass es sich um Humbug-Behandlungen handelt. Es sollte nicht so sein, dass das als wirksame, etablierte Behandlung verkauft wird.“

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Gerald Gartlehner

Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin, Donau-Universität Krems

Gerald Gartlehner ist Direktor der österreichischen Zweigstelle von Cochrane, einer internationalen Kollaboration zur Erstellung von systemischen Übersichtsarbeiten zur Wirksamkeit von Therapien.

Jedoch: 32 der analysierten Kurse machen sogar Heilsversprechen – entweder explizit oder implizit durch Verwendung von Begriffen wie „Hausapotheke“, die also eine medizinische Wirkung suggerieren. Nur im Burgenland und in Salzburg haben wir keinen dieser Kurse gefunden. In allen anderen Volkshochschulen der Bundesländer schon.

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Weitere vierzig verwenden aus wissenschaftlicher Sicht nicht nachvollziehbare Begriffe wie „Energieblockaden“, „Qi“ oder „Lebensenergie“.

Alternativmedizin für Kinder

Einzelne Kurse wurden explizit für Kinder angeboten. Einerseits gab es Ende April in Tirol zwei Vortragsabende zu „Homöopathie für Kinder“. Viele Kurse aus dem Bereich Kinesiologie werden explizit für Eltern angeboten, teilweise mit Wirkungsversprechen wie dem Bekämpfen von Lernschwächen, ausgelöst dadurch, dass rechte und linke Gehirnhälfte „nicht richtig zusammen arbeiten“. Auch für diese Methoden der „Edu-Kinestetik“ liegen keine Wirkungsnachweise vor – erneut ein Widerspruch zur eigenen Richtlinie.

Workshops, in denen ätherische Öle zum Einsatz gegen „kleine Wehwehchen“ für Kinder und Jugendliche propagiert werden, sind ebenso im Kursprogramm enthalten. Nur: Einige oft verwendete ätherische Öle sind starke Allergika und können für Kinder gefährlich sein. Für die Aromatherapie, die mittels ätherischer Öle praktiziert wird, liegen außerdem keine Wirkungsnachweise vor.

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Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung warnt davor, dass Säuglinge und Kleinkinder empfindlich auf kleinste Mengen von ätherischen Ölen reagieren können. Wenn die Substanzen in Mund oder Nase geraten, könne das zu „lebensbedrohlichen Verkrampfungen des Kehlkopfs und zu Atemstillstand führen“.

Ausreißer Oberösterreich

Die oberösterreichischen Volkshochschulen bieten im Bundesländervergleich die höchste Anzahl von alternativmedizinischen oder esoterischen Kursen an. Und das, obwohl in Wien und der Steiermark insgesamt mehr Kurse im Bereich Gesundheit und Bewegung angeboten werden.

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Wie kommt es dazu, dass gerade Oberösterreich so viele fragwürdige Kurse im Programm hat? „Wir akzeptieren diese Kurse, weil es von den Kursteilnehmern als hilfreich erlebt wird“, sagt Christoph Jungwirth, Geschäftsführer der VHS Oberösterreich. Man habe außerdem schon Kurse im Bereich Homöopathie, Kinesiologie und Schüssler-Salze aus dem Programm genommen und befinde sich in einem Entwicklungs- und Lernprozess.

Unsere Recherchen deuten jedoch auf das Gegenteil hin: Für Kinesiologie gibt es nach wie vor mehrere Kurse, „Wohlbefinden mit Schüssler Salzen“ ist in der Arbeiterkammer Perg zu erlernen. Konfrontiert mit einem Kurs zum Thema Tierkommunikation, sagte Jungwirth, dass „in der Breite schon das eine oder andere durchrutschen“ könne. Aber: „Solange es als Entspannung und Ausgleich erlebt wird, halte ich das, bei immer wieder genauem Hinschauen, für akzeptabel.“

Gerald Gartlehner sagt dazu: „Wohlbefinden ist Wellness, da kann man auch in die Therme gehen. Bei vielen dieser Kurse schwingen Heilungsmöglichkeiten und Therapiemöglichkeiten mit, die die Leute sehen. Ich glaube, das wird – wenn vielleicht nicht explizit –  implizit mitversprochen.“

Einen anderen Zugang für Kritik formuliert Krista Federspiel, Mitbegründerin der Gesellschaft für kritisches Denken und spezialisiert auf Alternativmedizin. Teilweise werde bei solchen Kursen angebliches Wissen vermittelt, das keinen handfesten Hintergrund habe. Dass keine Heilung versprochen werde, habe juristische Gründe. Und: „Es sind oft suggestive Verfahren. Sie beruhen auf Täuschung und Selbsttäuschung.“

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Krista Federspiel

Medizinjournalistin, Mitgründerin der Gesellschaft für kritisches Denken (GkD)

Krista Federspiel berichtet seit langem kritisch über esoterische und alternativmedizinische Praktiken. Beispielsweise unternahm sie Anfang der 1990er für den Stern eine Reise zu zehn Heilpraktikern, die bei ihr unterschiedlichste Krankheiten diagnostizierten.

Wien: Gesundheitlicher Aspekt in Ordnung

Die Wiener Volkshochschulen formulierten laut eigenen Angaben schon 1994 die Esoterik-Richtlinien, die 2013 von den österreichischen Volkshochschulen übernommen wurden. Addendum hat etwa 75 Kurse in Wien identifiziert, die als esoterisch oder alternativmedizinisch eingestuft wurden. Die VHS Wien gibt dazu an, dass diese auf den gesundheitlichen Aspekt abzielen und deswegen mit den Richtlinien vereinbar seien: „Angebote, die einen möglichen spirituellen Zugang mit Bewegung kombinieren, werden intensiver mit dem Ziel geprüft, den ausschließlichen Fokus auf die Bewegungsabläufe zu legen. Um zu vermeiden, dass sich trotzdem spirituelle Kurse bei uns ,einschleichen‘, führen wir regelmäßige Unterrichtsreflexion und -beobachtungen durch.“

Nicht alle der 75 Kurse sind allerdings reine Bewegungs- oder Sportkurse. Ausnahmen dürften beispielsweise der Vortrag „Einführung in die Traditionelle Chinesische Medizin – TCM“ oder Kurse wie „Ätherische Öle – Hausapotheke der Natur“ sein. Auch Vorträge zur „Traditionellen Europäischen Medizin“ werden angeboten – Vortragende ist allerdings eine Allgemeinmedizinerin.

Das Angebot der Ismakogie, einer alternativmedizinischen Bewegungslehre, ist in Wien mit 48 Kursen das häufigste möglicherweise problematische Angebot. Die „Gesellschaft zur Förderung der Anne Seidel Ismakogie“ mietet Räumlichkeiten der VHS Hietzing. Auch hier legt die VHS Wien Wert auf die Feststellung, dass die Kurse nicht als Therapieform, sondern als vorbeugendes Gruppentraining angeboten werden. Bestätigt sehe man sich dadurch, dass Ismakogie-Kurse auch vom Universitätssportinstitut der Universität Wien angeboten werden.

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Staatlich gefördert

Die Volkshochschulen erhalten in vielen Ländern eine Basisförderung aus dem Steuertopf (siehe folgende Grafik). Bundesweit sind es 35 Millionen Euro. Selbst wenn keine Förderungen direkt an Teilnehmer oder Kursleiter von esoterischen Kursen fließen, werden diese damit indirekt unterstützt. Zudem stellen Gemeinden und andere staatsnahe Organisationen wie die Arbeiterkammern oftmals Räume für die Kurse kostenfrei zur Verfügung. Die Unterstützung von vielen offiziellen Stellen fördert das Image der Volkshochschulen und damit indirekt Praktiken, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt ist.

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Methodik

Ende Jänner und Anfang April wurden alle auf den Websites der VHS-Landesorganisationen einsehbaren Kurse abgerufen und deren Titel und Beschreibung gespeichert. In diesen Texten wurde nach häufigen Begriffen der Esoterik und Alternativmedizin gesucht. Diese wurden dann nach Wirkungsbehauptungen, Heilsversprechen und häufigen alternativmedizinischen Reizwörtern durchsucht. Unauffällige Kurse wurden im Zweifel nicht in die weitere Analyse einbezogen. So wurden beispielsweise viele Qi-Gong-Kurse ausgeschlossen, da sie zumindest der Beschreibung nach auf reine Sportübungen ausgerichtet waren.

Übrig blieben 372 Kurse, deren Wirkungsbehauptungen nach unserer Methodik fragwürdig erschienen, die von Energieblockaden oder Qi sprechen oder die für Untergruppen wie Kinder möglicherweise gefährlich sein können.

In der interaktiven Anwendung zu Beginn unseres Berichts sind jene Links angegeben, unter denen die Kurse ursprünglich abrufbar waren. Sie können jedoch mittlerweile aus dem Angebot genommen, verstrichen oder ausgebucht und deswegen nicht mehr abrufbar sein. In Tirol und Vorarlberg ist keine Möglichkeit vorhanden, direkt auf Kurse zu verlinken.

Teilweise konnte nicht die vollständige Beschreibung, wie auf der Website einsehbar, in die Datenbank übernommen werden. War nur eine kurze Beschreibung vorhanden, wurden auch die Websites besucht und die Langversionen für die Bewertung verwendet. Wir können nicht ausweisen, welche VHS-Ortsgruppe einen Kurs veranstaltet hat, weil der automatisierte Abruf im Jänner fehlgeschlagen ist. Wir konnten nur in rund einem Viertel der Kurse die Ortsgruppe angeben, weshalb wir uns gegen eine Veröffentlichung entschieden haben. 

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12.06.2019

Das Rechercheteam

David Freudenthaler
Gerald Gartner

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Markus „Fin“ Hametner

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

Yasaman Hasani
Benedikt Morak

Benedikt Morak, geboren 1981, hat sich als Fernsehjournalist auf Reportagen und Dokumentationen spezialisiert. 2013 machte er sich als Journalist und Filmemacher selbstständig. Er gestaltete u.a. für Sendereihen wie „Servus Reportage“, „ATV – Die Reportage“ und ORF 3.

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Das Rechercheteam

David Freudenthaler
Gerald Gartner

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Markus „Fin“ Hametner

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

Yasaman Hasani
Benedikt Morak

Benedikt Morak, geboren 1981, hat sich als Fernsehjournalist auf Reportagen und Dokumentationen spezialisiert. 2013 machte er sich als Journalist und Filmemacher selbstständig. Er gestaltete u.a. für Sendereihen wie „Servus Reportage“, „ATV – Die Reportage“ und ORF 3.

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