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Wem die Teiltauglichkeit nützt

Der Zivildienst, ursprünglich als Ersatzdienst für Wehrpflichtige konzipiert, die aus Gewissensgründen den Dienst mit der Waffe verweigern, hat sich offensichtlich zu einer Säule des österreichischen Sozial- und Gesundheitssystems entwickelt. Deshalb ist auch so gut wie jede Wehrpflicht-Debatte eigentlich nicht eine Debatte über das österreichische Bundesheer, sondern eine über das Zivildienstsystem. Die Österreicher stimmten bei der Volksbefragung 2013 hauptsächlich deshalb für eine Beibehaltung der Wehrpflicht, weil die NGOs aus dem Gesundheits- und Sozialbereich – Rotes Kreuz, Caritas – erfolgreich für die Aufrechterhaltung des Zivildienstsystems mobilisierten.

Jetzt steht dieses System vor einer neuen Herausforderung: Immer mehr junge Männer sind untauglich und müssen deshalb auch keinen Zivildienst leisten. Hauptgründe für die Untauglichkeit sind nach Angaben des Bundesheers der Lebensstil der jungen Männer und Umwelteinflüsse, vor allem werden in diesem Zusammenhang Bewegungsarmut, Allergien, Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats sowie der inneren Organe, eingeschränkte Sehkraft und Hörvermögen sowie psychische Ursachen genannt.

Um den Organisationen, die auf Zivildiener angewiesen sind, unter die Arme zu greifen, hatte es schon in der türkis-blauen Regierungszeit Überlegungen gegeben, die Tauglichkeitsgrenzen herabzusetzen, auch jetzt ist wieder davon die Rede, so etwas wie eine „Teiltauglichkeit“ einzuführen01. Damit käme man zwar wieder auf eine höhere Zahl an Zivildienern, allerdings, so der Einwand etlicher Experten, würde man auch die Qualität der Wehrdiener nach unten nivellieren.

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Die Frage, ob der Mythos vom Zivildienst als unverzichtbarer Stütze unseres Sozial- und Gesundheitssystems einer Konfrontation mit der Realität standhält02, wurde und wird in dieser Debatte eher nicht gestellt. Unser Rechercheteam hat versucht, diese Lücke zu füllen und sich zu diesem Zweck tief in das System Zivildienst gegraben. Wir haben nach seiner Berechtigung gefragt und auch mit jenem Experten gesprochen, der bisher als Einziger in Österreich den ökonomischen Nutzen des Systems berechnet hat. Wir haben auch nach Deutschland geschaut, wo seit 2011 mit der Abschaffung der Wehrpflicht auch kein Zivildienst mehr existiert – und ein Militärexperte scharfe Worte zur österreichischen Debatte findet.

Unser Eindruck während der Recherche: Es fehlt zumindest an kritischer Auseinandersetzung mit dem Thema. So hat etwa bisher nur ein Einziger jemals ein Alternativszenario durchgerechnet. Und das, obwohl die Einführung des Zivildienstes mittlerweile 46 Jahre zurückliegt, wie unsere Motion Designer im Video eindrucksvoll zusammengefasst haben.

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Aber lesen – und schauen – Sie selbst. 

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